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Energie oder Ernährung : Der Biosprit soll aus dem Tank

Raps für den Diesel: Für 3,5 Milliarden Liter Biosprit müssen 2,5 Millionen Hektar angebaut werden, ungefähr die Fläche Mecklenburg-Vorpommerns. Bild: dpa

Die Regierung will weniger Raps und Getreide im Tank und mehr auf dem Teller. Ist es noch verantwortlich, massenweise Getreide und Speiseöl in Motoren zu verfeuern?

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          Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist für Hungernde rund um den Globus der wichtigste Helfer in der Not. Die Organisation, die für ihr segensreiches Wirken zu Recht mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist, hat im vergangenen Jahr insgesamt vier Millionen Tonnen Nahrungsmittel verteilt und damit 90 Millionen Menschen vor Schlimmerem bewahrt.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die gleiche Menge, rund vier Millionen Tonnen Getreide, könnte zusätzlich für die Ernährung der Weltbevölkerung zur Verfügung stehen, wenn die deutschen Autofahrer kein E10-Benzin mehr tanken würden. Und wenn im Diesel, der an Deutschlands Tankstellen verkauft wird, kein Biokraftstoff mehr stecken würde, könnten sogar noch 3,5 Milliarden Liter Rapsöl dazukommen.

          Die Mengen sind gewaltig. Für die F.A.S. hat sie der Agrarökonom Matin Qaim aus Bonn errechnet, der Direktor des dortigen Zentrums für Entwicklungsforschung. Es sind Überschlagsrechnungen, in denen einige Vereinfachungen stecken. Doch ihre Grundlage ist stabil. Es sind die jüngsten vorliegenden Daten zum hiesigen Jahresverbrauch von Bioethanol und Biodiesel, der mit einem Anteil von bis zu 7 Prozent im handelsüblichen Diesel steckt: Es waren rund 1,5 Milliarden Liter Ethanol und rund 3,5 Milliarden Liter Biodiesel. Für das Ethanol muss man so viel Weizen verarbeiten, wie auf etwa 500.000 Hektar wächst. Das ist mehr als das Fünffache der Fläche von Berlin. Und für den Diesel so viel Raps, wie auf 2,5 Millionen Hektar wächst. Das ist ungefähr die Fläche von Mecklenburg-Vorpommern.

          Afrika vor Hungerkatastrophe

          Da stellt sich die Frage: Wenn die Nahrungsmittelpreise steigen wie zuletzt, wenn wegen des Kriegs in der Ukraine die Weizenversorgung in weiten Teilen Afrikas auf dem Spiel steht, wenn Fachleute wie Matin Qaim demnächst mit bis zu 100 Millionen zusätzlichen Hungernden rechnen – ist es dann noch verantwortlich, massenweise Getreide und Speiseöl in Motoren zu verfeuern?

          Bundesumweltministerin Steffi Lemke von den Grünen hat sich schon vor Monaten festgelegt. Sie will, dass künftig weniger von der Ernte im Tank landet und mehr auf dem Teller. Im Amtsdeutsch heißt das natürlich anders. Da geht es um eine „Kappungsgrenze für den Anteil konventioneller Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse an der Gesamtenergie im Verkehr“. Am liebsten schon nächstes Jahr soll dieser Anteil um fast ein Drittel sinken, bis 2030 soll er möglichst ganz wegfallen. Dafür arbeiten die Leute in ihrem Ministerium unter Hochdruck an einem Gesetzentwurf. Die F.A.S. hat erfahren: Am 13. Juli, in zehn Tagen, steht das Thema auf der Tagesordnung des Bundeskabinetts.

          Wer hier schon aufhört zu lesen, wird vermuten: Klare Sache. Gegen Lemkes Vorschlag kann keiner was haben.

          Nur woher sollen die 1,5 Milliarden Liter Benzin und 3,5 Milliarden Liter Diesel kommen, wenn sie nicht mehr in Bioraffinerien aus Getreide, Raps und anderen Agrarprodukten hergestellt werden? Russland, dem wichtigsten Öl-Exportland der Welt, wird kaum jemand mehr Geld als unbedingt nötig in die Kriegskasse überweisen wollen.

          Und womit wurde die Beimischung von Biodiesel auf Raps-, Soja- oder Sonnenblumenbasis und Bioethanol aus Weizen, Mais oder Zuckerrüben anno 2009, als die Regeln dafür aufgestellt wurden, gleich noch begründet? Mit der Bekämpfung des Klimawandels selbstredend. Und die ist heute kein bisschen weniger dringlich als damals.

          Die Ministerien haben unterschiedliche Ansichten

          So kommt es, dass Umwelt-, Landwirtschafts-, Finanz- und Wirtschaftsministerium bisher im Detail noch unterschiedliche Ansichten haben, wie es mit den Biokraftstoffen weitergehen soll. Einmal ist das Thema im Terminkalender des Kabinetts sogar schon verschoben worden.

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