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Ratingagenturen : Standard & Poor’s in der Defensive

Glaubt man den Ratingagenturen, sind sie nur die Überbringer der schlechten Nachrichten Bild: DAPD

Noch verteidigen die Analysten ihre Bonitätsnoten. Aber die Ratingagenturen geraten unter immer stärkeren Druck - seitens der Anteilseigner, des Gesetzgebers, der Märkte und der Öffentlichkeit.

          Die Leute von Standard & Poor’s brauchen ein dickes Fell. Politiker reagieren in der Regel verschnupft, wenn die Bonitätsnoten ihrer Staaten gesenkt werden oder mit einer Abstufung gedroht wird. Als die größte der amerikanischen Kreditbewertungsagenturen im August den Vereinigten Staaten wegen einer verfahrenen Debatte um die Staatsschulden die Bestnote entzog, sprach Finanzminister Timothy Geithner von einer „schrecklichen Fehleinschätzung“.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          In Europa, wo S&P kürzlich mehrere der 17 Euroländer, darunter auch Deutschland, vor einer möglichen Herabstufung gewarnt hat, fällt die Kritik ähnlich scharf aus. Weil die Ankündigung kurz vor einem EU-Gipfel veröffentlicht wurde, kam der Verdacht einer politischen Einflussnahme auf. Weil S&P und die anderen beiden großen Agenturen Moody’s und Fitch ihre Zentralen in Amerika haben, wurde wieder der Ruf nach einer unabhängigen europäischen Ratingagentur laut.

          Nur der Überbringer schlechter Nachrichten?

          An den Analysten von S&P prallt diese Kritik zumindest äußerlich ab. „Niemand der Anleihen ausgibt, ist mit einer Herabstufung von uns glücklich“, sagte David Beers, der die Sparte für Länderratings bei S&P leitet, als die Welle der inneramerikanischen Kritik über ihn hereinbrach. Man müsse die Dinge aber benennen, wie sie sind. Auf ähnliche Weise weist jetzt auch der S&P-Chefanalyst für Europa, Moritz Krämer, die Kritik zurück. Es sei Aufgabe einer Ratingagentur, Kreditrisiken zu analysieren, und es nutze nichts, den Überbringer einer schlechten Nachricht zu bestrafen.

          Trotz der äußerlich unbeugsamen Haltung ihrer Analysten befindet sich S&P wie ihre Muttergesellschaft, der börsennotierte Verlag McGraw-Hill, aber im Umbruch. Im September, nur wenige Wochen nach der spektakulären Herabstufung der Vereinigten Staaten, kündigte S&P einen Wechsel an der Spitze an, der allerdings schon Monate vorher eingeleitet worden war. Der seit vier Jahren amtierende S&P-Präsident Deven Sharma übergab die Führung der Gesellschaft an den ehemaligen Bankmanager Douglas Peterson.

          Emittenten zahlen für die Bewertung ihrer Bonität

          Sharma war angetreten, S&P zu reformieren. Seine Vorgängerin Kathleen Corbet hatte das Unternehmen vor dem Hintergrund der amerikanischen Hypothekenkrise verlassen. Kritiker warfen den Ratingagenturen vor, Hunderte mit zweitklassigen Hypotheken besicherte Anleihen viel zu spät heruntergestuft und nicht rechtzeitig auf den absehbaren Verfall des amerikanischen Häusermarktes reagiert zu haben.

          Sharma verschärfte daraufhin die Anforderungen an die Kreditbewertungen und trennte das Ratinggeschäft von der Finanzinformationssparte. Unter dem Dach von S&P befinden sich neben der Ratingagentur auch ein Indexanbieter, der unter anderem das bekannte amerikanische Aktienmarktbarometer S&P 500 betreibt, und die Sparte Capital IQ, die Daten und Analysen für institutionelle Investoren erstellt. Die Ratingagentur, die von Emittenten für die Bewertung ihrer Bonität bezahlt wird, steuert aber mehr als die Hälfte zum S&P-Jahresumsatz von rund 3 Milliarden Dollar bei.

          Forderungen nach einer „unabhängigen Aufsichtsperson“

          Aber zwei neue Großaktionäre, der Hedgefonds Jana Partners und der Lehrer-Pensionsfonds der kanadischen Provinz Ontario, hatten in diesem Jahr auf ein neues öffentliches Gesicht für die Ratingagentur gedrängt. S&P brauche eine „bekannte und unabhängige Aufsichtsperson“, um die zunehmend komplexe Regulierung zu managen und den Dialog mit Investoren, Aufsichtsbehörden und der Öffentlichkeit zu verbessern, forderten sie. Die Investoren wollten zudem eine Aufspaltung und eine Trennung von McGraw-Hill. Im September hat das Unternehmen die Trennung des Kapitalmarktgeschäfts von seinem Schulbuchverlag bekanntgeben und damit die Forderungen teilweise erfüllt.

          Der neue S&P-Chef Peterson erfüllt zumindest auf dem Papier die Forderungen der Investoren. Vor seinem Wechsel war er für das operative Geschäft der Citibank, der globalen Banksparte des großen Finanzdienstleisters Citigroup, verantwortlich gewesen. Als Bankmanager hat Peterson Erfahrung im Umgang mit Aufsichtsbehörden und Anlegern. Peterson kündigte vor ein paar Tagen nun erste personelle Veränderungen an. Der bisherige Kreditchef Mark Adelson, der für die Standards und Abläufe bei der Vergabe von Bonitätsnoten zuständig war, wird abgelöst und erhält eine andere Aufgabe. Adelson war 2008 mit dem Mandat zu S&P gekommen, es für die Emittenten schwerer zu machen, Spitzennoten zu erhalten. Die schärfer gewordenen Kriterien haben S&P allerdings Marktanteile gekostet, besonders im Bereich strukturierter Produkte. Darunter fallen unter anderem komplexe Hypothekenanleihen.

          Die Aufarbeitung der Finanzkrise gewinnt erst an Fahrt

          Der bisher für strukturierte Produkte verantwortliche Manager David Jacob verlässt das Unternehmen. S&P hatte im Sommer die Bewertung einer Hypothekenanleihe kurzfristig zurückgezogen und damit Emittenten und Anleger verärgert. Über den Berg ist S&P noch nicht. Die juristische und gesetzgeberische Aufarbeitung der Finanzkrise gewinnt in Amerika erst Fahrt. Die Börsenaufsicht SEC erwägt noch rechtliche Schritte gegen S&P wegen einer zu hohen Bewertung von komplexen Hypothekenanleihen im Vorfeld der Finanzkrise. Zudem macht die amerikanische Bankenaufsicht erste Schritte, um den Einfluss von Ratingagenturen zu beschränken. Das hatte der Kongress im 2010 verabschiedeten Finanzmarktreformgesetz gefordert. Der Druck auf die Agenturen wächst noch.

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