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Privatschulen : Die Fluchtburg für Bildungshungrige

720.000 Kinder lernen an privaten Schulen Bild: Wonge Bergmann

Privatschulen haben Zulauf wie nie. Fast 8 Prozent aller Schüler lernen mittlerweile auf einer Privatschule. Nicht nur Reiche schicken ihre Kinder dorthin. Auch die gebildete Mittelschicht flieht aus staatlichen Schulen.

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          Nennen wir sie einfach Susanne Fest. Vor einem Jahr hatte sie die Unterrichtsausfälle in der staatlichen Schule ihres jüngsten Sohnes genauso satt wie die Debatte um immer neue Schulreformen. Die Ärztin aus Bremen schickt ihn seit diesem Sommer in die fünfte Klasse auf ein Privatgymnasium. Ihr Älterer geht auf eine öffentliche Schule in die 10. Klasse, weil die Fests vor ein paar Jahren noch von privaten und damit "doch irgendwie privilegierten" Bildungseinrichtungen und ihrer recht homogenen Schülerschaft nicht viel wissen wollten.

          Inge Kloepfer
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          320 Euro zahlt sie jetzt für den Schulbesuch ihres Jüngsten auf dem Ökumenischen Gymnasium (ÖG) in Bremen, auf dem sich die Kinder der wohlhabenden Bremer Gesellschaft versammeln und jene, deren Eltern sich eine bessere Bildung erhoffen, als sie öffentliche Schulen bieten. "Ich habe wieder angefangen zu arbeiten, damit wir das jetzt wuppen können", sagt Susanne Fest. Ihr Mann ist ebenfalls Arzt. Und weil Ärzte nicht mehr automatisch viel verdienen in Deutschland, verdient sie ein bisschen dazu. Sie ist zufrieden: "Die Stundenpläne sind verlässlich. Wenn ein Lehrer fehlt, findet immer eine Vertretung statt." Sehr überzeugend findet sie auch, dass es an der Schule viele junge Lehrer gibt.

          Susanne Fest und ihr Mann liegen in Deutschland ganz im Trend: Die Privatschulen boomen. Rund 3000 allgemeinbildende Schulen in freier Trägerschaft gibt es hierzulande mit insgesamt 720 000 Privatschülern. Das sind fast 8 Prozent aller Schüler.

          Bild: F.A.S.

          Die Privatschulen sind längst zu Fluchtburgen bildungsambitionierter Eltern vor dem öffentlichen Bildungsangebot geworden. Und vor einer sozialen Schülermischung, die viele für ihre Kleinen als nicht optimal empfinden. Nicht nur im sozial sehr heterogenen Bremen grenzt man sich ab. Laut sagt das natürlich keiner.

          Das war übrigens auch früher schon so. Von Bremer Bildungsbürgern wurde das "ÖG" vor fast 30 Jahren gegründet, aus "schulpolitischer Notwendigkeit". Damals sollten die Gymnasien zugunsten von Gesamtschulen abgeschafft werden. Doch ihr Gymnasium wollten sich die Bildungsbürger nicht nehmen lassen. Heute zeigt sich: Die Tendenz hat sich enorm verstärkt.

          Was die Bürger immer schon geahnt haben, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) inzwischen wissenschaftlich bestätigt. Es handelt sich vor allem um die "bildungsnahen" Elternhäuser, die sich die Exklusivität der Privatschulen etwas kosten lassen. In der vergangenen Dekade hat sich der Anteil an Privatschülern aus ebenjenen Familien um fast 80 Prozent erhöht. Die Wissenschaftler haben das aus dem "Sozioökonomischen Panel" herausgelesen, einer jährlichen Befragung von 11.000 Haushalten.

          Sie haben auch herausgefunden, dass der Anstieg von Schülern aus bildungsfernen Schichten an Privatschulen lediglich 12 Prozent betrug. An denen geht der Boom weitgehend vorbei. "Es sind ganz klar die Kinder von Eltern, die Abitur haben und beruflich bessergestellt sind, die zur Privatschule gehen", sagt Katharina Spieß, Forschungsdirektorin am DIW.

          Die Flucht verschärft die Selektion

          Was sie aus dem Zahlenwerk hingegen nicht ableiten kann, das sind die Gründe für diesen Trend. Es könnte sein, dass Schulen eher Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern aufnehmen als andere, sagt sie. "Es könnte aber auch sein, dass Eltern aus bildungsfernen Schichten erst gar nicht auf die Idee kommen, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken."

          Dabei sind es eben nicht mehr nur die Reichen, die ihre Sprösslinge auf Privatschulen schicken. Es sind die Bildungsambitionierten. Sie profitieren davon, dass es den Schulen in freier Trägerschaft durch das Grundgesetz verboten ist, Kinder über die Höhe des Schulgeldes auszuschließen. Die rechtlich vertretbare Spanne für Schulgeld liegt zwischen 130 und maximal 200 Euro im Monat. Nur wenn das Schulgeld abhängig vom Elterneinkommen erhoben wird, kann es mehr sein.

          Ganz umsonst können Privatschulen naturgemäß nicht sein, da der Staat sie eben nicht vollständig finanziert. Die öffentliche Hilfe fällt je nach Bundesland unterschiedlich aus. In Bremen schießt der Senat gerade einmal 58 Prozent dazu, was wiederum das Schulgeld in die Höhe treibt. Nicht wenige Privatschulen sind deshalb froh, wenn die wohlhabende Klientel bei ihnen ein und aus geht. Am günstigsten sind meistens kirchliche Schulen, weil sie die fehlende Finanzierung aus Mitteln der Kirchensteuer aufbringen.

          Die Flucht des Bildungsbürgertums vor den öffentlichen Schulen hat Folgen, die nicht nur die DIW-Forscher mit Sorge beobachten. Sie verschärft jene Selektion der Kinder und Jugendlichen aufgrund ihrer sozialen Herkunft, die schon im öffentlichen Schulsystem an der Tagesordnung ist. Dabei ist gar nicht erwiesen, dass Kinder an Privatschulen bessere Leistungen erzielen. Vergleicht man die Schülerleistungen dort mit denen der Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern an öffentlichen Schulen, gibt es keine Unterschiede.

          Der Trend zur Privatschule ist nichtsdestotrotz ungebrochen. Gerade hat der Bremer Reeder Niels Stolberg sein "Belluga-College" aufgemacht, ein Gymnasium mit maritimem Schwerpunkt, in das Jugendliche nach der 9. oder 10. Klasse wechseln können - selbstverständlich unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Er ist ordentlich in Vorleistung getreten, weil die Unterstützung vom Land erst nach drei Jahren fließt. 27 Schüler lernen dort seit dem 17. August und zahlen, je nach Einkommen der Eltern, zwischen 30 und gut 600 Euro Schulgeld. Jeder zahlt, was er zahlen kann. Die Jugendlichen erwerben dort ihre Hochschulreife. Und wie schon gesagt: nicht nur diejenigen mit tiefen Taschen.

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