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Fitschen, Ackermann & Co. : Die Deutsch-Banker vor Gericht

Bild: dpa

Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen und vier Ex-Vorstände müssen sich von diesem Dienstag an wegen versuchten Prozessbetrugs und uneidlicher Falschaussage vor Gericht verantworten. So etwas gab es noch nie.

          Manager führen ein unstetes Leben, kein Tag ist wie der andere. Im Leben von Jürgen Fitschen allerdings wird es künftig eine Konstante geben: Jeden Dienstag um halb zehn muss sich der Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank im Landgericht München einfinden, seine drei Verteidiger im Schlepptau. Dort wird er auf alte Kollegen treffen, wie früher in den Frankfurter Zwillingstürmen: seinen Vorgänger Josef Ackermann, seinen Vorvorgänger Rolf Breuer, seine ehemaligen Vorstandspartner Clemens Börsig und Tessen von Heydebreck.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Ungezwungen wird es dabei nicht zugehen. Alle fünf Angeklagten haben ihre Verteidiger dabei, außerdem schickt auch die Deutsche Bank noch eigene Vertreter in den Gerichtssaal, als sei sie durch all ihre amtierenden und früheren Organmitglieder nicht schon üppiger vertreten, als ihr lieb sein kann. Doch in dem Verfahren ist sie „Nebenbeteiligte“, dem Unternehmen droht deshalb auch selbst ein Bußgeld in Millionenhöhe. Insgesamt drücken sich rund zwanzig Leute auf der Anklagebank.

          Alles in allem ein bemerkenswerter Vorgang. So viele gestandene Deutsche-Bank-Manager auf einmal hat ein deutsches Strafgericht noch nie vorgeladen. Allerdings ist es nur der vorläufige Höhepunkt in einer ganzen Serie von rechtlichen Schwierigkeiten, die kaum vielfältiger sein könnten. Kirch-Verfahren, Libor-Skandal, Steuerbetrug beim Handel mit CO2-Zertifikaten, um nur die wichtigsten - und teuersten - Eskapaden zu nennen. Jeder Sachverhalt ist hochkomplex und von Besonderheiten geprägt.

          Offener Widerspruch zum „Kulturwandel“

          Nur eines haben die Fälle gemein: Allesamt offenbaren sie ein Krisenmanagement, das selbst bei einer wohlmeinenden Interpretation nur als chaotisch bezeichnet werden kann. Justizbehörden in Deutschland, Amerika und England kamen in den drei Fällen zu einer wesentlich harscheren Bewertung: Von schlampiger Aufklärung ist die Rede, von zögerlicher Kooperation. Daten sollen gelöscht und Ermittler behindert und in die Irre geführt worden sein. Und nun spricht die Staatsanwaltschaft im Münchner Verfahren sogar von Lug und Betrug. Das steht im offenen Widerspruch zu der Parole vom „Kulturwandel“, den die Konzernspitze ausgegeben hat.

          Mindestens 6 Milliarden Euro musste die Bank in den vergangenen Jahren allein für Straf- und Vergleichszahlungen aufwenden. Doch statt Verantwortlichkeiten zu klären und Konsequenzen zu ziehen, nicht nur aus den Rechtsverstößen, sondern auch aus deren mangelhafter Aufarbeitung, verheddert sich der Konzern in Strategiediskussionen. Welche Rolle spielte Fitschen? Und welche sein Ko-Vorstandsvorsitzender Anshu Jain, als Vorstandsmitglied bis 2012 verantwortlich für den Bereich Investmentbanking?

          Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender von 2002 bis 2012 Bilderstrecke

          Das Strafverfahren in München jedenfalls wird für alle Anwesenden alles andere als ein Vergnügen. Zu erwarten sind endlose Zeugenaussagen darüber, wer was wann sagte und was er damit gemeint haben könnte. Und das im Zusammenhang mit Ereignissen, die schon mehr als 13 Jahre zurückliegen und sich um die finanzielle Situation eines Mann drehen, der schon längst verstorben ist. Die Rede ist vom Medienunternehmer Leo Kirch, bekannt durch die Fernsehsender Pro Sieben und Sat 1.

          Damals, im Jahr 2002, war die Welt für die Deutsche Bank noch in Ordnung. Der Vorstandssprecher Rolf Breuer war ein mächtiger Mann, gut vernetzt in der Bankenwelt und in der Frankfurter Gesellschaft. Eine Dienstreise nach New York zum World Economic Forum brachte die Wende. In einem Hotelzimmer gab er dem Nachrichtensender „Bloomberg TV“ ein Interview, in dessen Verlauf er die Todsünde des Bankiers beging: Er äußerte sich über die schwierigen finanziellen Verhältnisse seines Bankkunden Leo Kirch. Sehr hölzern und umständlich und eigentlich sehr ausweichend antwortete er auf die Fragte des Journalisten, ob die Deutsche Bank bereit sei, neben ihrem Kredit in Höhe von 800 Millionen Euro noch weiteres Geld bereitzustellen, um dem strauchelnden Konzern aus der Patsche zu helfen: „Was alles man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen.“

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