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Praktiker ist insolvent : Hundert Prozent Murks

  • -Aktualisiert am

Praktiker-Baumarkt in Hamburg Bild: REUTERS

Die Baumarktkette Praktiker ist insolvent. Keiner wird sie vermissen. Seelenlose Firmen gibt es genug.

          Wenn Unternehmen eine Seele hätten, könnte man jetzt dankbar sein. Dankbar, dass es endlich vorbei ist mit dem Leiden der Baumarktkette Praktiker. Ein Unternehmen, das jahrelang von seinem Management getreten, gequält und ohne wirtschaftlichen Sachverstand in den Kampf um Kunden geschickt wurde, ist endlich erlöst. Praktiker hat in einem zwar rauhen, aber bei weitem nicht ruinösen Umfeld alles falsch gemacht. Von der „Geburt“ über die Positionierung bis hin zur Sanierung hat das Unternehmen eine Fehlerkette produziert, wie man sie nur selten bestaunen muss.

          Schon die Idee taugt nicht. Das Discount-Prinzip nach dem Vorbild von Aldi und Lidl funktioniert im Baumarkt nicht, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist die Nachfrage nach vielen Baumarktprodukten schlicht nicht preiselastisch. Das heißt: Nur weil Dachlatten 20 Prozent weniger kosten, renoviert niemand sein Dach. Zweitens wollen Baumarktkunden ein breites Angebot, auch das verträgt sich nicht mit einer Discount-Strategie. Auch die erfolgreichen Konkurrenten Bauhaus oder Hornbach verdienen ihr Geld nicht mit der verzinkten Senkkopf-Justierschraube mit Kreuzschlitz in 60, 70, 80, 90, 100, 110, 120, 130 oder 145 Millimeter Länge, aber sie haben diese vermaledeiten Schrauben in allen Längen im Sortiment, weil sie ohne diese Schraube andere Geschäfte gar nicht machen würden: Vielleicht ist diese eine Schraube eben wichtig für den Bau einer Terrasse oder die Sanierung eines Bades. Bei Bauhaus und Obi fahren die Kleinhandwerker mittlerweile mit ihren Kastenwägen direkt ein und aus. Hornbach hat seine Alles-aus-einer-Hand- Firmenphilosophie sogar zum Marketing-Slogan gekürt. „Mach es zu Deinem Projekt“ - das würde bei Praktiker nicht funktionieren. Zu Praktiker sind die Kunden gefahren, wenn es mal wieder eine Bohrmaschinen für 29 Euro gab. 2900 Euro für ein neues Bad landeten dann viel zu häufig bei der Konkurrenz. „20 Prozent Rabatt auf alles außer Tiernahrung“ war am Ende nur hundert Prozent Murks.

          Metro hat das ungeliebte Kind über die Börse entsorgt

          Praktiker stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Die vom Einzelhandelskonzern Metro zusammengekaufte Kette fand nie zueinander. Dies in einem Markt, der von Familienunternehmen dominiert ist, die all ihre Leidenschaft in das Geschäft stecken. Der einstige Mutterkonzern Metro hat das ungeliebte Kind dann mit viel Marketing-Tamtam, aber ohne das nötige Rüstzeug über die Börse entsorgt. So gehören Praktiker - anders als den meisten Konkurrenten - die Marktimmobilien nicht, Praktiker muss Märkte mieten. Den Anlegern wurde beim Börsengang 2005 erzählt, das sei schnell und flexibel und binde weniger Kapital. Die Anleger haben die Story damals geglaubt. Während die Metro die Immobilien zu Geld gemacht hat, durften Praktiker-Investoren vom riesigen Bedarf in Osteuropa träumen. Dabei sind Einzelhandelsunternehmen immer nur so gut wie die Lage ihrer Immobilien. In der Krise schließlich konnte das Praktiker-Management die einst teuer abgeschlossenen Mietverträge gar nicht so schnell nachverhandeln, wie die Umsätze sanken. Von einem rettenden Verkauf der Vermögenswerte ganz zu schweigen.

          Praktiker hat den Metro-Ungeist bis heute nicht abgelegt, und der Dax-Konzern - auch das sei erwähnt - hat bis heute nichts gelernt. Wer durch die Real-Märkte der Metro geht, kann das beobachten: Die Weinabteilung wird mit viel Geld aufgepeppt und modernisiert, um kaufkräftige Klientel zu locken. Zugleich gibt es in dem Großmarkt aber für die umworbenen anspruchsvollen Kunden kein Biofleisch, und in den Gängen stolpern sie auch noch über Ein-Euro-Tand. Die ehemalige Konzernmutter und Praktiker - keiner hat bis heute den Kunden verstanden. Ein weiterer Beleg: Metro hat die Tochtergesellschaft Media Markt nach China gehetzt, das folgt der gleichen Börsenlogik wie bei Praktiker. Billige Hoffnung schüren, ohne Substanz. Industrielles Wissen ist in China gefragt, handeln können die Chinesen selbst am besten. Anfang März hat Metro das Experiment dann gestoppt.

          Die Liste der Verantwortlichen der Praktiker-Misere ist lang: Sie reicht vom überforderten langjährigen Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Werner über seinen Aufsichtsratsvorsitzenden Kersten von Schenck, der dem Niedergang in bemerkenswerter Ruhe über Jahre zugeschaut hat, bis hin zum Berliner Sanierer Thomas Fox: Der kam, nachdem er angeblich Karstadt saniert hatte. Und er ging, nachdem er angeblich Praktiker saniert hatte, um jetzt Karstadt noch einmal zu sanieren - irre. Der in höchster Not von Aldi geholte Vorstand Armin Burger kann einem leidtun, er kann für die Miesere am wenigsten.

          Das Ende von Praktiker ist ebenso ruhmlos wie seine Existenz. Es sieht ganz danach aus, als ob manche Großaktionäre über den Umweg als Kreditgeber doch noch Zugriff auf die einzigen Sicherheiten des Unternehmens bekommen - die profitable Tochtergesellschaft Max Bahr. Die Dummen sind die vielen tausend Mitarbeiter. Das Unternehmen aber wird keiner vermissen. Seelenlose Einrichtungen gibt es wirklich genug.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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