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Prozess als Politikum : Rio Tinto und Chinalco: Ringen der Riesen

Rio Tinto in China - ein schwieriges Verhältnis: Chinalco ist Kunde der Australier und größter Anteilseigner Bild: AP

In Schanghai stehen ab Montag vier Mitarbeiter des Rohstoffkonzerns Rio Tinto vor Gericht. Dabei geht es um mehr als das Quartett, denn gleichzeitig werden die Erz- und Kokspreise für dieses Jahr verhandelt. Zudem wollen Chinas Staatskonzerne auch künftig in Rio Tintos Heimat Australien Ressourcen aufkaufen.

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          Für den australischen Ministerpräsidenten Kevin Rudd ist es ein Prozess, "auf den die ganze Welt schaut". Zumindest die Unternehmenswelt wird zuschauen, wenn am Montag vier Mitarbeiter des Bergbauriesen Rio Tinto in der chinesischen Wirtschaftsmetropole Schanghai vor Gericht stehen, um sich gegen Wirtschaftsspionage und Bestechlichkeit zu verteidigen. Denn bei dem bis zur Wochenmitte erwarteten Urteil geht es nicht nur um das Schicksal des nun schon seit gut acht Monaten inhaftierten Quartetts, sondern auch um das Verhältnis der rohstoffreichen Länder zu China, dem größten Aufkäufer von Erz oder Kohle. Und es geht darum, wie die Verhandlungen um den Preis von Erz und Kohle in den nächsten Wochen geführt werden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Ein Faustpfand der Chinesen seien der Australier Stern Hu und seine drei Kollegen, die das Büro von Rio Tinto in Schanghai geleitet haben, heißt es in der Branche. Jenseits des Urteils der nicht als unabhängig bekannten Richter Chinas ist dort wohl jeder Geschäftsmann unter ähnlichen Vorwürfen strafbar. Ohne Bestechung in China voranzukommen ist praktisch unmöglich. Auch wenn diese inzwischen besser getarnt daherkommt: als Einladung zum Essen, zu einer Europa-Reise oder auch als Angebot für einen Arbeitsplatz für die Kinder. Im Fall von Rio Tinto soll es allerdings andersherum gelaufen sein: Die Firmenvertreter sollen laut Klageschrift "hohe Schmiergeldsummen" von - in der Regel wohl staatlichen - Stahlkonzernen Chinas entgegengenommen haben, um diesen im Gegenzug Erzlieferungen zuzusagen (Bergbaukonzern Rio Tinto: Verhaftungen, Unterstellungen, Volkszorn)

          Eine brisante Gemengelage

          Der Prozess ist längst zum Politikum geworden, denn seit Jahresfrist versucht China sich mit Macht in das rohstoffreiche Australien einzukaufen. Dabei wächst die Abneigung der "Aussies", China ihr Tafelsilber zu verkaufen (Chinas Poker um die Rohstoffe). Kurz vor der Verhaftung von Hu und seinen Leuten hatte der Staatskonzern Aluminum Corp. of China (Chinalco) versucht, seinen Anteil an Rio Tinto, dem drittgrößten Bergbaukonzern der Welt, für 19,5 Milliarden Dollar aufzustocken. Eine brisante Gemengelage: Chinalco ist wichtiger Kunde von Rio Tinto und hätte als Miteigentümer künftig über die eigenen Preise entschieden. Kein Wunder, dass sich die Begeisterung in dem hochverschuldeten australisch-britischen Konzern in Grenzen hielt und deshalb die Suche nach einem anderen Investor verstärkt wurde. Der fand sich dann ausgerechnet im Konkurrenten BHP Billiton, der schon erfolglos versucht hatte, Rio Tinto zu schlucken (Bergbaukonzerne schaffen Neuordnung ohne China).

          Eisenerz aus Australien im Hafen von Rizhao, China

          In einer aufsehenerregenden Wende hat die chinesische Regierung gerade eingeräumt, ihr Staatskonzern habe Fehler begangen. Chinalco habe bei den anderen Eigentümern Rio Tintos nicht hartnäckig genug für die Erhöhung seines Anteils geworben. Auch habe China die ablehnende Haltung der australischen Öffentlichkeit unterschätzt. Wie um sich schon im Vorfeld von einem möglichen Schuldspruch gegen Hu zu distanzieren, betont der Regierungsbericht ausdrücklich, Rio Tinto habe sich im Zuge der Verhandlungen korrekt verhalten. Mit dem ungewöhnlichen Schuldeingeständnis wolle sich China die Tür offen halten für weitere Übernahmen in Australien und zugleich sicherstellen, dass sich der nun folgende Prozess keinesfalls gegen den Rohstoffkonzern richte, wird in Australien vermutet.

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