https://www.faz.net/-gqe-oar9

Prozesse : 200.000 Euro für ein langes Raucherleben

  • -Aktualisiert am

Kann man von ihnen loskommen? Bild: dpa/dpaweb

Vorbild Amerika: Ein Raucher aus Lippetal, dessen Herz-Kreislauf-System schwer geschädigt ist, verklagt den Tabakriesen Reemtsma. Erstmals verhandelt ein deutsches Gericht in solch einer Streitfrage.

          3 Min.

          Wolfgang Heine ist seiner Lieblingsmarke treu geblieben. Seit er 17 Jahre alt ist, greift der Mann aus Lippetal im Kreis Soest zu "Ernte 23". Jahrelang rauchte er 40 Zigaretten pro Tag. Jetzt ist Heine 56 Jahre alt, hat einen Herzinfarkt und zwei Bypass-Operationen hinter sich und kann seinen Tabakkonsum kaum drosseln. "Ich bin süchtig und rauche noch fünf bis sieben Zigaretten am Tag." Ärzte bescheinigen ihm, daß der Nikotingenuß sein Herz-Kreislauf-System schwer geschädigt hat.

          Nun klagt Heine vor dem Landgericht Arnsberg gegen Reemtsma, den Hersteller von "Ernte 23". An diesem Donnerstag kommt es erstmals in Deutschland zu einer mündlichen Verhandlung in solch einer Streitfrage.

          Anders als in den Vereinigten Staaten, wo Raucher gegen die Zigarettenproduzenten Rekordsummen erstritten (siehe Kasten), scheuten in Deutschland die Raucher langwierige und teure Prozesse gegen die Tabakindustrie. Anträge auf Prozeßkostenhilfe hatten keinen Erfolg.

          Erster Erfolg

          Im März dieses Jahres konnte Heine vor dem Bundesgerichtshof (BGH) einen Erfolg verbuchen. Der BGH urteilte, daß seine Rechtsschutzversicherung den Prozeß gegen Reemtsma finanzieren muß. Über die Erfolgsaussichten der Klage hatte der BGH nicht zu entscheiden.

          Heine behauptet, Reemtsma habe wider besseren Wissens in den achtziger Jahren auf den Packungen der Marke "Ernte 23" nicht vor den Suchtgefahren gewarnt. Außerdem sei dem Tabak seit 1984 Ammoniak beigemischt worden, um die Sucht der Raucher zu steigern. Deshalb habe er es nicht geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Nun will er 125000 Euro Schmerzensgeld und 88000 Euro Verdienstausfall.

          "Es geht nicht darum, die Schädlichkeit des Zigarettenrauchens zu belegen", sagt Heines Anwalt Burkhard Oexmann. "Die Frage wird sein, ob ein Raucher die Chance hat, vom Rauchen freizukommen, und seine gesundheitlichen Gefahren minimieren kann."

          Anwalt der Nikotinsüchtigen

          Oexmann legt sich nicht zum ersten Mal mit der Zigarettenindustrie an: Vor vier Jahren machte er sich als "Anwalt der Nikotinsüchtigen" einen Namen. Der Jurist aus Hamm vertrat damals auch einen Arbeiter, der behauptete, in einer Tabakfabrik von Reynolds durch giftige Dämpfe erkrankt zu sein. Das Arbeitsgericht Trier wies die Schadenersatzklage gegen Reynolds zurück. Oexmann war 2001 an einem weiteren spektakulären Fall beteiligt: Ein übergewichtiger Mann verlangte wegen seiner Zuckerkrankheit Schadenersatz von den Konzernen Masterfoods ("Mars", "Snickers") und Coca-Cola. Ohne Erfolg.

          Reemtsma sieht dem Rechtsstreit entspannt entgegen. Zu den Details des Raucher-Prozesses will sich der Konzern nicht äußern. Nur soviel: "Wir glauben, daß die Argumente, die die Gegenseite anführt, schwach sind." Reemtsma habe sich streng an die Tabakverordnung gehalten und nur erlaubte Zusatzstoffe benutzt.

          Jeder kennt die Risiken

          Unbestritten ist hingegen, daß Rauchen tödlich enden kann. "Es gibt niemanden, der nicht mit den Risiken des Rauchens vertraut ist", sagt Ernst Brückner vom Verband der Cigarettenindustrie (VdC). Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Krebsgefahr kenne jeder. Seit Jahren steht auf den Packungen: "Rauchen gefährdet die Gesundheit". Inzwischen prangen dort großformatige Sätze im Stil von Todesanzeigen. Zum Beispiel: "Raucher sterben früher." Obwohl in Europa die Anti-Tabak-Lobby an Einfluß gewinnt und das Europäische Parlament Zigarettenwerbung weiter einschränken will, müssen deutsche Tabakfirmen keine amerikanischen Verhältnisse mit hohen Schadenersatzzahlungen fürchten. Die Rechtssysteme in Deutschland und Amerika sind grundsätzlich verschieden. "In Deutschland organisieren wir den Schutz der Bevölkerung primär über ein staatliches Kontrollsystem", sagt Christian Wolf, Professor für Zivil- und Zivilprozeßrecht an der Universität Hannover. "Die Amerikaner machen dies hauptsächlich durch ein zivilrechtliches Haftungssystem." In Deutschland wird den Klägern nur der nachgewiesene Schaden ersetzt. In Amerika können Firmen dagegen zu Entschädigungszahlungen ("punitive damages") verurteilt werden. Außerdem profitieren Anwälte dort von der erstrittenen Schadenssumme. Das treibt die Beträge in die Höhe. Außerdem sind Sammelklagen möglich, und Jurys urteilen meist aus Sicht der Opfer.

          "Juristisch gesehen, ist die Haftung der Tabakindustrie auch in Deutschland gut zu begründen", sagt Wolf. Offen bleibt, ob deutsche Gerichte der Argumentation folgen. Nicht die Produktion der Zigarette führe zu einem Schaden, sondern das Rauchen. "Diese Klage wird ein juristisches Experiment", sagt Wolf. "Ich schätze die Erfolgsaussichten der Klage aber als gering ein." Die Tabaklobby gibt sich schon siegessicher: "In Deutschland hat es bisher keine einzige erfolgreiche Klage gegeben", sagt Brückner vom VdC, "daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern."

          Weitere Themen

          Besser als „Bodo“

          FAZ Plus Artikel: PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

          Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?

          Topmeldungen

          Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

          PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

          Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.