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Kritik von Amrita Narlikar : Deutschlands Umgang mit Corona „erinnert an spätrömische Dekadenz“

Amrita Narlikar in ihrem Büro Bild: dpa

Die Präsidentin des Hamburger GIGA-Instituts mahnt mehr Verantwortung in der Krise an. Jede Gesellschaft, die sich sozial fühle, müsse die Schwachen schützen. Alles andere sei selbstsüchtig und unverantwortlich.

          3 Min.

          Die Präsidentin des Hamburger Instituts für Globale und Regionale Studien (GIGA), Amrita Narlikar, hat den Umgang mit dem Corona-Virus in Deutschland kritisiert. „Wie eine Gesellschaft auf Krisen reagiert, das sagt sehr viel über sie aus“, sagte sie im Gespräch mit der F.A.Z. am Mittwoch in Hamburg. Viele in Deutschland schienen zu glauben, die Forderung ruhig zu bleiben und Einschränkungen des eigenen Lebens auf ein Minimum zu vermeiden, gehörten zu einer offenen Gesellschaft. „Mich erinnert diese blasierte Haltung eher an spätrömische Dekadenz“, sagte die Wissenschaftlerin, die vor ihrer Berufung nach Hamburg in Oxford und Cambridge lehrte. Auch sie als Libertäre sei eine Verfechterin einer offenen Gesellschaft und lehne den „vormundschaftlichen Staat“ ab, sagte sie. Gerade deswegen seien Selbstverantwortung und Verantwortung der Einzelnen wichtig.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Genau die vermisst Narlikar im Umgang mit Corona in Deutschland. „Ich bin überrascht über die Indifferenz, mit der die Menschen hier mit den möglichen Folgen ihres Verhaltens umgehen“, sagte sie. Gerade in Deutschland, wo Politik und Gesellschaft so stolz auf soziale Rücksichtnahme und auf den Sozialstaat seien, sei es unverständlich, dass die Absage von Großveranstaltungen wie Fußballspielen auf so starke Kritik trifft und das mancher Corona noch mit einer milden Grippe gleichsetze. „Wir wissen, dass das Virus vor allem für Alte und für Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich ist“, sagte sie.

          „Selbstsüchtig und unverantwortlich“

          Jüngere und gesunde Menschen könnten das Virus zwar weitertragen, hätten selbst aber nur milde oder gar keine Symptome. „Es ist selbstsüchtig und unverantwortlich“, wenn diese Menschen es oft noch ablehnten, sich selbst stärkere soziale Zurückhaltung zu verordnen, und nicht auf Reisen verzichten oder nicht die Möglichkeiten der Digitalisierung für Heimarbeit und Videokonferenzen nutzten. „Sie tragen so zur Verbreitung der Krankheit bei - und es sind die Alten und Vorerkrankten, die Schwächsten, die das am härtesten trifft.“ Oft werde gegen Heimarbeit und eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eingewandt, dass es zu wenig Möglichkeiten der Kinderbetreuung gebe. „Ich frage mich, ob die deutsche Gesellschaft anders auf das Virus reagiert hätte, wenn nicht die Älteren, sondern junge Menschen oder gar Kinder die Hauptbetroffenen wären“, sagte sie.

          „Würde es dann schon Reisebeschränkung, die Schließung von Schulen oder strengere Begrenzungen von Menschenansammlungen geben?“ Narlikar, die zu Narrativen in der globalen Politik forscht und die mit ihrem Institut auch die Bundesregierung berät, sieht in der weitgehenden Verdrängung der Alten und Kranken aus der öffentlichen Debatte in Deutschland eine „Perversion des Narrativs der Verantwortung der Gesellschaft“. Jede Gesellschaft, die sich sozial fühle, müsse die Schwachen schützen, die Jungen, aber eben auch, wie jetzt in der Corona-Krise, ganz bewusst die Alten und die Kranken. Und das gebiete, dass die Gesellschaft mehr Empathie dafür zeige.

          Stärker von China abkoppeln

          Narlikar kritisierte, dass die deutschen Politiker trotz des Corona-Virus ihre „Liebesaffäre mit China“ ungerührt fortsetzten. „Es gibt viel zu wenig Diskussion darüber, wie weit das autoritäre Regime in der Volksrepublik medizinisches Personal, das früh vor den Gefahren warnte, bedroht und Informationen über das Virus unterdrückt hat“, sagte sie. Auch die Praxis, lebende Wildtiere, auch bedrohte Arten, auf chinesischen Märkten zu verkaufen, sei für die Politiker in Deutschland kein Thema. Die Spezialistin für Globalisierung und globale Wirtschaft forderte die deutsche Politik auf, sich stärker von China abzukoppeln. „Nicht nur aus geo-ökonomischen Gründen, sondern auch wegen der Werte, der Normen.“ China sei eben nicht nur Partner und Wettbewerber, sondern auch ein systemischer Gegner, was nicht nur bei Entscheidungen wie über den Aufbau eines 5G-Netzes eine stärkere Rolle in der Politik spielen sollte.

          Wie also sollte ihrer Ansicht nach eine angemessenere Antwort auf das Corona-Virus aussehen? Treffen, bei denen sich mehrere Menschen versammeln, sollten stärker eingeschränkt werden, die Möglichkeiten zur Heimarbeit stärker genutzt und auch Reisebeschränkungen eingeführt werden. Aber der wichtigste Punkt sei, dass es „einen Wandel im Narrativ über Corona gibt“. Es müsse anerkannt werden, „dass gesunde Menschen, für die das Virus nur ein geringes gesundheitliches Risiko ist, alles tun sollten, was möglich ist, die Krankheit nicht zu übertragen“, sagte sie.

          „Auch wenn das einige der Annehmlichkeiten einschränkt, an die sie sich gewöhnt haben.“ Die Aufforderung der Bundeskanzlerin, die auf ihrer ersten Pressekonferenz zum Coronavirus am Mittwoch in Berlin ebenfalls Solidarität mit den Alten und den Vorerkrankten eingefordert hatte, sei ein wichtiger, erster Schritt zu einem Bewusstseinswandel in Deutschland. „Aber jetzt muss das auch umgesetzt werden und im Bewusstsein der Menschen ankommen“, sagte Narlikar. Der Appell alleine reiche nicht, jedem müsse klar werden, „dass es jetzt um unsere Solidarität, unsere Vernunft und unser Herz für die geht, für die das Virus ein lebensgefährliches Risiko ist.“ Auch wenn die große Mehrheit vom Virus derzeit nicht direkt betroffen sei, sei nicht sicher, dass das immer so sein wird. „Indem wir uns jetzt um andere kümmern, tun wir auch etwas für uns selbst.“

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