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Ratlosigkeit in Fukushima : Unter Wasser

Im Juni erklärte Takahasi seinen Besuchern noch, die Situation mit dem Wasser sei stabil, und versuchte dabei sogar ein kurzes Lächeln. Von einer Aussichtsplattform im Süden sollten sich die Besucher von den Fortschritten in Fukushima überzeugen. Ein Teppich von Wassertanks breitet sich unten aus. „So lösen wir das Problem“, berichteten Tepco-Ingenieure damals stolz. Sie haben es nicht gelöst. Einige der Wassertanks, hastig und kostensparend errichtet, fangen an zu lecken. Als Tepco vor gut zwei Wochen einräumte, dass aus einem der Container rund 300 Tonnen stark radioaktiv belasteten Wasser ausgelaufen sind, zog die japanische Atomaufsicht NRA die Notbremse. Mangelhafte Kontrollen, falsche Messungen - die Liste der Vorwürfe, die die Atomaufseher der Betreibergesellschaft machen, ist lang.

„Glauben Sie mir, dass dieser Tag mich verändert hat“

Der Chef der NRA, Shunichi Tanaka, ist ein sehr kontrollierter und höflicher Herr. Tanaka, 68 Jahre alt, war einst selbst eng im Netzwerk der Atomlobby verflochten, bis am 12. März 2011 in Fukushima in drei Reaktoren die Reaktorkerne schmolzen. Er ist in Fukushima aufgewachsen. „Glauben Sie mir, dass dieser Tag mich verändert hat“, sagt er heute. An Tepco lässt der Atomaufseher kein gutes Haar und empört sich. „Ein Missgeschick passiert nach dem anderen“, schimpfte er, als Tepco immer wieder neue Leckagen und Pannen einräumen musste. Sein härtester Vorwurf: Die Manager an der Spitze von Tepco schienen bis heute den Ernst der Lage nicht begriffen zu haben. Auch die Messungen von Tepco zweifelt Tanaka öffentlich an. „Wir müssen überlegen, ob wir uns allein auf die Daten von Tepco verlassen oder ob wir selbst die Belastung des Meerwassers kontrollieren.“

Die Regierung in Tokio, die zu den Problemen lange geschwiegen hat, fürchtet wegen der sich häufenden Pannen um das internationale Ansehen Japans. Regierungschef Shinzo Abe ist besorgt, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich wegen der Angst vor dem Atom bei der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2020 doch noch gegen den Favoriten Tokio entscheidet. Vor allem deswegen übernimmt Abe jetzt selbst die Verantwortung. Und das tut er recht vollmundig. „Bei den Spielen 2020 wird von Fukushima kein Risiko ausgehen.“

„Tepco allein kann es nicht“, stellt Industrieminister Toshimitsu Motegi fest. Dabei wäre es in den letzten Monaten gerade sein Job gewesen, dem Unternehmen in Fukushima gründlich auf die Finger zu schauen. Doch Motegis Beamte sind eher daran interessiert, den Export japanischer Atomtechnik zu fördern, statt sich um die Aufräumarbeiten in Fukushima zu kümmern. Dass sich das Ministerium immer noch stärker als Lobbyist für denn als Aufseher über die Atomwirtschaft versteht, zeigt sich an Kleinigkeiten. So wird die Entscheidung der NRA, die neuen Pannen seit Ende August als „ernsten Störfall“ einzustufen, eher mit Unverständnis und mit dem Hinweis kommentiert: Das Gelände zur See sei doch gar nicht belastet gewesen.

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