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Hanks Welt : Die Muskelmänner Putin, Erdogan und Xi Jinping

Reitet gerne oben ohne durch die Lande: Wladimir Putin Bild: picture-alliance/ dpa

Diktatoren ticken auf ihre ganz eigene Weise. Doch durch ihre Weltbeherrschungsphantasien unterschätzen sie oftmals die Risiken.

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          Es war am 2. Dezember 1805 gegen Abend, als Napoleon das Schlachtfeld auf dem Pratzberg bei Austerlitz abschritt. Die französischen Truppen hatten den Kampf für sich entschieden. Napoleon durfte sich als strahlender Sieger fühlen. „Voilà une belle mort“ („Sieh da, ein schöner Tod“), rief Napoleon, als er Fürst Andrej sah, der auf dem Rücken lag. Andrej, ein Offizier im Dienst der russischen Armee, verstand, dass der Franzose ihn offenbar für tot hielt. In Wahrheit war er zwar schwer verwundet, aber am Leben. Der Kopf brannte ihm; er spürte, dass er Blut verlor, und er sah über sich den hohen und ewigen Himmel. Andrej hatte realisiert, dass es Napoleon war, der vor ihm stand – der Held seiner Jugend. Aber in diesem Moment schien ihm Napoleon ein so kleiner unbedeutender Mann im Vergleich zu dem, was zwischen seiner Seele und diesem hohen und unendlichen Himmel mit den über ihn hineilenden Wolken vor sich ging.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Begegnung zwischen Napoleon und dem russischen Fürsten Andrej ist berühmt. Geschildert wird die Entzauberung des Kriegshelden im Moment seines größten Triumphs. Sie steht im 19. Kapitel des 3. Buches von Lew Tolstois „Krieg und Frieden“. Der Sieger schrumpft in den Augen des Besiegten zur Bedeutungslosigkeit. In der Pandemie habe ich begonnen, Tolstoi zu lesen. Dass das Thema Krieg und Frieden bald real sein würde, konnte ich nicht ahnen. Napoleon, wie Tolstoi ihn beschreibt, ist ein typischer Fall des „Strongman“. Er hält sich für den allergrößten Feldherrn, die Siege bestätigen ihn – und führen dazu, dass er die Risiken seiner Weltbeherrschungsphantasie unterschätzt und am Ende scheitert.

          Zum Retter verklärt

          In seinen Größenphantasien hält sich auch Wladimir Putin für unbesiegbar. Er verklärt sich zum Retter des russischen Imperiums, das er vor den „faschistischen“ Ukrainern und der Dekadenz des Westens schützen muss. Er umgibt sich mit Männern seines Vertrauens, die ihm sagen, was er hören mag. Die Welt, nicht zuletzt die Deutschen, hat Angst vor Putin. Aber seine Macht beginnt zu bröckeln, und seine Größe schrumpft, nicht erst seit er diesen mörderischen Krieg losgetreten hat.

          „Strongman-Syndrom“ ist ein Begriff aus der Medizin. Grob gesagt handelt es sich um eine Störung des Selbstbildes bei Männern („Muskeldysmorphie“), die von der fixen Idee gefangen sind, ihr Körper sei zu wenig muskulös („Adonis-Komplex“). Sie dopen sich mit Muskelaufbaupräparaten und ernähren sich falsch, weil sie ständig ihrer Umgebung beweisen müssen, was für ein athletischer Mann sie sind. Den Vorwurf, es sei obszön, mit nacktem Oberkörper zu Pferde oder beim Fischfang zu posieren, parierte Putin 2011 in einem Interview mit dem US-Magazin „Outdoor Life“, indem er sich zu Ernest Hemingway als Vorbild exponierter Männlichkeit bekannte, der sein „inneres Selbst“ geformt habe.

          Es geht mir hier weniger um eine Psychologie der Männlichkeit, sondern um die Bedrohung des westlichen Liberalismus durch sich demokratisch gerierende Autokraten. Der zentrale Konflikt unserer Welt dreht sich nicht mehr um den Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Die neue Konfliktlinie scheidet „liberale Demokratien“ von „illiberalen Demokratien“. Illiberale Demokratien missachten Rechtsstaatlichkeit und verschreiben sich dem Populismus und Nationalismus. An der Spitze illiberale Regime steht in auffallend vielen Fällen ein kraftstrotzender Führer.

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