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Ecclestone-Prozess : Nach Bahrein für 50 Millionen Dollar

Schon wieder vor Gericht, aber diesmal als Zeuge: Gerhard Gribkowsky sagt gegen Bernie Ecclestone aus. Bild: dpa

Im Formel-1-Prozess erzählt der Zeuge Gribkowsky wie er vom Angeklagten Ecclestone bestochen wurde. Kann man ihm glauben, fragt sich das Gericht.

          Es beginnt beinahe so wie in alten Zeiten, als beide um die Macht in der Formel 1 kämpften. Bernie Ecclestone schaut am Freitagmorgen wie immer mürrisch durch seine leicht getönte Brille, und Gerhard Gribkowsky hat seinen selbstsicheren Auftritt zurückgewonnen, ein ironisches Lächeln umspielt sein Gesicht, als er an dem Briten vorbeigeht. Ecclestone, der vor neun Jahren den Machtkampf für sich entschieden hatte, aber nun der Bestechung des Amtsträgers Gribkowsky angeklagt ist, muss sich dessen Erinnerungen an diese alten Zeiten anhören, an die Jahre 2003 bis 2006, als beide über die Rennstrecken der Welt tingelten. Und Gribkowsky schließlich 50 Millionen Dollar verlangte. Ecclestone habe ihn beim Großen Preis von Bahrein aufgefordert: „Tell me a number.“ Im Klartext: Wie viel soll es denn sein?

          Christoph Becker
          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Bereits im Sommer 2004, anlässlich des Großen Preises von Frankreich habe Ecclestone versucht, ihn zu bestechen, 10 Millionen Dollar geboten, für die friedliche Beilegung einer damals gegen eine Formel-1-Gesellschaft laufende Klage. Er habe Ecclestones erstes Angebot abgelehnt, der wiederum habe ihm später am Telefon gedroht, er solle sich vorsehen. „Das habe ich als unangenehm empfunden.“ Vor seinem Haus im vornehmen Münchner Stadtteil Grünwald seien in der Folge verstärkt Polizeistreifen gefahren, er hatte den Fall dem LKA geschildert – inklusive des unmoralischen Millionenangebots. Doch nicht nur der Vorsitzende Richter Peter Noll wundert sich anschließend, warum nicht umgehend ein Ermittlungsverfahren gegen Ecclestone eingeleitet worden sei.

          Verheerendes Bild vom Rennzirkus

          Gribkowsky trägt einen blauen Zweireiher mit weißem Einstecktuch. Er hat ein paar Kilo zugenommen, seit seinem letzten Auftritt vor Gericht, als er noch Angeklagter war. Jetzt entwirft er in seiner Schilderung ein verheerendes Bild von dem Rennzirkus. „Die Formel 1“, sagt er, „ist wie ein Spinnennetz, in dessen Mitte Herr Ecclestone sitzt.“ Es sei ein Geschäft, in dem „gönnt keiner dem anderen auch nur das Schwarze unter den Fingernägeln.“ Dass Ecclestone Schwierigkeiten mit den britischen Steuerbehörden wegen seiner Familienstiftung hatte und deshalb Gribkowsky eine Art Schweigegeld zahlte, davon will der Zeuge nichts gewusst haben. Es sei ihm schlicht „wurscht“ gewesen.

          Am Nachmittag stellt Richter Noll zum ersten Mal eine wirklich entscheidende Frage: „Hat es Ihrer Bestechung noch bedurft, als klar war, dass der Preis für die Anteile der BayernLB sehr gut sein würde?“ Ein schlichtes „Ja“ würde Ecclestone schwer belasten. Doch Gribkowsky, der eine Haftstrafe von achteinhalb Jahren absitzt, zu der er von Noll verurteilt wurde, holt weit aus: „Welchen Zweck die Zahlung für ihn hatte, kann ich nicht beurteilen. Meine größte Sorge war ein gutes Angebot für die BayernLB.“ Der Käufer CVC bot mehr als 800 Millionen Euro, das war ein gutes Angebot. Aber: Er habe in der Formel 1 eine alternative berufliche Zukunft gesehen, erzählt Gribkowsky. Also: „Natürlich habe ich auch an die eigene Zukunft gedacht, als es darum ging, CVC als Käufer zu präsentieren.“ Und die von Ecclestone geforderte Provision im Bayern-LB-Vorstand durchzudrücken. Über konkrete Zahlen sei erst anschließend gesprochen worden, als die Verträge schon unterschrieben waren. „Im März 2006 wollte ich wissen: Was ist meine Perspektive in der Formel 1? So bin ich zu Ecclestone zum Grand Prix in Bahrein geflogen.“ Noll hakt nach: „Mit Hoffnungen, Erwartungen oder Ansprüchen?“

          „Sie wollten jetzt die ganze Wurst?“

          Gribkowsky antwortet zögerlich: „Mit Erwartungen. Zum einen nach dem Gespräch vom April 2005. Das war der erste Schritt. Und ich hatte ein Angebot von Bambino aus dem November 2005.“ Ein Vertreter der Familienstiftung, die Ecclestone für seine damalige Frau gegründet hatte, hatte Gribkowsky ein Angebot gemacht: Für ihn seien 500000 bis 50 Millionen Dollar drin, wenn er sich in einem für Bambino kritischen Punkt beim Verkauf entsprechend verhält. „Danach hatten wir laufend Kontakt, auch wenn wir nicht ständig über mich gesprochen hatten. Der nächste Schritt war Bahrein.“

          „Sie hatten den Wurstzipfel und wollten jetzt die ganze Wurst?“, fragt Noll. „Ja, ich wollte sie in die Pfanne ziehen.“ Laufend Kontakt? Noll will es genau wissen. Doch an einzelne Telefonate kann sich Gribkowsky nicht erinnern. Allerdings weiß Gribkowsky noch, was Ecclestone in Bahrein sagte, als er hörte, dass die BayernLB Gribkowsky keinen Bonus gezahlt habe: „Verdammte Bank.“ Erst dann habe er Gribkowsky gefragt, wie viel er haben wolle. Und wofür hat Ecclestone gezahlt, will Noll wissen. „Ich habe diese Frage nie gestellt“, sagt Gribkowsky. „Das war ein Fehler.“ Noll wirkt nicht überzeugt, bohrt nach, doch konkreter wird Gribkowsky nicht.

          Auch hinsichtlich seiner Anstellung bei einer Anstalt öffentlichen Rechts sei mit Ecclestone durchaus häufiger gesprochen worden. „Civil servant“ habe ihn Ecclestone genannt. Wann und wo? „Ich kann es nicht an konkreten Gesprächen festmachen“, sagt Gribkowsky. Nolls Überzeugung wächst nicht, der frühere Banker macht keinen guten Eindruck.

          „Ich muss meine Contenance aufbauen“

          Nach mehr als sieben Stunden Vernehmung erinnert sich Gribkowsky auf Vorhalt des Richters plötzlich daran, dass ihm Ecclestone im Laufe des Jahres 2005 doch 80 Millionen Euro geboten haben soll. So hatte es Gribkowsky einst der Staatsanwaltschaft bei einer Vernehmung gesagt. An diesem Freitag wollte ihm dieses Angebot nicht mehr einfallen – bis ihn Noll daran erinnert. Gribkowsky erinnert sich, wenn auch nur in Grundzügen. Wann Ecclestone die 80 Millionen geboten habe? Irgendwann zwischen April und November 2005, vielleicht auch danach, antwortet Gribkowsky.

          So endet die Vernehmung des Zeugen. „Ich muss meine Contenance aufbauen“, sagt Noll. Niemand lacht. Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt.

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