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Botenstreik : Deutschlands neue Post

Postboten im Streik: Am Sonntag wurden dann doch Pakete zugestellt Bild: dpa

Die Post ist der Platzhirsch unter den Paket- und Briefzustellern. Doch mit den hohen Löhnen für ihre Postboten wird sie ihre Marktführerschaft bald verlieren.

          3 Min.

          Morgen ist Sonntag, aber man sollte sich trotzdem nicht wundern, wenn der Paketbote an der Haustür klingelt oder mal wieder ein DHL-Lieferwagen in der zweiten Reihe parkt. Im größten Tarifkonflikt, den die Deutsche Post je erlebt hat, ist auf die Sonntagsruhe nicht mehr unbedingt Verlass.

          Mehr als 11.000 Zusteller hatte der Konzern vor einer Woche am Tag des Herrn ausschwärmen lassen, um liegengebliebene Pakete und Briefe zu verteilen. Nach den wütenden Protesten gegen diese Sonderschicht will sich die Post nun zwar zurückhalten. Aber wer weiß: Vielleicht müssen ja doch wieder „leicht verderbliche“ Güter ausgeliefert werden, die die Störung rechtfertigen.

          Die bizarre Begründung für den Sondereinsatz vor einer Woche wirft ein Schlaglicht auf den robusten Stil, mit dem der Konzern versucht, den Streik zu überstehen. Wenigstens der größte Teil der Sendungen muss pünktlich ankommen, um die Kunden bei Laune und die Konkurrenz auf Abstand zu halten. Das Arbeitsgericht Bonn hat gut zu tun.

          Besser als bei der Konkurrenz

          Die Gewerkschaft Verdi verdächtigt den Konzern, Beamte gegen ihren Willen als Streikbrecher in die Verteilzentren oder in die Zustellung zu schicken. Der massenhafte Einsatz von Leiharbeitern wirft ebenfalls Fragen auf. Auch zieht die Gegenseite alle Register. Arbeitswillige Kollegen wurden öffentlich diffamiert, der Vorstand um Konzernchef Frank Appel muss sich anhören, nur die raffgierigen Aktionäre zu bedienen und die Belegschaft trotz der Milliardengewinne des Konzerns in die Mangel zu nehmen.

          Die Stimmung ist vergiftet. Es geht nicht um die üblichen Lohnprozente, sondern der Konflikt entwickelt sich zu einer Machtprobe zwischen Konzern und Gewerkschaft über die Zukunft des früheren Staatsunternehmens und seiner 180.000 Beschäftigten in Deutschland. Sozialpartnerschaft und Dialog wurden bei der Post auch nach der Privatisierung lange ganz groß geschrieben.

          Geld war, dem Briefmonopol sei Dank, genug da, um Konflikte zu übertünchen. Trotzdem sind Briefträger und Paketboten auch bei der Post nicht auf Rosen gebettet. Im Vergleich zur privaten Konkurrenz, die oft widerwillig gerade mal Mindestlohn zahlt, stehen sie aber noch verhältnismäßig gut da. Bei den Tarifabschlüssen wurde in den vergangenen Jahren nicht geknausert.

          Marktführer unter den Zustellern

          Der Konzern verdient immer noch prächtig, sowohl an den Briefen, wo er den Markt weiterhin zu 90 Prozent beherrscht,als auch zunehmend im Paketgeschäft. Die Briefe haben ihre Zukunft im Zeitalter der digitalen Kommunikation hinter sich, für Wachstum sorgt allein der Boom im E-Commerce. Hier muss sich die Post mit ihrer Pakettochter DHL gegen starke Konkurrenten wie UPS, Hermes oder DPD täglich behaupten.

          Qualität ist wichtig, die Kunden erwarten zuverlässige und pünktliche Belieferung. Nur ihre Zahlungsbereitschaft dafür ist, wie überall im Online-Geschäft, denkbar gering. Amazon, Zalando und Co machen die Preise. Wer nicht mithalten kann, ist draußen. So werden Pakete heute für den Gegenwert einer Tasse Kaffee quer durch Deutschland gekarrt. Das wachsende Heer überwiegend mäßig bezahlter Boten, oft in prekären Arbeitsverhältnissen, ist die Schattenseite des knallharten Geschäfts.

          Die Post schlägt sich bisher wacker. Auch dank ihrer staatlichen Privilegien wie der Umsatzsteuerbefreiung ist sie mit einem Marktanteil von mehr als 40 Prozent sogar Branchenführer. Nur schlagen sich steigende Mengen kaum im Ertrag nieder, die vergleichsweise hohen Löhne – durchschnittlich 17 Euro verdient ein erfahrener DHL-Zusteller – fressen die Umsatzzuwächse zum großen Teil wieder auf.

          Der Atem der Konkurrenz

          Bei einem „ weiter so“ sind die ehrgeizigen Gewinnziele, die Appel ausgegeben hat und die dazu beitragen, den Kurs der Postaktie auf Rekordhöhe zu treiben, nicht zu schaffen. So kann man den Konflikt um die neuen Regionalgesellschaften mit ihren niedrigeren Löhnen auch als Verteilungskampf zwischen Aktionären und Mitarbeitern deuten. Am meisten davon profitieren würde ausgerechnet der Bund, mit 21 Prozent immer noch der Hauptanteilseigner des ehemaligen Staatskonzerns, der Appels Strategie bisher kritiklos mitträgt.

          Aber solche Schwarzweiß-Malerei geht am Kern der Sache vorbei. Der Wettbewerbsdruck lässt sich nicht einfach ausblenden. Mit dem jetzigen Lohnniveau kann die Post ihre Position auf dem Paketmarkt vielleicht noch eine Weile halten. Aber um zu wachsen und neue Arbeitsplätze zu schaffen, muss der Konzern neue Wege einschlagen.

          Abstriche vom Haustarif

          So gesehen geht es im Poststreik auch darum, wie sich die Welt der Arbeit im Internetzeitalter verändert, wie Unternehmen damit umgehen, dass das Netz per Mausklick das günstigste Angebot offenbart und die Margen schwinden. Mit ihrer Finanzkraft im Rücken schafft die Post einen gleitenden Übergang, bei dem sie ihrer Stammbelegschaft nicht in die Tasche greifen muss.

          Die Abstriche vom Haustarif schmerzen, aber auch in den Regionalgesellschaften mit ihren inzwischen mehr als 6000 Mitarbeitern zahlt die Post immer noch deutlich mehr als die Konkurrenten. Der große Zulauf von Bewerbern ist das beste Argument dafür, dass die Post-Lösung nicht die schlechteste sein kann.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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