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Profi-Fußball : Lasst die Millionäre doch kicken!

  • -Aktualisiert am

Geisterspiel mit leeren Rängen Bild: dpa

Jeder zweite Deutsche ist dagegen, dass die Bundesligasaison mit Geisterspielen – ohne Zuschauer in den Stadien – fortgesetzt wird. Die breite Ablehnung ist erstaunlich.

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          Nur einen Tag nach der großen Erleichterung ist im deutschen Profi-Fußball eine gewisse Ernüchterung eingekehrt. Am vergangenen Mittwoch hatten die Regierungen von Bund und Ländern den Weg frei gemacht für eine Fortsetzung der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga. Am Donnerstag verbreitete die ARD dann ein bedenkliches Ergebnis ihres Deutschland-Trends: Demnach ist jeder zweite Deutsche dagegen, dass die Bundesligasaison mit Geisterspielen – ohne Zuschauer in den Stadien – fortgesetzt wird. Nur 36 Prozent der Befragten sind dafür, dem Rest ist’s schnuppe.

          Das Ergebnis ist alarmierend für die Profiklubs, die ab nächstem Wochenende sowieso schon neun Spieltage lang auf Umsätze durch Bier, Bratwurst und Fan-Utensilien verzichten müssen. Die breite Abneigung gegen Spiele in leeren Stadien offenbart nämlich nicht nur, dass die Fußballbegeisterung hierzulande Grenzen hat. Sie deutet vielmehr darauf hin, dass es viele Deutsche zumindest billigend in Kauf nähmen, wenn ein paar Profiklubs pleitegingen und das Produkt Bundesliga geschädigt würde. Denn bei der anstehenden Saisonfortsetzung geht es ja nicht um den großen Spaß, sondern um 280 Millionen Euro Fernsehgelder und damit um Existenzen.

          Dass sogenannte Ultras, die sich für die Gralshüter des wahren Fußballs halten, gegen jeden Kick von Kapitalismus wettern und Mäzene wie Dietmar Hopp beleidigen und bedrohen, ist besorgniserregend genug. Wenn aber nun eine Masse auf Distanz zum Produkt der Deutschen Fußball-Liga (DFL) geht und den großen Kick nicht mehr um jeden Preis sucht, wird das Geschäftsrisiko unschätzbar groß.

          Vom normalen Fußballinteressierten bis zum Ethikprofessor mokieren sich gerade viele, dass sich die Bundesliga als etwas Besonderes geriert, dass kickende Millionäre sich näher kommen dürften als alle anderen Menschen und die Klubs sicherheitshalber Tausende Covid-19-Tests bunkerten. Die Rede ist von Lobby-Projekt der DFL und Stresstest der Solidarität.

          Entfremdung von der Kundschaft

          Dann lieber ein Berufsverbot für Fußballprofis? Nach dem Motto aller neidischen Populisten: Die haben’s ja dicke, darum sollen sie sich nicht so haben? Millionen Deutsche freuen sich, wenn sie Arbeit haben und in der Freizeit jetzt wieder Sport treiben dürfen – und gleichzeitig wollen wir Fußballprofis verweigern, schleunigst ihrem Beruf nachzugehen? Nein, was Max Mustermann genießt, darf Manuel Neuer nicht verwehrt werden. Alles andere ist Doppelmoral.

          Die breite Ablehnung des geplanten Bundesliga-Neustarts ist umso erstaunlicher, weil sich der Profifußball redlich müht. Er pokert nicht um Staatsknete. Er hat ein Hygienekonzept erarbeitet, an dessen Wirksamkeit sich andere Ligen und Branchen künftig orientieren können. Spieler haben auf Gehälter verzichtet, Vereine haben Tafeln mit Spenden unterstützt und dergleichen mehr. Dass sich die DFL trotzdem um ihr Premiumprodukt sorgen muss, zeugt von einer Entfremdung von der Kundschaft.

          Einerseits berauscht sich die Gesellschaft am Fußball als Sport und am Event, an dem sie mitwirkt. Andererseits erscheinen Klubs und Kicker abgehoben. Wenn Spieler mit sündteuren Autos zum Training fahren oder mit einem goldenen Steak für 1200 Euro protzen und Kritiker danach als „Neider und Hater“ beschimpfen, ist das dämlich und respektlos.

          Auch die Nationalmannschaft hat die Entfremdung schon spüren müssen. Es lag nicht nur am WM-Desaster 2018, dass die Stadien bei vergangenen Länderspielen nicht ausverkauft waren und die Fans pfiffen. Es lag auch daran, dass Fans keine Marketingmaschine zum Investieren wollen, sondern eine Fußballmannschaft zum Identifizieren.

          Nun müht sich der Profifußball, die Kurve zu kriegen. Das DFB-Team, früher bis zum Exzess als „La Mannschaft“ vermarktet, übt sich längst in Demut. Nun in der aktuellen Not sollte auch die Bundesliga ihre Lektion gelernt haben. Zumindest gelobt sie Besserung und überlegt, eine Taskforce „Zukunft Profifußball“ zu gründen, um ihr Produkt mit neuem Leben zu füllen. Wäre doch schlimm, wenn die bisherige Kundschaft nach zwei Monaten Corona-Auszeit erkennt: Ein Leben ohne Bundesliga ist ärmer, aber möglich.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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