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Kolumne: Hanks Welt : Der gute Europäer

Ein plastisches Abbild des Philosophen Nietzsche vom Künstler Klaus Friedrich Messerschmidt. Bild: dpa

Der Philosoph Nietzsche sperrte sich gegen die heutige Einteilung der Welt in Pro- und Anti-Europäer. Das tut der Analyse gut.

          Haben Sie in der vergangenen Woche womöglich vor der Tagesschau auch den Wahl-Spot der Grünen zur Europawahl gesehen? „Kommt, wir bauen das neue Europa!“, heißt der vor bunten Orchideen vorgetragene Refrain mit kaum überbietbarem Pathos, dem freilich eine gehörige Portion Aggression nicht fremd ist. Denn immerhin treten die Grünen in ihrem Aufbauwahn „dem Patriarchat in den Hintern“, weshalb sie vermutlich auf dessen Mithilfe beim Bau des neuen Europa verzichten.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich habe daraufhin sofort den – übrigens nicht genug zu empfehlenden – „Wahlomat“ der „Bundeszentrale für politische Bildung“ konsultiert. Und es kam heraus, was herauskommen musste: Nirgendwo sind die Gemeinsamkeiten so gering wie zwischen mir und den Grünen.

          Deutlich besser sieht es aus bei der FDP, bei Bernd Luckes „Liberal-Konservativen Reformern“ und – man lese und staune – bei den „Linken“. Bei allen Unterschieden treten diese drei Parteien deutlich weniger im Ton der „Schicksalswahl“ auf.

          Für alle, die meinen, das Pathos der Grünen sei nicht mehr steigerungsfähig, empfehlen wir den Flyer der Bewegung „Pulse of Europe“ (das sind die, die immer sonntags demonstrieren, um sich von „Fridays for Future“ zu unterscheiden). Dort hält man sich mit überholten Nebensächlichkeiten wie dem Patriarchat und seinem Hinterteil gar nicht auf, sondern konzentriert sich auf die ganz großen Dinge der Welt: Freiheit („wächst nicht auf den Bäumen“), Frieden („ist kein Naturgesetz“), Zusammenhalt („kann man nicht online kaufen“) oder kurz und pulsierend: „Es geht um alles.“

          Europa ist kein Billigheim

          Wenn es um alles geht, dann muss man schon nicht mehr so genau sagen, worum es im Einzelnen geht, setzt aber all jene ins moralische Unrecht, die sich dem Ganzen verweigern. Und man braucht auch nicht darüber traurig sein, dass das EU-Parlament de facto wenig Macht hat und zudem die Wahlentscheidung für nationale Parteien am Ende in europäisch fusionierten Groß-Fraktionen zur Unkenntlichkeit neutralisiert wird.

          Es wäre übrigens ein Missverständnis zu meinen, den sogenannten Populisten, die von Grünen & Co. als Europa-Gegner geschmäht werden, gehe dieser hohe Ton des Pro-Europa-Pathos ab. Zum Beweis des Gegenteils lohnt ein Blick in das südöstlich von Rom gelegene ehemalige Kartäuserkloster Trisulti, wo Donald Trumps ehemaliger Chefideologe Steve Bannon zusammen mit erzkonservativen Katholiken aus der ganzen Welt gerade eine Universität zur Rettung Europas ins Leben gerufen hat.

          Das weitläufige Areal soll am Ende, so entnehmen wir es einer Reportage der „Financial Times“, einer Mischung aus mittelalterlichem Universitätscampus und antiker Gladiatorenschule gleichen, wo mit den klügsten Gelehrten der Welt (Kommunisten sind nicht erwünscht) am „neuen Abendland“ gebaut wird: einem neuen populistisch-nationalistischen Europa.

          Das hört sich fast an wie im Wahl-Spot der Grünen („neues Europa“), auch wenn es denen mit Sicherheit nicht passt. Im Kloster Trisulti gibt es „Self-Empowerment“ für all jene, denen die Wurzeln Europas („Athen-Jerusalem-Rom“) und seine Werte noch etwas bedeuten, freilich alles nicht gerade zum Null-Tarif. Mit 50.000 Dollar Studiengebühren pro Jahr kalkuliert Bannon. Europa ist schließlich kein Billigheim.

          Eine kleine Dosis Friedrich Nietzsche

          „Mich schaudert das Tremolo in den Europa-Reden“, sagte uns der Soziologe Hans Joas in einem Interview vor ein paar Jahren. Wir mögen uns gar nicht vorstellen, welch Wellen des Schauderns Joas in diesen Vorwahltagen erleidet.

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