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Käufliche Bildung : Wie elitär sind private Schulen?

Teure Bildung: Das Internat Schloss Salem kostet mindestens 36.000 im Jahr pro Schüler. Bild: Salem / Kuhnle & Knödler

Manuela Schwesig (SPD) schickt ihren Sohn auf eine Privatschule. Und alle fallen über sie her. Komisch, wo doch seit Jahren immer mehr Schüler nach Salem & Co. drängen.

          Der preußische Gelehrte und Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835) gilt den Deutschen als Erfinder des dreistufigen Schulsystems. Er selbst, ein allseits gebildeter Mann, hat indessen nie eine staatliche Schule besucht. Trotzdem ist aus ihm etwas geworden.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Das lässt hoffen für Julian, den zehnjährigen Sohn der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern und vormaligen Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig. Julian nämlich besucht seit diesem Schuljahr keine staatliche, sondern eine Privatschule. Das hat in der vergangenen Woche für ganz schön viel Wirbel gesorgt. Mit der „Flucht in die Privatschule“, so kommentierte ein ranghoher Funktionär des Philologenverbandes, erlaube die Ministerpräsidentin sich Dinge, die „Otto Normalverbraucher“ nicht zu Gebote stünden. CDU-Generalsekretär Peter Tauber nutzte die Gunst der Wahlkampfstunde, um Schwesig und der SPD Scheinheiligkeit vorzuwerfen: Sie predigen Wasser und trinken Wein. Die SPD rede über Bildungspolitik – „und Frau Schwesig schickt ihr Kind auf die Privatschule“.

          Offenbar gilt „privat“ hierzulande als unanständig, vor allem, wenn es um Bildung geht. Erst werden die öffentlichen Schulen kaputtgespart, dann schicken die Reichen und Mächtigen, die es sich leisten können, ihre Kinder auf die Privatschule, so tönt es aus allen Ecken des Landes, nicht nur den linken. Bildung werde immer mehr käuflich, ein Instrument für bürgerliche Eltern, die in nervöser Statuspanik ihre Kinder elitär ghettoisieren – und damit die soziale Entmischung und Ungleichheit des Landes vertiefen.

          Typisch Doppelmoral, dass führende Sozialdemokraten bei dieser Entmischung auch noch mitmachen, so trommelt es dieser Tage auf Schwesig ein, die sich vor lauter Schreck eine saudumme Ausrede einfallen ließ: Die Privatschule des Sohnes sei die einzige weiterführende Schule im Wohngebiet der Familie. Das stimmt zwar: Julian hat jetzt zehn Minuten Fußweg zu gehen. Die nächste öffentliche Schule würde er aber in zwanzig Minuten erreichen. „Ist ja wohl zumutbar“, jaulen postwendend Eltern, deren Kinder täglich stundenlange Busfahrten zum Unterricht auf sich zu nehmen gezwungen sind.

          Vorwürfe verzerren die Wahrheit

          Das hat die Ministerpräsidentin davon, dass sie feige ist und ihre Schulwahl nicht offensiv verteidigt. Die Anwürfe gegen die Privatschulen hören sich zwar gut und sozialkritisch an. Dumm nur, dass (fast) nichts daran der Wahrheit entspricht. Das fängt schon mit der Unterstellung an, die öffentlichen Schulen würden kaputtgespart, wofür in aller Regel als anekdotische Evidenz der Zustand der Schultoiletten herhalten muss. Die Zahlen bestätigen die Unterstellung aber nicht. Jahr für Jahr geben die öffentlichen Haushalte mehr für Bildung und Schule aus: 6700 Euro betrugen die Aufwendungen je Schüler im Jahr 2014, das waren 1800 Euro mehr als acht Jahre zuvor. Schwer beweisbar ist auch die Behauptung, es gebe große, auf den Geldbeutel zurückführbare sozioökonomische Unterschiede zwischen privaten und öffentlichen Schulen. Der sogenannte Isei-Index, der den beruflichen Status einer Familie misst, weist bei den Privaten vielmehr nur relativ geringe Ausschläge nach oben aus.

          Es ist ein Mythos zu meinen, der Staat sorge stets für soziale Durchlässigkeit. Von wegen. Gut verdienende Akademiker schicken ihre Kinder auch im staatlichen System häufiger aufs Gymnasium als auf die Hauptschule, während Eltern ohne diesen Hintergrund sich oft umgekehrt entscheiden. Auch der Staat separiert also nach sozialen Kriterien und behindert Mobilität nach oben.

          Wer bei Privatschule nur an Elite-Internate à la Salem am Bodensee denkt, liegt eben ziemlich falsch. „Die Privatschullandschaft ist total divers, wie ein bunter Blumenstrauß“, sagt die Bildungsforscherin Rita Nikolai vom Berliner Wissenschaftszentrum WZB. Ob Reformpädagogik (Waldorfschule, Montessori), Klosterschule oder elitäre Kaderschmiede – die Unterschiede sind ziemlich groß. Fest steht dabei nur: Privatschulen werden seit den neunziger Jahre bei Eltern und Schülern immer beliebter, nicht zuletzt in den neuen Bundesländern. Manuela Schwesig liegt also voll im Trend. Woran das liegt, ist weniger klar. Rita Nikolai vermutet im Osten, wo bis 1989 Privatschulen verboten waren, einen „Nachholeffekt“. Schulen in kirchlicher Trägerschaft (das Canisiuskolleg in Berlin, St. Blasien im Schwarzwald) genießen zudem den Ruf, den Kindern eine besonders gute, an Werten orientierte Erziehung zu vermitteln.

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