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Rasant steigende Nahrungsmittelpreise : Die teuren Früchte der Globalisierung

Weizen - ein teures Gut Bild: AFP

Nach der Finanzkrise droht die Nahrungsmittelkrise. Alle schlagen Alarm: Der IWF, die Weltbank, der deutsche Landwirtschaftsminister. Dabei sind Hunderte Millionen Menschen in den vergangenen Jahren dem Hunger entronnen. Dank der Globalisierung.

          5 Min.

          McDonald's wird dieses Jahr das tausendste Schnellrestaurant in China eröffnen, die Kentucky- Fried-Chicken-Gruppe hat dort schon knapp 2500 Gaststätten. Die amerikanischen Fastfood-Spezialisten kalkulieren, dass sich 500 Millionen Chinesen wenigstens gelegentlich einen Besuch in ihren Niederlassungen leisten können - und wollen. Immer wenn Kentucky Fried Chicken in China eröffnet - und das passiert dort jeden Tag -, müssen acht bis zehn private Schutzleute für Ordnung sorgen, um den Ansturm zu bewältigen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Warum essen die Chinesen plötzlich so gerne Hühnchen und Hamburger? Die Antwort ist einfach: Es geht ihnen besser. Sie haben mehr Geld als früher, sonst wären die Fastfood-Giganten nicht in ihrem Land. Steigender Wohlstand verändert die Essgewohnheiten. Sonst würden die Chinesen nicht die neuen Gaststätten stürmen. Die Armen der Welt werden weniger, und der Wohlstand der Nationen wächst. Doch seit mehr als zwei Wochen gibt es Hungeralarm. Wie passt das zusammen?

          „Hunderttausende werden wieder an Hunger sterben“, fürchtet der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn. Er hält die Krise für mindestens so schlimm wie die Turbulenzen an den Finanzmärkten. Die Bilder der Ausgemergelten, die jetzt um die Welt gehen, scheinen alle Gegner offener Märkte zu bestätigen. „Die Globalisierung zeigt ihre hässliche Fratze“, tönt Attac triumphierend.

          China ist längst in der McWelt angekommen

          Erfolge im Kampf gegen Hunger führen zu Hunger

          Aber in Wirklichkeit ist alles mal wieder ein bisschen komplizierter. Es sind gerade die langfristigen Erfolge der Globalisierung in weiten Teilen Asiens, die eine kurzfristige Hungerkrise in anderen Teilen Asiens und Afrikas zur Folge haben. Die gestiegenen Ansprüche der vielen ehemals Armen verteuern weltweit die Nahrung zum Schaden für die immer noch Armen.

          1990 verzehrte der durchschnittliche chinesische Stadtbewohner 131 Kilogramm Getreide, in diesem Fall vor allem Reis. 2006 isst der Stadtchinese nur noch 76 Kilogramm Getreide, dafür aber hat er seinen Konsum an Hähnchenfleisch verdreifacht, trinkt viermal so viel Milch und verzehrt deutlich mehr Meeresfrüchte und Gemüse. Ähnlich sieht es in Indien, Brasilien und selbst Nigeria aus. Zusammengenommen leben dort 2,8 Milliarden Menschen. Und diese Menschen wollen mit steigendem Wohlstand anders essen als früher: vor allem mehr und besser. Sie verfügen über eine Nachfragemacht, welche die globale Versorgungslage dramatisch verändert. Selbst Länder, deren Wohlstand noch weit hinter China und Indien zurückliegt, holen nach 30 Jahren Stagnation auf.

          Die Produktion steigt

          Von den 33 am stärksten von Hunger bedrohten Staaten sind in den vergangenen zwei Jahren 22 zwischen 5 und 16 Prozent gewachsen. Dieses Wirtschaftswachstum hat die Nachfrage nach Lebensmitteln beflügelt, sagt Joachim von Braun, Generaldirektor des International Food Policy Research Institute in Washington.

          In den ganz armen Ländern stecken Bürger, die zu etwas Geld gekommen sind, ihren bescheidenen Wohlstand zunächst in Lebensmittel. Sie essen anders als die Bürger in Schwellenländern, nicht unbedingt besser. Aber sie haben heute zwei statt früher nur einer Mahlzeit am Tag. Weil die Menschen mehr essen, bauen die Landwirte mehr an. Tatsächlich steigt in den Entwicklungsländern die Produktion von Gemüse, Obst, Fleisch und Milch. Für die Bauern ist das eine gute Nachricht, verspricht sie doch mehr Einkommen. Aber Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais, Weizen, Hirse, die wichtig sind für das Überleben der ganz Armen, fehlen. Die Berichte sind alarmierend. 2006 war die Getreideernte so niedrig wie lange nicht mehr: Minus 2,4 Prozent bei steigender Nachfrage nach Getreide. Das Angebot schrumpfte wegen Missernte - Dürre in Australien - und weil einfach weniger Getreide angebaut wurde. Die Bauern versprachen sich bessere Ertragschancen mit Gemüse und zunehmend mit Energiepflanzen.

          Es ist, als ob die Globalisierung ihre schwächsten Kinder frisst

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