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Wissenschaft : Volkswirte müssen global denken, nicht provinziell

  • -Aktualisiert am

Die Welt im Fokus. Bild: F.A.Z.

Die deutschsprachigen Volkswirte verlieren den Blick für lokale Themen? Im Gegenteil: Der internationale Wettbewerb hat die Qualität der Forschung erheblich verbessert. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          In ihrem Gastbeitrag „Europa, amerikanisch erklärt“ haben Thomas Ehrmann und Aloys Prinz die Verlagerung des wissenschaftlichen Publikationsmarkts in die Vereinigten Staaten beklagt. Das habe gravierende Folgen für die Wirtschaftspolitik und die Wirtschaftswissenschaften, denn durch diese Verschiebung würden „lokale“ Themen vernachlässigt, ist in ihrem Beitrag zu lesen. Die Befunde der Autoren haben unter den Ökonomen im deutschsprachigen Raum für Aufregung gesorgt und sind zum Teil auf heftigen Widerspruch gestoßen. Deshalb soll ihnen an dieser Stelle geantwortet werden.

          Die Autoren werfen Wissenschaftlern vor, hauptsächlich in den angesehensten amerikanischen Fachzeitschriften veröffentlichen zu wollen, über Themen mit lediglich amerikanischer Relevanz, und stellen gleichzeitig die Qualität solcher Publikationen in Frage. Das illustrieren sie am Beispiel der Fast-Food-Industrie. Diese sei effizient und gut vermarktet, aber nicht unbedingt gut. Das führe dazu, dass sich die Vergabe von Professuren heute stark an Publikationen in angesehenen internationalen Zeitschriften orientiere, weshalb sich als Konsequenz junge Wissenschaftler lediglich mit Themen auseinandersetzten, die in diesen Zeitschriften veröffentlicht werden können. Gleichzeitig wird hervorgehoben, dass ökonomische Spitzenzeitschriften in englischer Sprache publizieren, was deutsche Wissenschaftler benachteilige.

          Es ist sicherlich richtig, dass die Volkswirtschaftslehre globaler geworden ist. Heute arbeiten junge Volkswirte in internationalen Teams, nehmen an internationalen Konferenzen teil und sind global vernetzt. Das führt natürlich auch zu globalem Wettbewerb unter Volkswirten. Es ist daher auch richtig, dass es extrem schwierig ist, in einer der fünf angesehensten Zeitschriften in der Volkswirtschaft zu veröffentlichen. Das liegt aber weniger an der Quasi-Monopolstellung der Journale, wie von den Autoren behauptet, sondern ist vor allem ein Ausdruck ihrer Qualität.

          Die Ökonomie ist eine globale Sozialwissenschaft

          Falsch an ihrem Argument ist außerdem, dass diese fünf Zeitschriften allesamt amerikanische Zeitschriften sind und dass sich die Themen in diesen Zeitschriften lediglich an Debatten orientieren, die an „amerikanischen Universitäten gerade geführt werden“. Nur drei der Top-Zeitschriften in der Volkswirtschaft sind Zeitschriften amerikanischer Spitzenuniversitäten, viele weitere angesehene Zeitschriften sind zudem aus dem europäischen Raum. Weiterhin wurden in einem großen Teil der empirisch orientierten Arbeiten, die in den vergangenen Jahren in den fünf Top-Zeitschriften publiziert wurden, europäische und insbesondere auch deutsche Daten analysiert – und dieser Anteil wächst. Von den in den Jahren 2017 und 2018 publizierten Aufsätzen in den drei amerikanischen Journalen der sogenannten Top-5-Zeitschriften in der Volkswirtschaft analysierten 49 Prozent Daten aus den Vereinigten Staaten, 20 Prozent Daten aus EU-Ländern und die übrigen Aufsätze Daten aus anderen oder mehreren Ländern zusammen.

          Fraglich ist auch das Argument der sprachlichen Hürde, die es deutschen Wissenschaftlern erschwere, in amerikanischen Fachzeitschriften zu publizieren: Selbstverständlich veröffentlichen alle führenden Fachzeitschriften in englischer Sprache. Die Ökonomie ist eine globale Sozialwissenschaft, mit weltweiter Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, die eine gemeinsame Sprache erfordert. Das Nachtrauern der Zeiten, in denen Deutsch eine wichtige Wissenschaftssprache war, ist geradezu absurd. Ebenso wie die Behauptung, deutschsprachige Wissenschaftler seien im Nachteil, weil sie nicht auf Deutsch publizieren dürften. Wissenschaftler aus kleineren Sprachgruppen haben schon immer in einer Fremdsprache publiziert. Es ist kaum davon auszugehen, dass es dem wissenschaftlichen Austausch zuträglich sei, wenn in Zukunft Artikel in europäischen Zeitschriften der Fairness halber in allen europäischen Sprachen publiziert würden.

          In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist es der Volkswirtschaft im deutschsprachigen Raum gelungen, sich aus der Provinzialität der deutschen Nachkriegszeit zu entfernen. Das hat verschiedene Gründe: Sie hat sich stärker an globalen Maßstäben und Qualitätskriterien orientiert und die für die Politik relevante empirische Wirtschaftsforschung ausgebaut. Sie hat die Entwicklung entsprechender Datensätze und Methoden vorangetrieben und Themengebiete definiert, die in den deutschsprachigen Ländern hoch relevant, aber gleichzeitig von internationalem Interesse sind. Diese Orientierung an der internationalen Forschung und an ihren Standards hat die Qualität der empirischen Forschung in Deutschland erheblich gesteigert, was sich direkt in bessere empirisch-fundierte Politikberatung übersetzt hat. Ein Beispiel ist die Bewertung von Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsmarktreformen.

          Nicht bedauerlich, sondern ein Fortschritt

          Als Konsequenz publizieren immer mehr junge Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum in den internationalen Spitzenzeitschriften der Volkswirtschaft: Sie betreiben exzellente Forschung über europäisch relevante Themen. Es ist nicht bedauerlich, sondern ein Fortschritt, wenn Berufungen auf eine Professur sich an solchen internationalen Publikationen orientieren, in denen die Forschungsqualität von internationalen Fachkollegen begutachtet wird, statt an dem alten System der Habilitation festzuhalten, in dem die Bewertung lediglich der lokalen Fakultät – und im Extremfall sogar nur dem Betreuer – unterliegt, wodurch Nachwuchswissenschaftler oft über viele Jahre in eine Position der Abhängigkeit gebracht wurden.

          Junge deutsche Wissenschaftler orientieren sich heute an internationalen Leistungsstandards, arbeiten oft an hochrelevanten Themen, und viele von ihnen zählen heute zu den besten Ökonomen der Welt. Der Artikel von Thomas Ehrmann und Aloys Prinz stellt diese Orientierung in Abrede. Er gibt an mehreren Stellen zu verstehen, die Arbeiten dieser Forscher seien opportunistisch, da lediglich an „amerikanischen“ Themen ausgerichtet, und lieferten keine relevanten Antworten mehr zu Fragen der europäischen Wirtschaftspolitik. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Es sind gerade die jüngeren Wissenschaftler, von denen viele auch im Ausland ausgebildet sind (was eine Folge der an ausländischen Spitzenuniversitäten häufig besseren Doktorandenprogramme ist), die sich im globalen Wettbewerb mit herausragender Forschung behaupten. Sie gehen auf wichtige wirtschaftspolitische Fragestellungen ein, kennen nicht nur deutsche oder europäische, sondern auch amerikanische und globale Zusammenhänge, und tragen dadurch zur aktuellen Politikdiskussion bei.

          Der Artikel von Herrn Ehrmann und Herrn Prinz scheint einer Zeit nachzutrauern, in der deutsche Ökonomen in einem weitaus kleineren Pool – und in deutscher Sprache – miteinander konkurrierten. Ja, natürlich war das einfacher als der globale Wettbewerb, dem sich forschende Ökonomen heute ausgesetzt sehen. Es ergeht ihnen übrigens nicht anders als vielen Arbeitnehmern in anderen Berufen auch. Aber der Wettbewerb führt auch zu besserer, relevanterer und vor allem belastbarerer Forschung, die gerade auch für die politische Debatte von immenser Bedeutung sein kann.

          Christian Dustmann ist Professor für Economics am University College London, Direktor des Centre for Research and Analysis of Migration (CREAM) und Mitglied im Research Network des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

          Christian Dustmann ist Professor für Economics am University College London, Direktor des Centre for Research and Analysis of Migration (CREAM) und Mitglied im Research Network des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

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