https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/protestaufruf-der-offene-brief-der-oekonomen-im-wortlaut-11810652.html

Protestaufruf : Der offene Brief der Ökonomen im Wortlaut

  • Aktualisiert am

172 Wirtschaftsprofessoren wenden sich mit einem Protestaufruf an Bürger und Politik. Die Beschlüsse des jüngsten Eurogipfels erfüllten sie mit großer Sorge, schreiben die Wissenschaftler. Die Erklärung im Wortlaut.

          4 Min.

          Liebe Mitbürger,

          die Entscheidungen, zu denen sich die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen sah, waren falsch. Wir, Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge. Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen in den fünf Krisenländern im Bereich von mehreren Billionen Euro. Die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas dürfen für die Absicherung dieser Schulden nicht in Haftung genommen weden, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind. Banken müssen scheitern dürfen. Wenn die Schuldner nicht zurückzahlen können, gibt es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen sollte und auch kann: die Gläubiger selber, denn sie sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen und nur sie verfügen über das notwendige Vermögen.


          Die Politiker mögen hoffen, die Haftungssummen begrenzen und den Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht verhindern zu können. Das wird ihnen aber kaum gelingen, solange die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen. Wenn die soliden Länder der Vergemeinschaftung der Haftung für die Bankschulden grundsätzlich zustimmen, werden sie immer wieder Pressionen ausgesetzt sein, die Haftungssummen zu vergrößern oder die Voraussetzungen für den Haftungsfall aufzuweichen. Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind vorprogrammiert. Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet; geholfen wird statt dessen der Wall Street, der City of London – auch einigen Investoren in Deutschland - und einer Reihe maroder in- und ausländischer Banken, die nun weiter zu Lasten der Bürger anderer Länder, die mit all dem wenig zu tun haben, ihre Geschäfte betreiben dürfen.
          Die Sozialisierung der Schulden löst nicht dauerhaft die aktuellen Probleme; sie führt dazu, dass unter dem Deckmantel der Solidarität einzelne Gläubigergruppen bezuschußt und volkswirtschaftlich zentrale Investitonsentscheidungen verzerrt werden.


          Bitte tragen Sie diese Sorgen den Abgeordneten Ihres Wahlkreises vor; unsere Volksvertreter sollen wissen, welche Gefahren unserer Wirtschaft drohen.

          Hanns Abele (Wien)
          Werner Abelshauser (Bielefeld)
          Klaus Adam (Mannheim)
          Niels Angermüller (Göttingen)
          Thomas Apolte (Münster)
          Lutz G. Arnold (Regensburg)
          Ludwig von Auer (Trier)





          Ulrich Baßeler (Berlin)
          Sascha Becker (Warwick)
          Gerard J. van den Berg (Mannheim)
          Annette Bergemann (Mannheim)
          Peter Bernholz (Basel)
          Norbert Berthold (Würzburg)
          Thomas Beißinger (Hohenheim)
          Martin Biewen (Tübingen)
          Charles B. Blankart (Berlin)
          Eckhart Bomsdorf (Köln)
          Michael Braulke (Osnabrück)
          Friedrich Breyer (Konstanz)
          Jeanette Brosig-Koch (Duisburg-Essen)
          Carsten Burhop (Köln)












          Volker Caspari (Darmstadt)
          Dieter Cassel (Duisburg/Essen)
          Norbert Christopeit (Bonn)

          Manfred Deistler (Wien)
          Alexander Dilger (Münster)
          Klaus Diller (Koblenz)
          Jürgen B. Donges (Köln)
          Axel Dreher (Heidelberg)
          Hilmar Drygas (Kassel)




          Jürgen Eichberger (Heidelberg)
          Patrick Eichenberger (Zug)
          Peter Egger (Zürich)
          Wolfgang Eggert (Freiburg)
          Mathias Erlei (Clausthal-Zellerfeld)



          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Welle : Muss sich Nordkorea jetzt öffnen?

          Kim Jong-un hatte gehofft, das Coronavirus werde sein Land nie erreichen. Jetzt ist es da – und Impfstoff fehlt. Der Machthaber weist die Schuld von sich.
          Grenzkontrolle zwischen den USA und Mexiko. Die Pandemieregelungen an der Grenze bleiben vorerst bestehen.

          USA : Pandemie-Regelung an Grenze zu Mexiko bleibt bestehen

          Ein US-Richter hat Pläne der Biden-Regierung blockiert, die Beschränkungen der Einwanderung von Mexiko in die USA zu lockern. Wegen pandemiebedingte Gesundheitsrisiken wurden allein im April 95.000 Migranten abgeschoben. Washington will Berufung einlegen.
          Weizen wird knapp: Familien in Jemens Provinz Lahdsch erhalten Mehl-Rationen. Die Versorgung wird wegen des Ukrainekrieges immer schwieriger.

          Getreidekrise durch den Krieg : Putin setzt auf Hunger

          Russland beschuldigt die Ukraine, ihre Häfen zu blockieren und damit schuld an der globalen Getreideknappheit zu sein. Gleichzeitig intensiviert Moskau die Propaganda in Afrika.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Kapitalanalge
          Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
          Sprachkurse
          Lernen Sie Englisch
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Zertifikate
          Ihre Weiterbildung im Projektmanagement