https://www.faz.net/-gqe-9j0ms

Pro Tempolimit : Freie Fahrt für die Vernunft

Auf der A81 am Hegaublick gilt bereits ein Tempolimit. Mehr als 130 km/h sind nicht erlaubt. Bild: dpa

Die Sachlage ist klar: Wo Geschwindigkeiten begrenzt werden, sinkt die Zahl der Verkehrstoten deutlich. Man muss es leider so drastisch sagen: Für den Kick einer Minderheit in PS-starken Limousinen müssen jedes Jahr Menschen sterben. Ein Kommentar.

          Wie entspannt war doch im letzten Urlaub das Fahren auf Österreichs Autobahnen: Bei Tempo 120 konnte man an einer Lkw-Kolonne vorbeiziehen, ohne dass gleich von hinten ein SUV auffuhr und drängelte. Das ist das Hauptargument für ein Tempolimit: Es nimmt Hektik und Aggression aus dem Verkehr, schafft mehr Gelassenheit und Sicherheit. Das haben alle westlichen Industriestaaten schon erkannt – nur die Deutschen noch nicht. Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Ideologen wie Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) machen jede Diskussion im Ansatz platt. „Gegen jeden Menschenverstand“ – mit diesen Worten hat er die von ihm selbst eingesetzte Verkehrskommission nun öffentlich erniedrigt.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Warum eigentlich hat das Bundesverkehrsministerium seit Jahrzehnten keine bundesweite Untersuchung über ein Tempolimit in Auftrag gegeben? Fürchtet man die Ergebnisse? Internationale Studien zeigen immer wieder, dass Straßen so sicherer werden. Wer langsamer fährt, hat mehr Zeit zu reagieren. Wer aber mit 200 Stundenkilometern anrauscht, hat einen doppelt so langen Bremsweg wie jemand mit 130. Das ist Physik und nicht wegzudiskutieren.

          Autobahnen gelten als die sichersten Straßen – jedenfalls wenn man die Toten auf die Verkehrsleistung anrechnet, sonst sähe die Statistik anders aus. Aber das ist ja auch klar, denn es sind Einbahnstraßen ohne Ampeln, Kreuzungen, Fuß- und Radverkehr. Trotzdem gab es 2017 auf Autobahnen 409 Tote und fast 6000 Schwerverletzte. Hauptunfallursache war zu schnelles Fahren.

          Gut fürs Klima und den Verkehrsfluss

          Die Sachlage ist klar: Wo Geschwindigkeiten begrenzt werden wie etwa auf der A24 zwischen Berlin und Hamburg, sinken die Opferzahlen deutlich. Unfallforscher sehen die großen Geschwindigkeitsunterschiede auf benachbarten Fahrstreifen als Gefahr. Auch die Gewerkschaft der Polizei fordert Tempo 130. Aber weil sich lautstarke Raser gern auf ihr individuelles Freiheitsgefühl berufen, kuscht die Politik. Man muss es leider so drastisch sagen: Für den Kick einer Minderheit in PS-starken Limousinen müssen jedes Jahr Menschen sterben.

          Ach ja, und dann ist da noch Deutschlands Klimabilanz. Ein paar Millionen Tonnen Kohlendioxid ließen sich einsparen – sofort und kostenlos. Das wäre nach manchen Berechnungen mehr als die Emissionen des gesamten Schienengüterverkehrs. Außerdem harmonisieren Geschwindigkeitsbeschränkungen den Verkehrsfluss und verringern Staus. Das käme allen zugute.

          Ein Tempolimit wird irgendwann kommen, weil die besten Gründe dafür sprechen. Alkohol am Steuer ist ja auch verboten, und niemand stört sich daran – nur beim Rasen wird noch an die Eigenverantwortung der Fahrer appelliert. Dass allerdings diese Bundesregierung noch die Kurve kriegt, das ist alles andere als wahrscheinlich.

          Zu einem anderen Schluss kommt F.A.Z.-Redakteur Holger Appel. Seine Argumente gegen ein generelles Tempolimit können Sie hier lesen.

          Weitere Themen

          Geld nur gegen Reformen

          Eurobudget : Geld nur gegen Reformen

          Das künftige Budget für die Eurozone soll Reformen vorantreiben. So steht es in einem deutsch-französischen Papier, das der F.A.Z. vorliegt. Auch mögliche Finanzierungsquellen werden darin genannt.

          Topmeldungen

          Orbán terrible : Ein Mann entzweit die Union

          Für die Union ist das Verhältnis zu Ungarns Ministerpräsidenten Orbán ein Balanceakt. Die CSU-Oberen suchten lange seine Nähe – Angela Merkel tat das nicht.
          Unter Druck: AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel am Donnerstag im Bundestag

          Spendenaffäre : Eine Blamage für die AfD

          Die Spendenaffäre ist für die AfD eine inhaltliche Bankrotterklärung. Sie belegt die tief in der Partei verankerte Verantwortungslosigkeit, die innerhalb der AfD gerne als Freiheit verkauft wird. Ein Kommentar.

          Brexit-Krise : Muss May in drei Monaten zurücktreten?

          Großbritannien will am 29. März aus der EU austreten – wenn es nach May geht zur Not auch ohne Abkommen mit Brüssel. Danach könnte für die Premierministerin Schluss sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.