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Private Krankenversicherung : Die zwei Gesichter der Alterungsrückstellung

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Die Lebenserwartung ist auch in der privaten Krankenversicherung ein Faktor, der in die Kalkulation der Beiträge eingeht. In der privaten Krankenversicherung entsteht ein Nachsparzwang.

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          Die Lebenserwartung ist auch in der privaten Krankenversicherung ein Faktor, der in die Kalkulation der Beiträge eingeht. Erst vor kurzem hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht eine neue Sterbetafel speziell für privat Krankenversicherte veröffentlicht. Denn die Lebenserwartung dieser Gruppe ist, das hat sich jetzt wieder bestätigt, im Durchschnitt höher als jene der Gesamtbevölkerung, so daß es angebracht ist, mit einer speziellen Sterbetafel zu rechnen.

          Der Einfluß dieser neuen Sterbetafel auf die Höhe der Beiträge ist jedoch vergleichsweise begrenzt. Abhängig vom Geschlecht, dem Alter und dem bei einem Versicherer gewählten Tarif schätzen Fachleute, daß die Beiträge allein wegen der Verlängerung der Lebenszeit jetzt zumeist nur um 0,5 bis 2,0 Prozent steigen werden. Viel bedeutsamer für die Höhe der Beiträge ist, daß es vor allem wegen des medizinischen Fortschritts immer wieder zu Kostensteigerungen kommt.

          Theorie und Wirklichkeit klaffen auseinander

          Wenn die Beiträge, aus welchen Gründen auch immer, entsprechend den hierfür geltenden speziellen Regeln erhöht werden müssen, trifft dies systembedingt langjährig Versicherte - in der Regel also ältere Versicherte - überproportional stark. Das liegt daran, daß die privaten deutschen Krankenversicherer "nach Art der Lebensversicherung" kalkulieren und Alterungsrückstellungen bilden. Diese werden aus Sparanteilen gespeist, die im Beitrag enthalten sind. Unter gleichbleibenden Umständen sorgt die Alterungsrückstellung dafür, daß die Beiträge allein wegen des Älterwerdens nicht erhöht werden müssen. Denn was anfänglich, gemessen am Leistungsbedarf, zuviel gefordert wird, fließt später, bei erhöhtem Bedarf, an den Versicherten zurück. In der Theorie zahlt der Privatversicherte so zeitlebens den bei Abschluß der Versicherung vereinbarten Beitrag in unveränderter Höhe.

          Gleichbleibende Umstände, wie sie theoretisch leicht unterstellt werden könnten, gibt es aber in Wirklichkeit nicht. Der medizinische Fortschritt und Veränderungen der Sterbewahrscheinlichkeiten wurden bereits erwähnt; weitere Faktoren sind die Geldentwertung, Veränderungen im Vertragsbestand des Versicherers ("Storno") sowie in den Erträgen aus den Kapitalanlagen.

          Nachsparen der Alterungsrückstellungen

          "Nach eingetretenen Kostensteigerungen erweisen sich in der Nachkalkulation die bisher für die Zukunft gebildeten Alterungsrückstellungen als zu gering, um den Beitrag zum ursprünglichen Eintrittsalter zu erhalten, wodurch eine zusätzliche Prämienerhöhung erforderlich ist", heißt es im "Gutachten der Unabhängigen Expertenkommission zur Untersuchung der Problematik steigender Beiträge der privat Krankenversicherten im Alter", das im Sommer 1996 vorgelegt wurde. Die Versicherten müssen die fehlenden Alterungsrückstellungen nachsparen.

          Die Gutachter haben die erforderlichen Prämiensteigerungen beispielhaft für den Fall ausgerechnet, daß sich ein im Alter von 30 Jahren in die Versicherung Eingetretener in den darauffolgenden 60 Jahren in jedem Jahr mit Kostensteigerungen von 3 Prozent konfrontiert sieht. "Während die Kostensteigerungen in den beschriebenen Jahren ein Anwachsen auf ungefähr das Sechsfache ausmachen, werden dadurch Prämiensteigerungen auf das circa Fünfzehnfache des Ausgangsbetrages erforderlich."

          Auf das Gutachten der Expertenkommission gehen zwei Maßnahmen zurück, die sich mittlerweile eingespielt haben und dazu beitragen, Beitragssteigerungen für ältere Versicherte abzumildern. Im Neugeschäft wird ein Beitragszuschlag von 10 Prozent erhoben, der direkt die Alterungsrückstellung anreichert. Auch Bestandskunden, die noch nicht 60 Jahre alt sind und zugestimmt haben, entrichten diesen schrittweise bis 2005 auf ebenfalls 10 Prozent steigenden Zuschlag. Ferner beträgt der Anteil an den aus den Alterungsrückstellungen erwirtschafteten sogenannten Überzinsen (die Krankenversicherer verwenden einen Rechnungszins von 3,5 Prozent), der den Versicherten zugute kommen muß, heute mindestens 90 (früher 80) Prozent. Dabei muß die Hälfte des Zinsüberschusses nur für die älteren Versicherten verwendet werden.

          Die Mittel aus dem Beitragszuschlag werden in den Altersjahren 65 bis 79 Jahre verwendet, um Beitragserhöhungen abzufangen; bestenfalls bleibt der Beitrag also konstant. Vom Alter 80 Jahre an dürfen nicht verbrauchte Beiträge zur Beitragssenkung herangezogen werden.

          Nicht verbrauchte Alterungsrückstellungen werden bis jetzt einem Versicherten, dessen Vertrag - warum auch immer - endet, nicht vergütet. Sie verbleiben vielmehr dem versicherten Kollektiv. Der Verfall der Alterungsrückstellung behindert - neben anderen Umständen - den Wechsel gerade älterer Versicherter von einer Privatkasse zur anderen, weshalb schon lange nach Wegen gesucht wird, wie gegebenenfalls einem Versicherten eine Alterungsrückstellung mitgegeben werden könnte. Aber bislang hat keines der entwickelten Modelle zu einer praktikablen Lösung geführt, obwohl auch die Rürup-Kommission eine "portable" Alterungsrückstellung fordert.

          Sonderseiten in der Serie "Die demographische Zeitbombe" erschienen bisher am 7. August, am 14. August ("Das gesetzliche Rentensystem ist bedroht"), am 21. August ("Wie das Ausland für das Alter vorsorgt") und am 27. August ("Alternativen und Ergänzungen zum Umlagesystem").

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