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Post : Das Ende der Hybris

Zum ersten Mal seit der Privatisierung wird die Post das Geschäftsjahr wohl mit tiefroten Zahlen beschließen. In Amerika zieht die Post die Reißleine. Es sind eklatante Managementfehler, welche die Post und ihre Mitarbeiter heute ausbaden müssen.

          Die Erfolgsgeschichte der Deutschen Post scheint vorläufig in einem Desaster zu münden. Viele Jahre gepriesen als Musterbeispiel für den erfolgreichen Wandel einer trägen Staatsbehörde zu einem dynamischen Weltkonzern, steht der gelbe Riese mit dem Rücken zur Wand. In nie gekannter Geschwindigkeit und Größenordnung werden Mitarbeiter entlassen, Zehntausende Stellen abgebaut und einschneidende Sparpläne ausgerufen.

          Zum ersten Mal seit der Privatisierung wird die Post das Geschäftsjahr wohl mit tiefroten Zahlen beschließen. In Amerika stehen gigantische Abschreibungen für die Schließung des inländischen Expressgeschäftes ins Haus; die Kapitalerhöhung der Postbank schlägt zu Buche; Verluste aus dem laufenden Geschäft und Wertberichtigungen summieren sich zu Aberhunderten Millionen Euro. Noch ist das ganze Ausmaß des Fiaskos nicht bekannt. Aber nach Überschlagsrechnungen dürften sich die Verluste auf runde zwei Milliarden Euro summieren. So schlimm hat es selbst die chronisch defizitäre alte Bundespost in ihren schlechtesten Zeiten kaum getroffen.

          Die Post hat sich übernommen

          Das Desaster ist keineswegs allein der Finanzkrise und der Konjunkturabkühlung zuzuschreiben. Es sind eklatante Managementfehler, welche die Post und ihre Mitarbeiter heute ausbaden müssen. Viel zu lange hat die Konzernführung die Dinge treiben lassen, während der Aufsichtsrat, in dem der Bund maßgeblich das Sagen hat, tatenlos zuschaute. Mehr noch: Der Bund hat an der gigantischen Geldvernichtung mitgewirkt, indem er die deutschen Postkunden zur Kasse bat und noch bittet. Denn entstehen konnten die grandios gescheiterten Pläne zur Eroberung des amerikanischen Marktes nur im Vertrauen auf den nie versiegenden Geldfluss aus dem deutschen Briefmonopol, das inzwischen nicht mehr so heißt, aber dank Mindestlohn und Steuerprivileg der Post immer noch funktioniert.

          Kaufmännische Vorsicht stand unter solchen Voraussetzungen hinten an. Aber selbst diese Milliarden haben nicht ausgereicht für den großen Traum vom Bonner Post-Tower als Zentrale eines weltumspannenden Express- und Logistiknetzes. Die Post hat sich übernommen. Die übereilte weltweite Expansion entpuppt sich als Hybris des früheren Vorstandsvorsitzenden Klaus Zumwinkel.

          In Amerika war keine Wende zum Besseren in Sicht

          Nach der erfolgreichen Sanierung der alten Bundespost war er zu einer beispiellosen Einkaufstour aufgebrochen. Unternehmensübernahmen zunächst in Europa, später in Amerika und Asien, legten den Grundstein für ein Imperium, das neue Geschäftsfelder erschließen und die Post für die sich abzeichnende Liberalisierung des Briefmarktes rüsten sollte. Die Strategie war richtig, aber Zumwinkel verlor irgendwann das Maß. Die Integration der neuen Tochtergesellschaften war noch nicht abgeschlossen, als er gegen alle Warnungen 2003 auch noch die beiden großen Rivalen auf dem Markt für Pakete und Expresssendungen - UPS und Fedex - aufs Korn nahm, um sie auf ihrem amerikanischen Heimatmarkt anzugreifen.

          Das Abenteuer dürfte schon mehr als sieben Milliarden Euro gekostet haben. Anders als beim Schwesterkonzern Deutsche Telekom, der beim Sprung über den Atlantik zunächst ebenfalls viele Milliarden verbrannte, bevor sich der Einstieg in den amerikanischen Mobilfunkmarkt auszahlte, ist bei der Post keine Wende zum Besseren in Sicht. Jetzt endlich hat sich Zumwinkels Nachfolger Frank Appel für ein Ende mit Schrecken entschieden. Wie in solchen Fällen üblich, versucht er, seinem wegen einer privaten Steueraffäre zurückgetretenen Vorgänger so viel der Verluste in die Schuhe zu schieben wie möglich. Umso größer ist die Chance für einen Neuanfang im kommenden Geschäftsjahr, dem ersten, das Appel als Vorstandschef ganz zu verantworten hat. Deshalb wird nun ein großer Teil des Abschreibungsbedarfs im laufenden Jahr gebucht. Die Börse dankt ihm den Kahlschlag mit einem kräftigen Kursplus der Postaktie, die seit dem Börsengang im Jahr 2000 mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren hat.

          Wenn Briefe liegen bleiben, gerät Volkes Seele in Wallung

          Für Appel ist die Börsenreaktion ein Vertrauensvorschuss. An der Grundrichtung der von Zumwinkel eingeschlagenen Strategie wird und kann er wenig ändern. Mit dem Verkauf der Postbank an die Deutsche Bank hat er sich für die Konzentration auf das logistische Kerngeschäft entschieden. Eine Alternative dazu gibt es nicht. Noch läuft das Geschäft mit Containern, Güterumschlag und Lagerhäusern einigermaßen, und sobald die Weltwirtschaft wieder anzieht, wird die Logistik überproportional davon profitieren, auch wenn der Post eine womöglich lange Durststrecke bevorsteht.

          Also wird sich Appel vorerst wieder stärker auf das besinnen müssen, wofür die Post in den Augen ihrer deutschen Kunden vor allem steht: Briefe und Pakete zustellen, von der Hallig bis zur Hallertau, möglichst pünktlich und zuverlässig. Denn viele unzufriedene Postkunden dürften den Privatisierungsgegnern bereitwillig beipflichten. Wenn Briefe und Päckchen liegen bleiben, gerät Volkes Seele auch in Zeiten von Internet und E-Mail schnell in Wallung. In vielen Köpfen ist der Wandel von der Bundespost zur Aktiengesellschaft nicht angekommen. Für sie ist die Post immer noch Teil der staatlichen Daseinsvorsorge und eine hoheitliche Aufgabe - was auch immer das kosten mag.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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