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Obama-Hysterie in Hannover : „Barack, ich will ein Bild mit Dir!“

  • -Aktualisiert am

Aufwendiger Gast: Der amerikanische Präsident Barack Obama Bild: Reuters

Der amerikanische Präsident beehrt die Hannover Messe. Der deutsche Maschinenbau ist schon ganz kirre.Was sind die Voraussetzungen für einen Besuch des Stargastes am eigenen Stand?

          Sage niemand, der deutsche Maschinenbauer, diese knochentrockene Natur, sei nicht zu Leidenschaft und Begeisterung fähig: Wenn ein amerikanischer Präsident angeflogen kommt, so wie heute in Hannover, dann rast das Herz der Industriellen. Jeder will dabei sein, wenn Barack Obama spricht, schöner noch ist nur ein Handschlag mit dem Politstar auf Abschiedstour. Gestandene Fabrikanten entwickeln Groupie-Attitüden: Barack, ich will ein Bild mit dir! Die Hannover Messe läuft heiß.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun ist es Tradition, dass der jeweilige Präsident des Partnerlandes die Messe eröffnet und sich angemessen begeistert zeigt angesichts der Leistungsschau der deutschen Industrie. Auch Russlands Präsident Putin war dafür schon in Hannover, ebenso Chinas Staatsführer. Jedes Mal ist der Trubel groß. Obama jedoch ist eine Nummer für sich. Amerikas Präsident provoziert eine wahre Hysterie in Hannover. Dabei ist er ganze 24 Stunden in der Stadt, und dazwischen müssen auf einem spontan anberaumten G5-Gipfel mit Angela Merkel, François Hollande, David Cameron und Matteo Renzi, abgehalten im Schloss Herrenhausen, auch noch die drängenden Probleme der Weltpolitik abgehandelt werden. Das Nachsehen hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), dem kurzfristig der Stargast für seinen Industriegipfel auf der Messe abhanden gekommen ist; all die schönen Pläne, all die aufwendigen Sicherheitschecks vergebens.

          Abendessen mit Merkel und Obama

          Heute Nachmittag landet Obama in Hannover, der Flughafen hat deswegen eine Start- und Landebahn für eine Woche komplett gesperrt: Die Air Force One braucht Platz, erst recht der Begleittross - an die 500 Leute sind im Gefolge des Präsidenten unterwegs. Die Stadt befindet sich für 24 Stunden im Ausnahmezustand. 2000 Gullydeckel wurden verschweißt, ganze Viertel wurden zu Sperrgebieten erklärt, aus Sicherheitsgründen hat man dort alle öffentlichen Papierkörbe und Streusandkisten abmontiert. Kinder dürfen am heutigen Sonntag in bestimmten Straßen nicht im Garten spielen, das macht nicht alle Eltern froh - der ganz normale Obama-Wahnsinn halt.

          Am Abend folgt die Eröffnung der Messe: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Barack Obama sprechen unter der Kuppel des Kongresszentrums in Hannover. 3000 Gäste haben Tickets ergattert, die Organisatoren der Premierenshow hätten ein Vielfaches an Eintrittskarten losschlagen können. Vorstände drehten bis zum letzten Moment am Rad, damit sie doch noch ein Plätzchen bekommen. Jeder Stuhl näher am amerikanischen Präsidenten zählt. Es soll in deutschen Konzernen ganze Stäbe geben, die sich seit Wochen mit nichts anderem beschäftigt haben. „Klappt es mit Obama, ist der Rest der Messe fast egal“, spottet ein Marketing-Mann.

          Wer Sonntagabend beim Abendessen mit Merkel und Obama dabei sein darf, hat als Unternehmer eh das große Los gezogen. Da dürfen die Vorstandsvorsitzenden, fein orchestriert, in knappen Sätzen ihre Anliegen vortragen - etwa den Wunsch nach einem Schulterschluss für die nächste industrielle Revolution, wie ihn Ex-SAP-Chef Henning Kagermann, heute Präsident der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (Acatech), formuliert: „Deutschland und Amerika sollten kooperieren und gemeinsam Standards für die Industrie 4.0 entwickeln, etwa zu Sicherheit und Datenschutz.“ Obamas Besuch komme da gerade zur rechten Zeit.

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