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Facebook-Profile : Neugierige Personalabteilungen

Facebook hat ermittelt, welchen Vernetzungsgrad seine Nutzer haben. Bild: dapd

In Amerika wollen Unternehmen von Bewerbern deren Facebook-Passwörter wissen. Politiker zeigen sich empört. Gesetze sollen in Zukunft das Erfragen von Passwörtern illegal machen.

          Unverschämte Fragen in Vorstellungsgesprächen sind keine neue Erscheinung. Deshalb gibt es in Deutschland wie auch in Amerika Gesetze, die bestimmte Fragen verbieten. Fragen nach Schwangerschaft, Religionszugehörigkeit oder sexueller Orientierung zum Beispiel sind in den meisten Fällen unzulässig. Diese Restriktionen ändern freilich nichts an der Neugierde mancher Personalabteilungen. Entsprechend verführerisch ist aus Arbeitgeberperspektive die Aussicht, Zugang zu den Facebook-Profilen von Bewerbern zu haben. Schließlich geben Facebook-Nutzer eine Fülle von persönlichen Informationen preis, darunter auch genau solche, nach denen man in Vorstellungsgesprächen nicht direkt fragen dürfte.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Freilich sind viele Facebook-Mitglieder vorsichtiger geworden, und es gibt ein verstärktes Bewusstsein für etwaige Konsequenzen übermäßiger Mitteilungsfreude, etwa wenn der Chef Partyfotos oder politische Meinungsbekundungen sieht. Viele Nutzer haben daher mit Privatsphäreeinstellungen auf der Seite ihre Profile so angelegt, dass die meisten Inhalte nicht für die Öffentlichkeit einsehbar sind, sondern nur für ihre Freunde. Der potentielle Facebook-Datenschatz ist somit als Informationsquelle für Arbeitgeber versperrt.

          Warum also nicht direkt von den Bewerbern in den Vorstellungsgesprächen ihre Facebook-Passwörter verlangen? Berichte über solche Fälle sorgen gerade in Amerika für Aufregung. Die Nachrichtenagentur AP hatte in der vergangenen Woche mit einem längeren Bericht über diese Praxis den Stein ins Rollen gebracht und führte mehrere Beispiele von Bewerbern an, die mit der Frage nach Facebook-Zugangsdaten konfrontiert worden sind. Es gab einen Aufschrei von Datenschützern, seither ist das Thema zu einem Politikum geworden.

          Gesetzesentwürfe verbieten das Erfragen von Passwörtern

          Zu Wochenbeginn haben sich die beiden Senatoren Charles Schumer und Richard Blumenthal von der Demokratischen Partei in die Diskussion eingeschaltet. Sie forderten das amerikanische Justizministerium und die Gleichstellungsbehörde EEOC auf, zu überprüfen, ob das Fragen nach Facebook-Passwörtern zwei bestimmte Gesetze verletzt. Gleichzeitig teilten die Senatoren mit, an eigenen Gesetzesvorlagen zu arbeiten, um der Praxis Einhalt zu gebieten. „Arbeitgeber haben kein Recht, von Bewerbern ihre Hausschlüssel zu fordern oder ihre Tagebücher zu lesen - warum sollten sie nach Facebook-Passwörtern fragen dürfen?“, sagte Schumer.

          Der Schutz persönlicher Informationen sei gerade bei der Jobsuche wichtig, „wenn die ganze Macht auf der einen Seite des Zauns ist“. Es ist nach Auffassung von Rechtsexperten nicht eindeutig klar, ob die Forderung nach Passwörtern für Facebook oder andere soziale Netzwerke gegen amerikanische Bundesgesetze verstößt. Auf Ebene einzelner Bundesstaaten sind in jüngster Zeit aber einige Gesetzesvorlagen entworfen worden, die diese Praxis illegal machen würden. Illinois und Maryland erwägen zum Beispiel entsprechende Gesetze, am vergangenen Freitag kündigte der kalifornische Senator Leland Yee einen Gesetzentwurf für seinen Bundesstaat an. All diese Initiativen wollen das Erfragen von Facebook-Zugangsdaten nicht nur von Bewerbern, sondern auch von bestehenden Mitarbeitern unterbinden.

          Facebook selbst hat die Kontroverse genutzt, um sich zum Verteidiger der Privatsphäre seiner Nutzer aufzuschwingen. Erin Egan, die als „Chief Privacy Officer“ für Datenschutzfragen bei Facebook zuständig ist, veröffentlichte Ende vergangener Woche einen längeren Blogeintrag und sprach von „alarmierenden Praktiken“, wenn Unternehmen Bewerber oder Mitarbeiter nach Passwörtern fragen. Dies verstoße gegen Facebook-eigenen Nutzerbedingungen. Dort heißt es in einer „Erklärung der Rechte und Pflichten“: „Du wirst keine Anmeldeinformationen einholen oder auf ein Konto zugreifen, das einer anderen Person gehört.“

          Nicht ganz frei von Ironie

          Egan wies weiter darauf hin, dass Unternehmen ein juristisches Risiko eingehen und sich für Diskriminierungsklagen anfällig machen, wenn sie sich Zugang zu den Facebook-Profilen von Bewerbern verschaffen. Denn dort könnten sie womöglich auf Informationen stoßen, die den Bewerber als Angehöriger einer per Gesetz vor Diskriminierung geschützten Gruppe identifizieren. „Wir haben bei Facebook wirklich hart daran gearbeitet, euch die Werkzeuge zu geben, um zu kontrollieren, wer eure Informationen sieht“, sagte Egan den Nutzern.

          Dass Facebook sich nun so wortgewaltig gegen Verletzungen der Privatsphäre seiner Nutzer ausspricht, ist nicht ganz frei von Ironie. Schließlich ist Facebook selbst immer wieder vorgeworfen worden, sich wenig um den Datenschutz zu scheren und seine Nutzer dazu zu drängen, möglichst viel über sich zu verraten. Denn diese Daten wertet Facebook aus, um den Nutzern maßgeschneiderte Werbung auf seiner Seite zu zeigen. Facebook ist wegen seiner Datenschutzpraktiken ins Visier der amerikanischen Regierung geraten.

          Vor wenigen Monaten schloss das Unternehmen einen Vergleich mit der amerikanischen Verbraucherschutzbehörde FTC und stimmte zu, sich in den nächsten zwanzig Jahren unabhängigen Datenschutzüberprüfungen zu unterziehen. Zwar liegt es im Interesse von Facebook, seine Nutzer zur Preisgabe möglichst vieler Informationen zu ermuntern, gerade mit Blick auf den bevorstehenden Börsengang. Das Unternehmen hat aber auch erkannt, dass es die Privatsphäre seiner Nutzer nicht ignorieren kann - und weist darauf auch in seinem Börsenprospekt hin: Dort wird öffentliche Kritik an den Datenschutzpraktiken des Unternehmens als einer der Risikofaktoren für das Geschäft aufgeführt.

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