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Protestaktionen : Genervt vom Fluglärm

Immer wieder montags treffen sich die Flughafengegner zu Protesten Bild: dapd

In Frankfurt, München und Berlin kämpfen Anwohner gegen den Ausbau ihrer Flughäfen. Ein Kompromiss zwischen Lärmschutz und Arbeitsplätzen liegt in weiter Ferne.

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          Für Ingrid Kopp ist „Stille Nacht, heilige Nacht“ das ideale Lied, um die Demonstranten auf dem Frankfurter Flughafen bis zum Weihnachtsfest bei Laune zu halten. Dazu dichtete die Sprecherin der lokalen Bürgerinitiativen den Klassiker in eine Art Protestsong um: Statt von innerer Einkehr ist in Kopps Variante von Fluglärm und wütenden Bürgern die Rede.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          An diesem Montag ist es wieder soweit. In den seit Mitte November stattfindenden Protestaktionen begehren viele Bürger in der Rhein-Main-Region gegen die Folgen des Ausbaus auf dem größten Flughafen-Drehkreuz in Deutschland auf. Die bis zu 4000 Teilnehmer, die sich jeweils zu Wochenbeginn in Terminal 1 versammeln, fordern ein generelles Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr sowie eine Schließung der erst Mitte Oktober eröffneten „Nordwest-Landebahn“.

          Die erste Welle der Protestaktionen soll bis zum Montag vor Weihnachten laufen. Dann geht es Mitte Januar bis zum Frühjahr weiter. „Wir ziehen unsere Terminal-Demos so lange durch, bis wir endlich belastbare Reaktionen aus der Politik oder von den Unternehmen bekommen“, sagt Kopp. Sie verweist auf den wachsenden Zuspruch in ihrer Region. Hinter den rund 70 Bürgerinitiativen stünden allein 150000 Bürger, die ihren Widerspruch offiziell zu Protokoll gegeben hätten. „Zudem zählen wir auf die Kollegen in München und Berlin, die auch mit den Folgen des Ausbaus an ihren Flughäfen kämpfen“, beschreibt Kopp ihr Netzwerk.

          Neue Flugrouten wecken Empörung

          Mit dem Betrieb der vierten Rollbahn in Frankfurt soll die Zahl der jährlichen Flugbewegungen bis spätestens 2023 von heute 500000 auf rund 700000 steigen. Wenige Wochen nach der Eröffnung der neuen Landebahn hat sich zwar die Zahl der Flüge nur unwesentlich erhöht, doch durch verlagerte Flugrouten ist die Empörung in Gemeinden wie Flörsheim oder Raunheim über hohe Lärmpegel und niedrige Flughöhen der Maschinen bereits riesengroß. „Wir werden die persönliche Betroffenheit nicht ignorieren“, verspricht Fraport-Chef Stefan Schulte.

          Hand in Hand mit der Deutschen Flugsicherung setzt der Frankfurter Flughafenbetreiber auf aktive und passive Schallschutz-Maßnahmen. Dazu zählen neue Anflugverfahren, um Regionen zu umfliegen oder im steileren Anflugwinkel zu landen ebenso wie Anreize zur Umsiedlung, indem Fraport die Kosten für niedrig überflogene Häuser zum Verkehrswert vor dem Ausbau erstattet.

          Den Ärger in Frankfurt hätte eigentlich ein Mediationsverfahren vermeiden sollen. Um eine Wiederholung des öffentlichen Dramas um die „Startbahn West“ zu vermeiden, fanden sich vor elf Jahren Gegner und Befürworter des Flughafenausbaus zusammen, der insgesamt 4 Milliarden Euro kostet. „Doch das wahre Ausmaß der Belastung wurde damals wohl unterschätzt“, sagt Aktivistin Kopp.

          Berliner Flughafengegner peilen Volksentscheid an

          In Berlin waren es kürzlich ebenfalls wieder einige Tausend, die in der Berliner Mitte für ein striktes Nachtflugverbot und gegen den Ausbau des neuen Großflughafens in Berlin-Schönefeld demonstrierten. Sie waren vor allem aus dem städtischen Süden in das Regierungsviertel gekommen, um ihren Protest abzuladen, denn vor allem im Süden werden die Flugzeuge zu hören sein, die vom 3. Juni kommenden Jahres an auf dem neuen Flughafen Berlin Brandenburg International (BBI) starten und landen werden.

          Das Bundesverwaltungsgericht hat im Oktober die Nachtflüge in den Randzeiten zwischen 22 Uhr und Mitternacht sowie zwischen 5 und 6 Uhr genehmigt. Die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg stehen dazu. Um sie zur Umkehr zu bewegen, streben die Flughafengegner einen Volksentscheid an, vorbereitende Unterschriftenaktionen laufen. Der Streit über die Flugrouten, die in den ersten 15 Jahren der Flughafenplanung nach der Wiedervereinigung kein ernstgenommenes Thema waren, dauert seit Monaten. Zunächst protestierten die Bewohner des Süden und Südwestens, jetzt nach der abermaligen Änderung der möglichen Flugwege wehren sich die Anlieger der Müggelsee-Region im Südosten. Im Januar will das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung endgültig über die Flugrouten entscheiden - die Proteste wird das nicht beenden. Die Fluglärmkommission, die das Flughafen-Projekt seit Jahren begleitet, hat sich als unzureichende Form der Bürgerbeteiligung erwiesen.

          In München liegen die Dinge etwas anders. Der Franz-Josef-Strauß-Flughafen ist, anders als in Frankfurt und Berlin, so weit im Hinterland gelegen, dass er von der Innenstadt mit der S-Bahn nicht unter 45 Minuten zu erreichen ist. Dennoch ist der Bau der dritten Start- und Landebahn umstritten. „Koa Dritte“, forderten rund 7000 Demonstranten auf einer Kundgebung im Oktober. Die Ablehnung hat zwar auch mit der Lärm- und Abgasbelästigung für die Menschen im Erdinger Moos zu tun, doch weitaus mehr fürchten die Bürger der Gemeinde Freising den Konjunkturaufschwung: Wenn mit dem Ausbau Passagierzahlen und Frachtmengen steigen und der Flughafen bis zu 11000 neue Arbeitsplätze schaffen wird, dürften Mieten und Lebenshaltungskosten weiter steigen. Dabei sind die Immobilienpreise rund um München längst die höchsten in Deutschland.

          Die Flughafengegner haben beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof 21 Klagen eingereicht - mit geringer Aussicht auf Erfolg. Die Flughafen München GmbH hofft auf eine baldige Klärung der Rechtslage, denn in der zweiten Jahreshälfte 2012 sollen die Bauarbeiten beginnen. Die Kosten für die dritte Bahn werden auf 1,2 Milliarden Euro beziffert. „Den kleineren Teil dieser Summe“, sagte ein Flughafensprecher, „stellen die reinen Baukosten.“ Ein Großteil entfällt indessen auf Entschädigungsleistungen für betroffene Anwohner, wie der Ankauf von Grundstücken oder die Bereitstellung von Ausgleichsflächen.

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