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Fett- und Zuckersteuer : Die süße Verführung

  • -Aktualisiert am

Süßes kann so lecker sein. Ob die Fettsteuer trotzdem vom Kauf zuckerhaltiger Lebensmittel abhält? Bild: Jung, Hannes

Sondersteuern auf süße und fettige Nahrung? Die Advokaten solcher Steuern haben den Zeitgeist auf ihrer Seite. Ihre Argumente klingen vernünftig. Aber die Steuer wäre eine gewaltige Grenzüberschreitung. Ein Kommentar.

          3 Min.

          Es ist häufiger als früher zu beobachten, dass beleibte Menschen im Supermarkt ihre Einkaufswagen mit Nahrungsmitteln vollladen, die als ungesund gelten. Sie haben sich offenbar nicht gut unter Kontrolle. Vielleicht erwarten sie auch nicht, dass die Völlerei später zu ihnen wie ein Bumerang zurückfliegen wird, in Form eines Herzinfarkts oder von Diabetes. Auch ihre Kinder sind dick, gerade so, als hätten ihnen die Eltern schon Cola im Babyfläschchen gefüttert. Obst kennen sie nicht mal aus dem Märchenbuch. Diese Welt ist ein Paradies für Ernährungspolitiker und Bürokraten.

          Vor einigen Tagen forderten die Vereinten Nationen - den 1939 gegründeten Reichsvollkornbrotausschuss gibt es ja nicht mehr - die Politik dazu auf, die Ernährung der Menschen von Grund auf zu verändern. Lebensmittel mit viel Zucker, Salz und Fett sollten höher besteuert werden. Auch Werbung für das Ungesunde solle eingeschränkt werden (das forderte zuletzt auch Foodwatch). Dafür müssten Obst und Gemüse aus der Region durch Subventionen günstiger gemacht werden - zum Wohl der Dicken aus dem Supermarkt, zum Wohl der heimischen Landwirtschaft und irgendwie sogar auch zugunsten der Hungernden in der Dritten Welt und der Umwelt.

          Die Advokaten der neuen Steuern haben den Zeitgeist also gleich mehrfach auf ihrer Seite. Ihre Argumente klingen vernünftig. Wie etwa, dass die spätere medizinische Behandlung der Vielesser auf Rechnung aller Krankenversicherten gehe und das Ungesunde deshalb teurer werden müsse. Es scheint vorstellbar, dass solche Steuern eines Tages vielerorts beschlossen werden.

          Dosenravioli als Luxusgut

          Die Argumente klingen schrecklich vernünftig. Denn Süßigkeiten, Dosenravioli und Limonade müssten wohl sehr viel teurer werden, um Verbraucher zu einem Verzicht zu bringen, der tatsächlich Diabetes und Bluthochdruck zurückgehen ließe. Wahrscheinlich müssten diese Lebensmittel dafür sogar wieder Luxusgüter werden, so wie sie es bis in die frühen fünfziger Jahre waren. Oder es kommt so wie in Ungarn, das 2011 als erstes Land in der EU eine Sondersteuer auf Süßes, Salziges und Fettes einführte: Dort wurde die Cola nur um 2 Cent teurer, was nicht das Konsumverhalten lenkt, sondern einfach die Staatskasse füllt.

          Eine andere Lenkungssteuer funktionierte im Kampf gegen das Rauchen zwar ganz vorbildlich: die Tabaksteuer. Aber der Vergleich führt in die Irre. Die Tabak- und die Fettsteuer haben sehr unterschiedliche Qualitäten. Die erste zielt auf einzelne Suchtmittel ab und ist so eher vergleichbar mit Drogenverboten, wie es sie immer wieder gab (wenn diese auch oft eher Schwarzhändlern und der Mafia halfen, wie die Geschichte der Alkoholprohibition zeigt). Die Fett- und Zuckersteuer aber zielt darauf, die Menschen zu einem neuen Verhalten auf breiter Ebene zu veranlassen.

          Der Idee, die Welt mit Steuern und Verboten zum Guten zu verändern, haftet etwas Totalitäres an, auch und gerade wenn die Steuern nur auf „Böses“ erhoben werden. Es gäbe, wenn schon, liberalere Mittel: Kostenbeteiligungen an Arztbehandlungen für Übergewichtige, effektivere Prävention oder (noch) mehr Transparenz auf den Lebensmittelverpackungen.

          Der gute Bürokrat und sein Bild des schwachen Menschen

          Letztlich werden sich die Geister in der Frage der Fettsteuer an ihrem Bild vom Verbraucher scheiden: Ist es das Bild eines souveränen, selbständigen Menschen, der sich selbst am ehesten zu Gesundheit und Wohlbefinden regulieren kann? Oder stellt man sich den Verbraucher als Dummkopf vor, der auf jeden Werbetrick der Lebensmittelindustrie hereinfällt und die süße Verführung so lange aufsaugt, bis er sozusagen einmal platzt?

          Natürlich entscheidet sich jeder gute Bürokrat für das zweite Verbraucherbild. Ihm ist ja auch der hilfsbedürftige Arbeitslose lieber als der aktive, der bedrohte Käfer lieber als die Art, die selbst ihre Nischen findet. Wären die Schwachen nicht so schwach, brauchte es auch weniger Politiker, die sie an die Hand nehmen.

          Das Verhalten aller soll - auf wissenschaftlicher Basis, versteht sich - geändert werden. Die wissenschaftliche Basis ist groß. Allein der Lebenslauf des die Fettsteuer vorantreibenden „Sonderbeauftragten für das Menschenrecht auf Ernährung“ der Vereinten Nationen, des Juristen Olivier de Schutter, ist 27 Seiten lang, gefüllt mit Dutzenden Vorträgen und wissenschaftlichen Arbeiten. Expertentum kann aber auch dazu führen, dass sich die spezialisierte Wissenschaft nicht mehr mit Fragen außerhalb ihres Bereiches befasst: Ist Gesundheit überhaupt ein Wert, den alle als absolut annehmen? Ist eine gelegentliche Flasche Korn nicht gut für einen traurigen Rentner? Vertragen gesunde Kinder nicht unglaubliche Mengen von Nutella, Chips und Wassereis, und soll man ihnen die Freude nehmen? Muss einem Menschen nicht erst so richtig übel werden von Schokolade und Geschmacksverstärkern, bis er einsieht, wie toll Möhren sind?

          Intelligente Entscheidungen sind nicht im hohen Schloss der Bürokratie zu erwarten, sondern im Nahbereich des Menschen. Das steht so ähnlich bei Kafka. Aber es ist wahr. Auch wenn Einzelne mit ihrer Freiheit nicht so vernünftig umgehen.

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