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Produzenten sauer : Vernichtet der Mindestlohn die Spreewaldgurke?

Gurkenernte im brandenburgischen Stradow. Bild: ddp

Saure Gurken kommen aus dem Spreewald. Aber der Mindestlohn macht den Produzenten dort zu schaffen. Der Preis je Glas müsste um 20 Cent steigen - doch Handel und Verbraucher zögern.

          2 Min.

          Der neue gesetzliche Mindestlohn ist schon für manches Unheil verantwortlich gemacht worden, allen voran die Gefährdung von Arbeitsplätzen und lästige Stundenzettelbürokratie. Er löste auch Sorgen um die Zukunft von Blaskapellen und ehrenamtlich bewirtschafteten Wanderhütten aus. Damit aber nicht genug - nun bekommt die Auseinandersetzung eine im Wortsinne säuerliche Note: Der Mindestlohn droht die legendäre Spreewaldgurke zu vernichten. Das sagt jedenfalls Konrad Linkenheil voraus.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Linkenheil ist Vorsitzender des Bundesverbands der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie und leitet im Hauptberuf die Spreewaldkonserve Golßen GmbH. „Der gesetzliche Mindestlohn hat das Ende des Gurkenanbaus in Deutschland eingeläutet“, befürchtet er. Schon in diesem Jahr gehe die Anbaumenge um 20 Prozent zurück. Bezogen auf die bundesweite Erntemenge, die sich bisher laut amtlicher Statistik auf mehr als 160.000 Tonnen im Jahr belief, wäre das ein Rückgang von gut 30.000 Tonnen.

          Hilfeschrei für ein Regionalprodukt

          Sein Unternehmen, dessen Konserven unter der Marke „Spreewaldhof“ in den Regalen stehen, ist bei weitem nicht der einzige Gurkenhersteller in Brandenburg. Aber ein sehr großer, denn er ging nach dem Untergang der DDR aus dem gleichnamigen Volkseigenen Betrieb hervor. Linkenheil und seine Schwester haben diesen 1991 übernommen. Mit 170 festangestellten Mitarbeitern und noch einmal fast doppelt so vielen Saisonkräften setzt er rund 110 Millionen Euro um.

          „Wir sind nun einmal nicht das Friseurgewerbe“, sagt Linkenheil. Das Problem besteht nach seiner Analyse darin, dass die Gemüseverarbeiter im internationalen Wettbewerb mit Anbietern stehen, die keine vergleichbaren Kostensteigerungen verkraften müssen. Falls Handel und Verbraucher nicht noch davon zu überzeugen seien, dass die Spreewaldgurke teurer werden müsse, werde es schwer. „Es geht nur um 20 Cent je Glas - aber die sind notwendig, damit die Spreewaldgurke erhalten bleibt.“ Was er da erzählt, ist unvermeidlich auch Reklame für ein Regionalprodukt. Er will die Botschaft aber vor allem als „Hilfeschrei“ verstanden wissen.

          Spreewaldgurke bald im Regal neben Kaviar und Trüffel?

          Linkenheil räumt ein, dass der Mindestlohn nicht das einzige Problem sei. Auch hohe Energiekosten hätten dem deutschen Sauergemüse schon zugesetzt. Zudem kann sich offenbar selbst die Spreewaldgurke nicht dem Einfluss einer allgemein sinkenden Begeisterung für Konserven entziehen. Der Mindestlohn für Gurkenpflücker (und andere Erntehelfer) ist bisher sogar noch mild: Dank einer tariflichen Übergangsregelung sind es bisher 7,20 statt 8,50 Euro. Doch sieht der Tarifvertrag auch vor, dass dieser Branchenmindestlohn 2017 auf 9,10 Euro steigt.

          Er wird selbst dann nicht dazu führen, dass Verbraucher auf saure Gurken verzichten müssen; die Konkurrenz aus Osteuropa steht bereit. Theoretisch könnte die Spreewälder Konservenfabrik sogar darauf setzen, deren billigere Rohware zu verarbeiten. Das Ende der Spreewaldgurke würde es aber nicht verhindern. Denn nach der Wiedervereinigung hatte der Spreewald hart dafür gekämpft, dass die EU seine Gurke als geschütztes Regionalerzeugnis anerkennt. Nun gilt: Wo Spreewald draufsteht, muss auch Spreewald drin sein. Und wenn der Spreewald zu teuer wird, verschwindet er - zumindest aus den Supermärkten. Als Feinkost hätte die Gurke wohl noch Zukunft. Aber da gehe es dann um Mengen, „für die reichen hier 20 Mitarbeiter aus“, sagt Linkenheil.

          Während andere weiter vor allem über Ärger mit der Bürokratie klagen, hat der hemdsärmelige Konservenunternehmer - zumindest im Fall der Gurkenernte - auch mit dem Mindestlohn selbst noch nicht so recht seinen Frieden gemacht. Seine Erklärung: Auf den Feldern würden seit jeher zu 100 Prozent Erntehelfer aus dem östlichen Europa eingesetzt. Die bekamen schon mit 5 Euro Stundenlohn mehr als doppelt so viel wie zu Hause - „und sie haben keinem einzigen Deutschen Niedriglohnkonkurrenz gemacht“. Sollte sich der Anbau nun nach Osten verlagern, „dann werden die Gurken von denselben Leuten geerntet wie heute im Spreewald“, sagt Linkenheil. „Nur kriegen die dafür dann weniger Geld.“

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