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Rabattschlacht in Österreich : Alles musste raus

Schlange stehen für den besten Deal: Andrang vor einem Geschäft in der Wiener Mariahilfer Straße am Samstag Bild: dpa

Von diesem Dienstag an gilt in Österreich wieder ein strikter Lockdown. Mit Rabattaktionen lockte der Handel am Wochenende deshalb Menschenmassen in die Innenstadt – und entschuldigt sich später dafür.

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          In den nächsten drei Wochen wird es auf der Mariahilfer Straße in Wien ungewohnt still sein. In normalen Zeiten ist sie eine der meistbesuchten Einkaufsmeilen der österreichischen Hauptstadt, doch von diesem Dienstag an gibt es keinen Grund mehr, sich dort zu verirren. Die Läden sind geschlossen, die eigenen vier Wände verlassen darf ohnehin nur, wer zur Arbeit, zum Arzt oder zum Supermarkt muss, Sport machen oder spazieren gehen will. Den strikten Lockdown hatte die Regierungskoalition aus ÖVP und Grünen am Wochenende wegen des starken Anstiegs von Covid-Infektionen und immer stärker ausgelasteter Bettenkapazitäten in der Intensivmedizin angekündigt.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Den Handel trifft die abermalige Komplettschließung freilich hart. Um vor der Durststrecke noch einmal gutes Geschäft zu machen, lockten am Samstag zahlreiche Geschäfte in Einkaufszentren und Einkaufsmeilen mit großzügigen Rabattaktionen. So sollten die Warenlager geleert werden. Die Textilkette Peek & Cloppenburg etwa warb mit 20 Prozent. Das Möbelhaus Leiner bot sogar um bis zu 80 Prozent vergünstigte Produkte.

          Polizeieinsatz bei Ikea

          Eine besonders lange Schlange gab es am Samstagvormittag auch vor Schuhgeschäften. Eine 50-Prozent-Rabattaktion des Schuhhändlers Humanic hat einen regelrechten Ansturm in den Filialen ausgelöst und in Sozialen Netzwerken heftige Kritik hervorgerufen. „Massen in die Stores zu locken ist in der derzeitigen Situation einfach nur unangebracht!“, schrieb eine Nutzerin auf Facebook. Die Schuhkette bereut die „kurzsichtige Aktion“. „Es gibt nichts schönzureden. Wir entschuldigen uns. Die Kritik schmerzt, und sie ist berechtigt!“, heißt es auf Facebook. Das Unternehmen habe die Resonanz völlig unterschätzt.

          Einen ähnlichen Run erlebte Ikea. In Haid musste am Montag sogar die Polizei anrücken. Sie sei von einem Kunden gerufen worden, da sich ein anderer Kunde weigerte, die Maske zu tragen. „Wir haben die Situation lösen können, Kunde und Polizei haben das Einrichtungshaus bereits verlassen“, hieß es aus der Ikea-Pressestelle.

          Dass derartige Rabattaktionen stattfanden, zeige, wie hart um Marktanteile, Umsätze und Liquidität gekämpft werde, sagt Rainer Trefelik, der Vorsitzende des Handels in der Interessensvertretung Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), im Gespräch mit der F.A.Z.. „Nach sechs Monaten Krise sind die Reserven aufgezehrt.“ Jede Rabattaktion diene dazu, die Frequenz zu steigern. Im Modehandel müsse schon jetzt die Saisonware für das Frühjahr bezahlt werden. Trefelik betreibt selbst ein Damenmodengeschäft in der Wiener Innenstadt. Von einem Andrang könne er weder am Samstag noch am Montag berichten. „Man muss den Handel differenziert betrachten“, sagt der Branchenvertreter.

          Tatsächlich ist dieses Pandemiejahr für den Einzelhandel ein zweischneidiges Schwert. Führen Lockdown, Homeoffice und geschlossene Restaurants dazu, dass die Menschen mehr im Supermarkt einkaufen, online bestellen oder ihr Zuhause verschönern, haben die Maßnahmen in anderen Zweigen des Handels genau den gegenteiligen Effekt. Bekleidungs- und Schuhhandel kämpfen schon das ganze Jahr. Ausgefallene Feste und Konzerte machen eine neue Garderobe überflüssig.

          50 Prozent weniger Umsatz

          Der neue Lockdown treffe den Handel nun zu einer denkbar ungünstigen Zeit, sagt Trefelik. Schließlich habe das Weihnachtsgeschäft schon begonnen. „Wenn jetzt alle online kaufen, wird es den einen oder anderen Händler nicht mehr geben.“ Er rechnet mit einer Umsatzdelle im Einzelhandel von rund 50 Prozent für das Gesamtjahr. Die Regierung will den Unternehmen mit einer Umsatzabgeltung helfen. Für die Zeit der Schließung gibt es für den Handel 20 bis 60 Prozent des Umsatzes von November 2019.

          Dass die Schließung dem stationären Handel zusetzt, war schon im Frühjahr sichtbar. Damals verordnete die Regierung ebenfalls rigide Ausgehbeschränkungen. Zwar gab es im Lebensmittelhandel sowie bei Baumärkten kräftige Zuwächse. Hingegen verzeichnete der Handel mit Schuhen und Bekleidung markante Verluste. Dadurch sank der Umsatz von Januar bis September um fast 2 Prozent, wie das Forschungsinstitut KMU Forschung Austria erhoben hat. Das sind etwa 900 Millionen Euro netto weniger Umsatz als im Vorjahreszeitraum. Durch die abermaligen Beschränkungen bis 5. Dezember könnte es für das Gesamtjahr 2020 zu einem Umsatzrückgang um mehr als zwei Milliarden Euro kommen, schätzt KMU Forschung Austria.

          Im österreichischen Handel sind rund 582.000 Personen beschäftigt. Er ist somit der zweitgrößte Arbeitgeber innerhalb der marktorientierten Wirtschaft. Rund ein Viertel aller unselbständig Beschäftigten sind damit im Handel tätig. Bisher konnte der Beschäftigungsstand dank Kurzarbeit gehalten werden. Und bislang gibt es auch deutlich weniger Insolvenzen im Vergleich zum Vorjahr. Dies ist vor allem auf Maßnahmen der Regierung im Zuge der Covid-19-Krise zurückzuführen, wie etwa Stundungen oder Rückzahlungsaufschübe, wodurch Insolvenzanträge verschoben werden. 

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