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Produktpiraterie : Piratenjäger auf der Messe

Viel Arbeit für Piratenjäger: Messehalle in Hannover Bild: dpa/dpaweb

Produktpiraterie wird zum immer größeren Problem für Markenhersteller. Auf der Hannover Messe sind deshalb professionelle „Spione“ unterwegs, die Produktfälschungen aufstöbern sollen - denn die Nachahmerprodukte verursachen Milliardenschäden.

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          Ingrid Bichelmeir-Böhn ist stutzig geworden. An einem kleinen Stand in Halle 21 nimmt sie die Exponate eines chinesischen Ausstellers unter die Lupe. Der zeigt Wälzlager. Und er hat Schildchen aufgestellt, mit denen der Standbesucher darauf aufmerksam gemacht wird, dass sie auch für Timken und SKF produzieren. Hier schaut Bichelmeir genauer hin. Womöglich könnte sich auf den Produkten aus dem fernen China plötzlich Marken aus der deutschen Schaeffler-Gruppe wiederfinden.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Bichelmeir ist Rechtsanwältin und in der Schaeffler-Gruppe Koordinatorin für die Bekämpfung der Produkt- und Markenpiraterie. „Sperrig und lang“ findet sie selbst diese Bezeichnung. Deswegen nennen ihre Kollegen sie lieber „Piratenjägerin“. Sie streift nicht alleine durch Halle 21. Mona Hadi Salih, Markenreferentin der Schaeffler-Gruppe mit ihren Marken Ina, FAG und LuK, begleitet sie. Auch der Ingenieur Franz Blum ist dabei. Als Schadensanalytiker kennt er sich bestens aus mit den eigenen Produkten und mit Fälschungen. Seine Expertise ist bitter nötig, weil Patent- oder Markenverletzungen nicht auf den ersten Blick auszumachen sind. Wie auch, wenn allein Schaeffler rund 140.000 Produkte im Angebot hat.

          Spektakuläre Aktionen sind selten

          Die drei Piratenjäger laufen von Stand zu Stand, etwa zu asiatischen oder osteuropäischen Ausstellern. Sie haben Adlerblicke entwickelt, und „drücken die Nase an die Schaukästen“, wie Mona Hadi ihre Arbeit schmunzelnd beschreibt. Sie beäugen die Exponate, beraten sich und sammeln emsig Katalogmaterial, das ihnen freundliche Firmen-Repräsentanten bereitwillig in die Hand drücken. Die drei arbeiten inkognito. Zumindest im ersten Moment kommt das Standpersonal nicht darauf, dass da „Spione“ vor ihnen stehen.

          Um es vorweg zu nehmen: Spektakuläre Aktionen mit Einsatz von Staatsanwalt, Polizei oder Zoll hat es am Montag ebenso wenig gegeben wie das Beschlagnahmen oder Abdecken von Exponaten oder gar Standschließungen. Ausgeschlossen sind solche Maßnahmen aber nicht. SEW Eurodrive, ein großer Hersteller von Getrieben, ist ebenfalls mit Piratenjägern unterwegs und sucht schwarze Schafe.

          Quellen des Übels beseitigen

          Auf der Hannover Messe hat SEW in den beiden vergangenen Jahren erreicht, dass drei chinesische Unternehmen auf Fälschungen beruhende Exponate abgedeckt, das Katalogmaterial aus dem Verkehr gezogen und Plakate abgehängt hatten. Ein Erfolg für Martin Herrmann, der als Wirtschaftsjurist bei SEW zuständig für Patentschutz ist. Auf seinem Messerundgang in diesem Jahr hat er mit Freude festgestellt, dass die drei dingfest gemachten Firmen aus China keine Plagiate von SEW mehr ausstellen.

          Die Schaeffler-Truppe geht betont diplomatisch vor. Laute Aktionen verbieten sich. „Unser Ziel ist es, Fälschungen vom Markt zu bekommen und keinen Rachefeldzug anzutreten.“ Nicht der Händler solle geschädigt, sondern die Quellen des Übels geschlossen werden, sagt Bichelmeir. Nach einer Umfrage des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) machen immerhin 51 Prozent der befragten Firmen Plagiate eigener Waren auf Messen aus. Ausstellungen sind ein geeigneter Ort, Piraten zu erspähen - oder zumindest Firmen auf den Radar zu nehmen, die potentiell Billigprodukte fälschlicherweise mit fremden Namen teurer machen oder gar Patente verletzen.

          Fälscher werden immer dreister

          Doch es wird immer schwieriger, diese ausfindig zu machen. „In den vergangenen Jahren ist es wesentlich einfacher gewesen, Fälscher zu entlarven, sagt Hadi: „Wir sehen von der Spitze des Eisberges nur die Spitze.“ Seit Jahren nehmen Fälschungen zu. Der VDMA schätzt, dass dadurch jährlich ein Schaden von mehr als 5 Milliarden Euro für den deutschen Maschinenbau entsteht. Zwei Drittel der Mitgliedsunternehmen fühlen sich von Produktpiraterie betroffen.

          In 60 Prozent der Fälle wurden komplette Maschinen nachgebaut. Es folgen der Nachbau von Ersatzteilen (42 Prozent) und von Komponenten (41 Prozent). Die Umfrage zeigt, dass die Fälscher immer dreister werden: Gegenüber der letzten Umfrage vor zwei Jahren ist der Anteil der betroffenen Unternehmen (43 Prozent) dramatisch gestiegen.

          Keine Hauruck-Aktionen

          Trotzdem müssen Piratenjäger leise auftreten. Zum einen lassen sich Fälscher nicht einfach erwischen. „Die sind ja nicht blöd und bieten ihre Fälschungen auf dem Präsentierteller“, sagt Bichelmeir. Auch die Vorsicht gebietet den lautlosen Auftritt: „Wir machen keine Hauruck-Aktionen.“ Original und Fälschungen sind nicht sofort zu unterscheiden. Daher müsse verantwortlich gehandelt werden, um nicht Unschuldige zu schädigen.

          Bichelmeir will in erster Linie Beweise sichern. Auf Messen werden Kataloge oder Produktbeschreibungen gesammelt. Bei klar erkennbaren Verstößen werden aber alle Register gezogen. Die reichen von der Unterlassungserklärung über eine einstweilige Verfügung per Anwalt bis zur Kontaktaufnahme mit Zoll und Polizei.

          „Das Problem ist in Europa angekommen“

          Zwar prangert die VDMA-Umfrage China als größten Produktpiraten an. Aber Rechtsanwältin Bichelmeir warnt vor Pauschalurteilen: „Wer den Fokus auf die Chinesen richtet, ist für den Rest der Welt blind.“ Fälscher würden immer mehr in Drittländern sitzen und kopierten zunehmend sogar chinesische Produkte. Indien, Italien, Türkei und Litauen nennt sie als weitere Herkunftsländer für Fälscher. Doch werden Raubkopien immer mehr in europäischen Ländern und damit auch in Deutschland angeboten und hergestellt. „Das Problem ist in Europa angekommen“, sagt Bichelmeir.

          Die Hauptarbeit der Piratenjäger beginnt nach der Messe, wenn sie sich verdächtige Unternehmen vorknöpfen. Sie helfen bei Ermittlungen, die zu Verhaftungen und Beschlagnahmungen führen können, sei es in China, der Türkei oder Italien. „Da wäre ich auch gerne mal dabei“, sagt Mona Hadi Salih, und streift weiter über die Messe.

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