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Proteste : Singapur profitiert still von Hongkongs Misere

Die Skyline von Singapur Bild: dpa

Das Interesse am Stadtstaat steigt bei Managern und Anlegern. Öffentlich aber soll das nicht werden.

          3 Min.

          Der Anwalt in der internationalen Kanzlei in Singapur frohlockt: „Vier Anrufe allein diese Woche. Und alle von japanischen Firmen und Banken“, sagt er. Und meint damit Klienten aus Hongkong, die sich nach Möglichkeiten einer Verlagerung nach Singapur erkundigen. Auch der Chef der Niederlassung einer mittelgroßen deutschen Bank in Singapur spürt das Interesse: „Wir bekommen in diesen Tagen laufend Bewerbungen von Kollegen aus Hongkong, die hierher wechseln wollen.“

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der tropischen Stadtstaat avanciert zum natürlichen Fluchtpunkt für Geld und Talente, die die chinesischen Sonderverwaltungszone verlassen wollen. Zu chaotisch das tägliche Leben dort im Zeitalter der Dauerdemonstrationen, zu groß die Furcht vor Pekings harter Hand. Nach der gescheiterten Rede von Verwaltungschefin Carrie Lam am Mittwoch dürfte der Drang zur Verlagerung nur noch wachsen.

          Konkurrierende Städte

          Die Regierungen in beiden, seit Jahrzehnten konkurrierenden Städten, spielen die Gefahr herunter. Die Standardformel der Spitzenbeamten in Singapur in diesen Tagen lautet: „Wir wollen so gut sein, wie wir eben können, der Rest passiert von allein.“ Augenscheinlich passiert viel: Denn Finanzberater und Privatbanken sprechen seit Wochen von Verlagerungstendenzen von Privatvermögen. Eine gute Alternative erscheint Hongkong-Chinesen traditionell auch Australien – doch steigt dort die Ablehnung gegenüber China spürbar. Die Warnung von Innenminister Peter Dutton vor der  Kommunistischen Partei hat gerade eine neue Eskalationsstufe gezündet.

          Singapur verhält sich geschickter. Seit Jahren versucht es, die beiden Giganten Amerika und China auszubalancieren, sich in alle Richtungen abzusichern, durch Opportunismus Chancen zu wahren. Den meisten Ländern Asiens fiele es außerordentlich schwer, zwischen ihrem wichtigsten Handelspartner China und Amerika, das in der Vergangenheit Sicherheitsgarantien gab, wählen zu müssen, sagte Ministerpräsident Lee Hsien Loong.

          „Wenn man sie fragte, zu wählen, würde sie das in eine sehr schwierige Position versetzen”, warnte Lee. Tage später unterzeichnete der Ministerpräsident, der wie nie zuvor durch Familienaffären und eine Schwäche der Wirtschaft unter Druck steht, einen Vertrag zur weiteren militärischen Zusammenarbeit mit Washington.

          4 Milliarden Dollar aus Hongkong

          Dieses Ausbalancieren mögen Wohlhabende aus der ganzen Welt – und insbesondere Chinesen, die sich in den Stadtstaat mit seinem Anteil von gut 76 Prozent ethnischen Chinesen gut einfinden. Singapur dürfte allein im August einen Nettozufluss von rund 4 Milliarden Dollar aus Hongkong verzeichnet haben, schätzen die Analysten von Goldman Sachs. Dem gegenüber steht eine Wachstumsrate der beiden vergangenen Quartale von nur noch 0,1 Prozent – die industrielle Aktivität Singapurs schrumpft.

          Die Anlagemanager in Singapur aber hatten ihre Konkurrenten in Hongkong schon zuvor überholt: Ende 2018 lag Singapur mit 3,4 Billionen Dollar Anlagegeldern vor Hongkong mit nur noch 3,1 Billionen Dollar. Finanzberater berichten, insbesondere „family offices“ fürchteten die Instabilität Hongkongs und ein Eingreifen Pekings – reiche Familie brauchten Stabilität über Jahrzehnte. „Die Leute halten nun Projekte zurück, die für Hongkong geplant waren“, sagt Shanker Iyer, Asien-Chef von Anlageberater IQ-EQ. Immer öfter gehe es in Klientengesprächen darum, Gelder zu verlagern. Singapur werde als wesentlich besserer Geschäftsort betrachtet.

          Nicht nur Banken und Head-Hunter fühlen verstärktes Interesse chinesischer Kunden an Singapur als Ausweichstandort. Auch die Immobilienindustrie bekommt Wind unter die Flügel: „Der Anstieg der Verkäufe von Luxus-Immobilien könnte auf eine größere Anzahl chinesischer Käufer zurückgehen, die eine Alternative zu Hongkong suchen“, sagte Tricia Song, Marktanalystin für Singapur beim Makler-Konzern Colliers.

          Aus Hongkong selber sei kein verstärkter Zufluss festzustellen. Seit 2017 haben Festlandchinesen mehr als tausend Immobilien auf der reichen Tropeninsel gekauft – und das trotz der Einführung einer Kaufsteuer für Ausländer von satten 20 Prozent. Ein Trend stützt den Eindruck: Die Zahl der Besucher aus Festlandchina ist in Hongkong um 42 Prozent gesunken. Die Angriffe auf festlandchinesischen Besitz in Hongkong machen die Festlandchinesen wütend und verängstigen sie. Selbst Singapur warnte seine Bürger vor der Reise nach Hongkong – ein subtiles Spiel mit der Angst. Unterdessen verzeichnete der Stadtstaat im August schon einen Zuwachs um 4 Prozent von Besuchern aus China.

          Hongkong und Singapur haben viel gemein: Beide notieren auf Spitzenplätzen der Tabelle, mit der die Weltbank misst, wie einfach es am jeweiligen Standort ist, Geschäfte zu führen. Beide sind straff geführt, beide ziehen nun die Zügel merklich an: Singapur etwa geht im Vorfeld der Wahlen schärfer gegen Kritiker vor, Hongkong versucht die Demonstranten zur Räson zu bringen. Die wichtigen Unterschiede zwischen beiden Städten reichen weit in die Vergangenheit zurück: Singapur ist eine Demokratie, die ihren Bürgern nur sehr begrenzte Freiheiten einräumt und Kritiker schnell ausgrenzt. Hongkong ist ein chinesisch geführtes System, das aber noch von überbrachten Freiheiten zehrt.

          Versteckte Werbung für Singapur

          Für viele Menschen entscheidender ist, was die jeweiligen Regierungen geschaffen haben: In Hongkong leiden die Normalbürger unter dem sozialen Abstieg aufgrund eines Immobilienmarktes, der ihnen davongeeilt ist. Und so stellt sich der scharfe Innenminister Singapurs, K Shanmugam, hin und erklärt, man könne gesellschaftliche Probleme wie in Hongkong nicht mit Polizeieinsätzen lösen. Dafür trügen Politiker die Verantwortung.

          Er kann diese kaum versteckte Werbung für Singapur betreiben, weil die seit Jahrzehnten amtierende Regierung den Bürgern eine gewisse Teilhabe zusichert: Obwohl die Gesellschaft rasch reicher wird, gibt es akzeptablen Wohnraum und eine sehr gute Infrastruktur. Das ist es, wonach sich viele Hongkonger in diesen Tagen sehnen.

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