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Privatversicherungen : Milliardenstütze für das Gesundheitssystem

  • -Aktualisiert am

Klischee vom Zweiklassensystem: Die Wartezeiten unterscheiden sich, die Behandlungsqualität nicht. Bild: dpa

Sozialdemokraten, Grüne und Linke würden Privatversicherungen gerne abschaffen. Doch die zahlen für vergleichbare Leistungen 12 Milliarden Euro mehr für ihre Kunden als die Krankenkassen. Warum?

          3 Min.

          Sozialdemokraten, Grünen und Linken wollen die private Krankenversicherung (PKV) am liebsten abschaffen. Stattdessen sollten die 8,8 Millionen PKV-Kunden Mitglieder der gesetzlichen „Bürger-Versicherung“ werden. Das könnte manche Beteiligte teuer kommen. Denn die PKV zahlt heute erheblich mehr Geld an Kliniken, Ärzte, Apotheker und Sanitätshäuser als Krankenkassen für eine vergleichbare Leistung. In Summe geht es um einen zweistelligen Milliardenbetrag.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Um dessen Höhe auszuloten, hat das wissenschaftliche Institut der PKV verglichen, wie viel Geld private Anbieter gezahlt hätten, wenn für sie die gleichen Preise und Konditionen gelten würden wie für die gesetzliche Konkurrenz. 2014 hatten die Privatversicherer 32,3 Milliarden Euro für stationäre und ambulante Behandlung, für Zahnärzte, Arznei-, Heil- und Hilfsmittel ihrer Kunden ausgegeben. Wären das alles Kassenpatienten gewesen, hätten die Anbieter für gleiche Leistungen nur 19,9 Milliarden Euro bekommen, schreibt der Studienautor Frank Wild. Allein im Jahr 2014 habe das Gesundheitssystem wegen der PKV Mehreinnahmen von 12,5 Milliarden Euro erzielt. Seit zehn Jahren berechnet die Privatversicherung diesen „Mehrumsatz“. Von 2006 bis 2014 sei er um 28,5 Prozent gestiegen. Wild schreibt: „Damit nahm die finanzielle Bedeutung der PKV für das deutsche Gesundheitswesen zu.“

          Weil viele Privatversicherte ihre Kosten wegen Selbstbehalten nicht oder nur zum Teil mit der Versicherung abrechneten, seien die „echten“ Mehreinnahmen des Systems sogar noch höher. Denn diese Zahlungen liefen erst gar nicht durch die Bücher der Versicherungen und würden deshalb nicht erfasst. Mit 12,5 Milliarden Euro werde der „Mehrumsatz“ der Privatversicherten also unterschätzt.

          Schnellere Behandlung für Privatpatienten

          Die Zahlen werden nicht bestritten, sie werden allerdings unterschiedlich interpretiert. Nimmt die PKV sie als Beleg dafür, dass sie das Gesundheitssystem subventioniere, weist die gesetzliche Krankenversicherung darauf hin, dass sie es sei, die die Infrastruktur bezahle – ohne die es jene Ärzte gar nicht gäbe, um Privatpatienten überall behandeln zu können. Das Argument wird oft ergänzt durch den Hinweis, Privatversicherte würden nicht besser, allenfalls schneller behandelt als Kassenpatienten. Allerdings deckt manche PKV-Police mehr Leistungen ab, als die Krankenkasse bezahlt.

          Die PKV-Statistik macht Geldflüsse transparent. Sie zeigt insbesondere, welche Anbieter von Privatpatienten profitieren. Besonders hoch fällt der „Mehrumsatz“ gegenüber Kassenpatienten in der ambulanten Versorgung aus. Während die PKV für ihre knapp 9 Millionen Kunden 10,5 Milliarden Euro ausgab, zahlten die Kassen für mehr als 70 Millionen Versicherte weniger als 34 Milliarden Euro. 2014 betrug der „Mehrumsatz“ der Ärzte mit Privatversicherten 6 Milliarden Euro.

          Im Krankenhaus waren es trotz einheitlicher Fallpauschalen 700 Millionen Euro. Für Arzneien und Verbandmittel hätten die Anbieter 830 Millionen Euro weniger eingenommen, hätten die Kunden nicht Privat-, sondern Kassenkonditionen gehabt, bei Heil- und Hilfsmitteln wären es 1,5 Milliarden Euro weniger gewesen. Beim Zahnarzt ließen Privatpatienten 3,2 Milliarden Euro mehr.

          Branche dementiert „Trend nach unten“

          Das führt zu der Frage, was passieren würde, sollte die PKV verschwinden. Müssten Ärzte, Zahnärzte und Apotheker auf die im Vergleich zu den Kassenentgelten zusätzlichen Einnahmen verzichten? Oder würden die Kassen einen Ausgleich zahlen? Dann müssten die Kassenbeiträge steigen. Die 12,5 Milliarden Euro (2014) entsprächen rechnerisch einer Erhöhung um 1,0 Beitragssatzpunkte.

          Die Kostenberechnung seit 2006 enthält noch eine Überraschung. Die verbreitete Annahme, die PKV habe besonders hohe Zuwächse, ist falsch. Studienautor Wild schreibt, die Leistungsausgaben der Privatversicherungen seien von 2006 bis 2014 um 32 Prozent gestiegen, die der Kassen um 39 Prozent. „Damit ist es den PKV-Unternehmen gelungen, das Ausgabenwachstum in den letzten Jahren niedriger zu halten als in der GKV.“

          In wachsende Kundenzahlen konnten die Versicherer, die 2017 wegen der Nullzinspolitik ihre Prämien teils um zweistellige Prozentsätze erhöhen, das nicht ummünzen. Im Gegenteil. Seit 2012 sinkt die Zahl der Vollversicherten in der PKV, aktuell auf 8,8 Millionen. In der Branche wird das mit mehreren Faktoren erklärt, unabhängig von dem Effekt, dass jedes Jahr Zehntausende Kinder von PKV-Kunden mit der Ausbildung oder Berufstätigkeit automatisch GKV-Mitglieder werden. Der Wechsel von der GKV werde erschwert. Seit 2012 sei die Einkommenshürde („Pflichtversicherungsgrenze“), ab der Angestellte in die PKV wechseln dürfen, um gut 10 Prozent auf 56.250 Euro in Jahr gestiegen. Ferner sei die Zahl der Selbständigen, die sich mit „kleinem“ Einkommen privat versichern dürfen, seit 2012 um 97.000 gesunken. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen sei um 426.000 gestiegen, viele ehemals Selbständige hätten jetzt eine Festanstellung. Von einem „Trend nach unten“ will die Branche nichts wissen. Seit zwei Jahren schwäche sich der Effekt ab. In diesem Jahr sei sogar wieder ein leicht positiver Wechselsaldo zu erwarten. Das Sterbeglöcklein, das unlängst „Die Linke“ der PKV geläutet hatten, wäre verfrüht erklungen.

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