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Rabattkarten : Rabatt gegen Daten

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Rabattkarten: Siegeszug in den deutschen Kaufhäuser Bild: dpa

Die Rabattkarten sind auf dem Siegeszug und statt Feilschen gibt es Prämienpunkte. Doch die Gefahren lauern im Dunkeln.

          2 Min.

          Am 29. Juni 2001 war es soweit, ein Relikt aus der unternehmerischen Steinzeit hatte endlich ausgedient. Die Bundesregierung hatte das aus den 30er Jahren stammende Rabattgesetz (1933) sowie die Zugabenverordnung (1932) gekippt.

          Die Zeiten in denen Händler ihren Kunden lediglich drei Prozent Rabatt gewähren konnten beziehungsweise als Kaufanreiz noch ein mehr oder weniger sinnvolles Werbegeschenk dazugab sind vorbei. Wer sich jedoch auf Feilschereien wie auf einem türkischen Bazar gefreut hatte, wurde schnell enttäuscht. Denn für das Feilschen braucht man vor allem eins: Zeit, und davon haben die Deutschen im Normalfall nicht genügend. Das macht auch eine neue Studie der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbz) deutlich.

          Deutschland ist nicht im Feilsch-Fieber

          Die überwiegende Mehrheit der von der vzbz befragten Personen sieht mit dem Fall des Rabattgesetzes keine gravierenden Veränderungen im persönlichen Verkaufsverhalten einhergehen. Weder besteht die Lust noch das Verlangen um Preise zu feilschen. Gekauft wird immer noch da, wo es am günstigsten ist. Das von vielen erwartete Feilsch-Chaos in den Kaufhäusern und an den Kassen ist ausgeblieben. Im Zeitraum von Mai 2000 bis Dezember 2001, so der Bundesverband, stieg die Bereitschaft, über Preise zu verhandeln von 41 auf lediglich 46 Prozent. Von einem Feilsch-Fieber sprechen zu wollen, wäre demnach völlig fehl am Platz.

          Rabattkarten sind auf dem Vormarsch

          Doch gibt es auch einen Gewinner, die Rabattkarte. Zwar erweckt die Studie den Eindruck, dass die deutschen Konsumenten vor den Bonuskarten gefeit seien, doch die Anzahl der Rabattkarten spricht eine andere Sprache. 50 Millionen Karten, so die Verbraucherzentrale, sollen in Deutschland bereits im Umlauf sein. Und ein Ende der Fahnenstange ist noch nicht in Sicht. Im Internationalen Vergleich rangiert Deutschland weit hinter Frankreich (96 Millionen) oder England (125 Millionen). Es besteht also noch Potenzial. Nach Angaben des zvbv wird die Anzahl der Karten allein in diesem Jahr um weitere 10 Millionen steigen. Und diese Tendenz treibt den Verbraucherschützern den Angstschweiss auf die Stirn - und das nicht ohne Grund.

          Vom Jedermann zum „Gläsernen Kunden“

          Wie immer im Leben hat auch das Rabattkarten-System einen grossen Haken. Denn jeder Nutzer dieser Karten hinterlässt eine elektronische Spur und somit wertvolle Daten für die Marketingstrategen der Betreibergesellschaften. Aus diesen „gewonnenen“ Daten können Kundenprofile erstellt werden, mit denen sich die Konsumgewohnheiten der Kartennutzer ohne weiteres nachvollziehen lassen.

          Ein durchaus lohnendes Zweitgeschäft für die Betreibergesellschaft. Denn diese Informationen sind in den Händen von Marketingspezialisten Gold wert - Werbung, die genau auf die Kaufgewohnheiten und somit den Bedürfnissen des Kunden abgestimmt ist. Das Schreckgespenst des Gläsernen Kunden macht die Runde, und die Verbraucherschützer laufen Sturm.

          Verbraucherzentrale sieht rot

          Edda Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband (zvbv), sieht angesichts des Rabattkarten-Systems rot: „Der tatsächliche Vorteil der Kundenkarten für den Verbraucher steht in keinem Verhältnis zu den umfangreichen personenbezogenen Daten über das Einkaufsverhalten, die die Unternehmen gewinnen.“

          Bis jetzt zeigen die Bundesregierung und der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Joachim Jacob, wenig sichtbare Anstrengungen, um gegen die Missstände vorgehen zu wollen. Es ist also ratsam, beim Ausfüllen der Rabattkarten-Verträge auch auf das Kleingedruckte zu achten, um später nicht jeden Tag seinen Briefkasten von unerwünschter Werbung entleeren zu müssen.

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