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Preisentwicklung : Der Gasmarkt steht kopf

  • -Aktualisiert am

Die Gaspipelines ziehen sich durchs Land Bild: ASSOCIATED PRESS

Am Erdgasmarkt haben die Einkäufer die besseren Karten. Im Überangebot leiden die Produzenten an der Ölpreisbindung, die das Gas unnötig teuer macht.

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          In der globalen Wirtschaftskrise ist die Erdgaswelt auf den Kopf gestellt worden. In der Europäischen Union haben die Industriekunden im ersten Halbjahr 2009 die Abnahme um mehr als 10 Prozent gedrosselt. Deshalb ist der Gesamtverbrauch in der EU über die Heizperiode von Oktober 2008 bis Mai 2009 um 9 Prozent geschrumpft. In den anderen großen Verbrauchszentren sieht es nicht besser aus. Aus einem Verkäufermarkt ist innerhalb von zwölf Monaten ein Käufermarkt geworden.

          Bei dem starken Überangebot wird verflüssigtes Erdgas (LNG) um den halben Globus transportiert, so preisgünstig, wie man sich das im Sommer 2008 nie hätte vorstellen können. In Kuweit ist vor einigen Wochen ein von RWE gebautes Anlandeterminal in Betrieb genommen worden. Die erste Lieferung habe ein RWE-Tanker aus Nordaustralien gebracht, berichtet RWE-Chefhändler Stefan Judisch. Danach hat Shell in Kuweit zwei Schiffe mit LNG von der russischen Insel Sachalin entladen. Und der nur drei Schiffstunden entfernte Produzent Qatar, der größte LNG-Lieferant der Welt, guckt in die Röhre. Seit Monaten verhandeln die beiden Staaten in Nahost ergebnislos über einen ölpreisgebundenen Liefervertrag.

          Russland fürchtet Lockerung bei Preisbildung

          Die russische Gasprom, die mit Qatar über die größten Gasreserven in der Welt verfügt, macht ähnliche Erfahrungen. Seit Monaten verliert sie in Westeuropa Marktanteile an Norwegen. Zu Jahresbeginn hat sich die Gasprom selbst um Absatzmengen gebracht, als sie die Transitleitung durch die Ukraine nicht mehr füllte. Norwegen sprang ein und liefert seither neben den vertraglich vereinbarten Mengen zusätzliches Gas ohne Ölpreisbindung an den Handelsplatz in Großbritannien.

          Das sind zwei zentrale Themen für die Weltgaskonferenz in Buenos Aires in dieser Woche. Wird die von den Produzenten bislang geforderte Preisbindung von Erdgas an Erdöl obsolet? Und welche Rolle wird das nicht an Pipelines gebundene, bislang meist weitaus teurere LNG in den nächsten Jahren für die globale Versorgung haben? Nach Informationen der F.A.Z. hat die Gasprom-Führung bereits vor dem Treffen von großen Gasproduzenten und Einkäufern über die Frage der Marktverluste in Westeuropa beraten und dabei die Ölpreisbindung diskutiert. Über Ergebnisse wurde nichts bekannt. Offensichtlich ist in Moskau die Sorge groß, dass Lockerungen bei dieser Preisbildung nicht mehr umkehrbar sein werden.

          „Wer den höchsten Preis zahlt, kriegt das Gas.“

          Die internationalen Preisstatistiken zeigen, was der Gasprom als Europas wichtigster Gasproduzent Sorge macht. Ihr Erdgas, dessen Preis mit etwa drei Monaten Verzögerung den Erdölnotierungen folgt, erreichte in Deutschland zwischen September und November mit Preisen zwischen 31,47 Euro je Megawattstunde und 31,90 Euro den Höhepunkt. Gleichzeitig war am Handelsplatz in Großbritannien Gas wegen des knappen LNG noch leicht teurer. Doch im dritten Quartal sind auf der Insel die Preise auf 9 Euro eingebrochen, so dass Vertragsgas aus Russland und Norwegen nun mehr als doppelt so teuer ist.

          RWE hatte acht Schiffslieferungen für die Winternachfrage Dezember/Januar nach Großbritannien unter Vertrag. Aber die gehen nun in die Vereinigten Staaten. Dort sind die Preise in jüngerer Zeit überraschend stark angezogen, so dass der Essener Energiekonzern die britischen Kontrakte storniert und nach Boston verkauft hat. „Der Markt sagt uns, wo das Gas hingehen soll. Das sind wir völlig leidenschaftslos“, erklärt Judisch. „Wer den höchsten Preis zahlt, kriegt das Gas.“

          Verbraucher können nicht von allen Preissenkungen profitieren

          In dieser Heizperiode dürften die Verbraucher hierzulande zwar von dem starken Preisrückgang im Gefolge der seit Mitte 2008 mehr als halbierten Erdölpreise profitieren. Aber der Preiseinbruch an den Spotmärkten wird kaum bei ihnen ankommen. Denn in Kontinentaleuropa stammen nur 10 Prozent des verbrauchten Gases aus Mengen mit freier Preisbildung, und in Deutschland ist der Anteil noch deutlich niedriger.

          Eon-Ruhrgas-Chef Bernhard Reutersberg kann sich vorstellen, dass sich die Nachfrageschwäche auch 2010 fortsetzen wird. In einem länger anhaltenden Überangebot sieht er Gefahr für die langfristigen ölpreisgebundenen Verträge, bei denen sich die Preise an der Ölpreisentwicklung ausrichten. Diese Verträge seien ungemein wichtig für eine dauerhaft sichere Versorgung.

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