https://www.faz.net/-gqe-6lhl3

Private Krankenversicherung : Im Alter steigen die Kosten

Bild: picture-alliance/ dpa

Der Wechsel in die private Krankenversicherung wird zum 1. Januar leichter. Wer hohe Kostensteigerungen vermeiden will, muss seinen Anbieter aber sorgfältig wählen.

          4 Min.

          Die Idee der privaten Krankenversicherung überzeugt Andreas Spahr noch immer. "Sie sollte wie eine Autoversicherung eine Mischung aus Solidarität und Selbstverantwortung sein", sagt der selbständige Personalberater, der beruflich Führungskräfte an Unternehmen vermittelt. Nur mit seiner eigenen Police ist er nicht mehr einverstanden. Um 55 Prozent ist sein Beitrag zum 1. Januar erhöht worden. Statt 187 Euro zahlt er künftig 290 Euro monatlich für Kranken- und Pflegeversicherung. Ein Wechsel zu einem anderen Versicherer kommt nicht in Frage, weil er dann seine Alterungsrückstellungen verliert. Leistungen bis 2780 Euro übernimmt Spahr selbst - den hohen Selbstbehalt von ursprünglich 2500 Euro hatte der heute 56 Jahre alte Berater als Teil seiner Selbstverantwortung verstanden, als er vor elf Jahren seinen Vertrag abgeschlossen hat. "Ich dachte, dass ich die Leistungen gar nicht in Anspruch nehmen muss", sagt der selbständige Unternehmer. Deshalb habe ihn die monatliche Prämie von 78 Euro (ohne Pflegeversicherung) damals auch nicht skeptisch gemacht.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Mehr Arbeitnehmer dürfen wechseln

          Zum Jahresanfang wird es auch für viele Arbeitnehmer leichter, in die private Krankenversicherung zu wechseln. Die Bundesregierung hat die Regel abgeschafft, dass sie zunächst drei Jahre lang oberhalb der Versicherungspflichtgrenze von künftig 49 500 Euro verdienen müssen. Rund 16 000 Kunden habe diese Regelung zuletzt jährlich von einem Wechsel abgehalten, schätzt der PKV-Verband. Kürzere Wartezeiten, die freie Krankenhauswahl oder der Zugriff auf gefragte Spezialisten locken diese potentiellen Kunden. Und einmal vereinbarte Leistungen können die privaten Versicherer anders als die gesetzlichen Kassen nicht mehr streichen.

          Dadurch aber steigen ihre Kosten deutlich stärker als die der Kassen. Wie sich die Prämien im Alter entwickeln, ist deshalb schwer prognostizierbar. Die Alterungsrückstellungen, die die Privaten bilden müssen, dienen nur dazu, dass die Prämien nicht altersbedingt steigen. Den medizinischen Fortschritt decken sie nicht ab. Je stärker die Kosten innerhalb einer Tarifgemeinschaft steigen, desto höher fällt die Anpassung aus. Liegen sie um 5 Prozent über den kalkulierten Kosten, dürfen die Versicherer ihre Prämien anpassen. Nach Steigerungen über 10 Prozent müssen sie es sogar.

          Kostensteigerungen häufig im Alter

          Das kann in ungünstigen Fällen zu solchen Kostensteigerungen führen, wie sie Andreas Spahr gerade erlebt hat. Sechs Jahre lang habe der Beitrag gar nicht angepasst werden müssen, erklärt sein Versicherer. Deshalb fiel sie nun umso höher aus. Für die Anpassung sei errechnet worden, wie hoch für einen 56-jährigen Versicherten angesichts der beanspruchten Leistungen heute der Neugeschäftsbeitrag wäre (372 Euro). Jeder Geburtsjahrgang wird für sich berechnet - finanzielle Solidarität gibt es nur zwischen Gleichaltrigen. Abgezogen wird von diesem Betrag die Entlastung durch die Alterungsrückstellungen. Sind sie besonders hoch, fällt auch der prozentuale Anstieg höher aus. Deshalb weisen ältere Kunden häufig stärkere Kostensteigerungsraten auf.

          Einsteigertarife zu 78 Euro aber seien generell mit Vorsicht zu genießen, sagt der unabhängige Versicherungsmathematiker Peter Schramm. "Auch bei einem Selbstbehalt von 2500 Euro halte ich das für nicht dauerhaft kalkulierbar." Fast alle Versicherer haben inzwischen Policen aus drei Kategorien im Angebot: günstig mit stark abgespeckten Leistungen, mittlere Preisklasse mit Leistungen leicht oberhalb der gesetzlichen Kassen und teuer ganz ohne Leistungsausschluss.

          "Wenn die Risikoprüfung des Anbieters stringent war, dann kann sie der Kostenexplosion für einen gewissen Zeitraum entgegenwirken", sagt dagegen Martin Zsohar vom Analysehaus Morgen&Morgen. Habe der Versicherer die Gesundheit seiner Kunden rigide genug gecheckt, könnten auch Einsteigertarife auskömmlich kalkuliert werden - und somit den aufgenommenen Kunden hohe Beitragssteigerungen ersparen. "Wer in die Private wechselt, sollte das aber wegen der Leistungen tun und nicht nur weil er nach günstigen Angeboten sucht", rät Clemens Keller, Leiter Krankenversicherung der Vertriebsgesellschaft MLP. Wer allzu hohe Prämien vermeiden will, findet am Markt Anbieter, die drei Monatsbeiträge zurückerstatten, wenn der Kunde ein Jahr lang keine Rechnungen eingereicht hat.

          Kennzahlenvergleiche sind hilfreich

          Vollständige Transparenz über die Risikostruktur des Versicherers erhalten auch die Fachleute nicht. Über Kennzahlen lässt sich aber immerhin näherungsweise erkennen, welches Potential ein Anbieter hat, Beitragssteigerungen im Alter abzuwenden. Die Ratingagentur Assekurata bewertet die Versicherer anhand von fünf Kriterien: ihrer Sicherheit, ihres Geschäftserfolgs, der Beitragsstabilität in den vergangenen Jahren, ihrer Kundenorientierung und des Wachstums am Markt. Drei Versicherer (Alte Oldenburger, Debeka und LVM) erreichten zuletzt die höchste Ratingstufe A++.

          Vor allem der Geschäftserfolg kann sich dämpfend auf künftige Beiträge auswirken, denn je mehr Mittel der Versicherer als Rückstellungen für die Beitragsrückerstattung reservieren kann (im Durchschnitt 9,69 Prozent der Beitragseinnahmen) und je besser er sein Kapital am Markt anlegt (im Durchschnitt liegt die Nettorendite über die vergangenen vier Jahre bei 4,35 Prozent), desto mehr Spielraum hat er. Auch wer geringere Abschluss- und Verwaltungskosten als der Markt ausweist (im Durchschnitt 11,04 Prozent der Prämieneinnahmen), kann günstige Prämien länger halten.

          Beitragsentlastung vereinbaren

          Kaum absehbar ist für den Kunden, ob sein Tarif eines Tages für das Neugeschäft geschlossen wird. "Das kann zu einem zusätzlichen Erhöhungseffekt führen", sagt Versicherungsmathematiker Schramm, "aber nicht, weil die jungen Kunden fehlen, sondern weil die Gesundheitsprüfung mittelalter Kunden immer länger zurückliegt." Kunden im mittleren Alter sind im geschlossenen Tarif durchschnittlich schon länger versichert als im offenen Tarif. Über ihren Gesundheitszustand weiß der Versicherer zunächst schlechter Bescheid, sodass im ungünstigen Fall die Prämien zu niedrig kalkuliert sind und später stärker angepasst werden müssen.

          Um eine Kostensteigerung dagegen kommt kein Kunde vorbei, auch wenn er noch so umsichtig seinen Anbieter wählt: Im Rentenalter fällt der Arbeitgeberzuschuss von höchstens 262,50 Euro für ihn weg. Stattdessen erhält er einen geringeren Zuschuss aus der staatlichen Rentenkasse. "Wer den Arbeitgeberzuschuss im Alter nicht selbst zahlen will, kann schon heute eine steuerlich absetzbare Entlastung vereinbaren", empfiehlt daher MLP-Experte Keller. Denn die Kunden können neben ihren regulären Prämien auch solche Teile der Prämie seit Anfang dieses Jahres von der Steuer absetzen, die ihre künftigen Beiträge entlasten. Zudem gewährt der Arbeitgeber auch auf diese Beitragsentlastungskomponente einen Zuschuss, wenn die Höchstgrenze noch nicht erreicht ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Kontaktverfolgung per Smartphone-App wird in Deutschland bislang noch durch eine zu geringe Teilnahme der Bevölkerung behindert.

          Netzwerkstudie : Wie Kontaktverfolgung effizient funktionieren kann

          Die Kontaktverfolgung hat sich hierzulande bislang nicht als besonders wirksames Werkzeug zur Pandemiekontrolle erwiesen. Netzwerkforscher schlagen nun eine Strategie vor, die deren Erfolg verbessern könnte.
          In einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Neuburg erhalten zwei Senioren die erste Corona-Schutzimpfung.

          Entwurf aus Spahns Ministerium : Auch Hausärzte sollen impfen

          Spätestens von Ende April an sollen auch Hausärzte eine Covid-19-Impfung verabreichen dürfen. Das sieht ein Papier des Gesundheitsministeriums vor, das der F.A.Z. vorliegt. Abweichungen von der Impfreihenfolge sollen aber weiter nicht erlaubt sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.