https://www.faz.net/-gqe-qy0i

Porträt : Der Spartaner

Der Muskel-Missionar: Werner Kieser in seinem Züricher Büro Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

In Werner Kiesers 114 Fitnessstudios herrscht Disziplin statt Spaß. Das Ziel des Fitness-Gurus heißt: Die Menschheit kräftigen. Auf der Erde - und vielleicht bald im Weltraum. Dabei ist er jedoch nicht unumstritten.

          5 Min.

          Was würde er tun, wollte ein Magazin-Fragebogen vor zwei Jahren von Werner Kieser wissen, wenn er Kanzler würde? „Alle Gesetze abschaffen. Die Anarchie ausrufen“, antwortete der Schweizer unverblümt. Allzu frech für einen 65jährigen, der ein Unternehmen mit einem Umsatz von 100 Millionen Euro führt? Der, gemessen an der Zahl der Studios, Fitness-Marktführer in Deutschland ist? Und auf dessen Kraftraum-Konzept (“Ein starker Rücken kennt keine Schmerzen“) mehr als 200.000 Deutsche schwören? Einfach ein bißchen Koketterie? Oder die Überheblichkeit eines Gurus?

          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Werner Kieser sitzt entspannt in seinem Büro in der Züricher Kanzleistraße. Nicht die allererste Adresse in der Geldmetropole. Trotzdem hat sich im Erdgeschoß ein Feinschmeckerrestaurant niedergelassen, in dem Kieser gerne seine Mittagsmahlzeiten einnimmt. Die Portionen sind so bemessen, daß man damit schlank wird auch ohne Training. Im ersten, zweiten und dritten Geschoß befinden sich Kiesers Büros, im Dachboden eine umfangreiche Kraftgeräte-Sammlung. Kraftgeräte, nicht Fitnessgeräte, darauf legt seine Pressesprecherin Wert.

          Das deutsche Wesen ergründen

          Statt Grüezi heißt es bei Kieser „Guten Tag“. Kein Schweizer Einschlag spült die Sätze weich, die er gerne „druckreif“ spricht. Kieser hat längere Zeit in Hamburg gelebt, einfach um zu sehen, wie die Deutschen so ticken, bevor er sie mit seinen Studios beglückt. Er formuliert: um „das deutsche Wesen zu ergründen“.

          Die Zielgruppenforschung ergab, daß die Deutschen tatsächlich anders sind als seine Eidgenossen. Nicht ganz so selbstgenügsam, vorsichtig und gemächlich. Zugleich unterscheiden sich die Norddeutschen wieder von den Süddeutschen und die Bayern von den Sachsen... Schwierig. „Ich sagte mir dann: Egal, Mensch ist Mensch, Anatomie ist Anatomie. Ein Paket von Muskeln, Sehnen und Knochen.“

          Farbloses Herrchen

          Seit 15 Jahren gibt es jetzt Kieser-Studios in Deutschland, vor kurzem hat das 114. eröffnet. Rund die Hälfte von ihnen läuft sehr gut, 30 bis 40 Prozent einigermaßen. Für den Rest lautet die Fitnessdiagnose: schwache Leistung. Unterm Strich aber keine schlechte Quote für einen Franchise-Betrieb, findet Kieser, der sein Geschäft ähnlich wie McDonald's betreibt. Selbständige Unternehmer führen also die Studios, kaufen von ihm die Trainingsmaschinen und die Genehmigung, die Marke benutzen zu dürfen.

          Der Mann liebt Intellektuellen- und Künstlerschwarz. Hemd, Knitter-Anzug, Schreibtisch, Bürowand - alles Ton in Ton. Auch die verschmuste Rottweiler-Dame Tessa vor Kiesers Füßen im Büro hat sich ein schwarz-braunes Fell zugelegt - und unterstreicht damit die Farblosigkeit des Herrchens.

          Trainieren in Fabrikhallen-Ambiente

          Das fehlende Bunte entspricht eins zu eins dem Geschäftskonzept; das ist gleichsam Kiesers Welt. In seinen 140 Studios europaweit herrscht Fabrikhallen-Ambiente. Eine schwarze Maschine reiht sich an die nächste, vom Gerät A2 geht es zu F3. Palmen, Sauna, Saftbar? Fehlanzeige.

          Und das, wo sich Fitnessstudios heute zu Erlebnistempeln entwickelt haben. Konkurrenten wie die „Fitness Company“ statten ihre Einrichtungen mit immer mehr Annehmlichkeiten aus und werben genau damit: Hier lasse man den Alltag hinter sich, fühle sich wohl und es trainiere sich einfach besser, heißt es in der Reklame des Unternehmens. „Und unsere luxuriösen Umkleideräume werden Sie begeistern.“ Für Kiesers Kunden sind schmale Edelstahlduschkabinen schon das höchste der Gefühle.

          Einfach gesund werden

          Wie paßt ein Mann, der Sparta predigt, in eine Welt, in der Sinnlichkeit Trumpf ist? Offensichtlich ganz gut - weil seine Zielgruppe wenig auf Glanz, Glamour und Geplauder aus ist. Der durchschnittliche deutsche Fitnessstudio-Besucher ist 36 Jahre alt. Kiesers Klientel ist 46. Seine Senioren, Studenten, Hausfrauen und Büroangestellten wollen kein großes Tamtam im Studio. Sie suchen auch keine Flirtgelegenheiten. Ein Großteil will einfach gesund werden.

          Denn die Hälfte der Kunden, sagt Kieser, plagen Rückenschmerzen. Und bei 80 Prozent seien diese Schmerzen binnen weniger Trainingsmonate verschwunden. Solche Zahlen bringen die Kieser-Kritiker auf die Palme. Vor allem Orthopäden gelten als seine Todfeinde, und Pharmafirmen zählen nicht zu seinem Freundeskreis. Auch von der Sportwissenschaft ist Kieser nicht immer wohlgelitten.

          „Kein so glückliches Händchen“

          Ist der Mann unseriös? Das mag Dietmar Schmidtbleicher, Sportwissenschaftler an der Universität Frankfurt, nun gar nicht behaupten. Natürlich schlage Kieser aus der Fitness-Szene Neid entgegen. Weil er die meisten Studios besitze und die höchsten Zuwachsraten aufweise, sagt der Professor. „Kein so glückliches Händchen“ attestiert ihm Schmidtbleicher bei den Versuchen, seine Methode wissenschaftlich abzusichern. Aber der Mann sei ohne Zweifel Wegbereiter der Fitnessbewegung im Bereich der Rückenkräftigung, sagt der Professor. Dazu ein sehr cleverer Geschäftsmann. Mit großem unternehmerischen Ehrgeiz und Wagemut. Schmidtbleicher steht nicht auf Kiesers Lohnliste.

          Würde man dem Schweizer dieses Lob vortragen, er würde vermutlich nur einmal ansatzweise verlegen lächeln. Oder gar nicht. Der Mann mit dem grau-weißen Vollbart und der typischen kreisrunden Hornbrille ist so klug, seinen Ehrgeiz galant zu verbergen.

          Hantiert mit Popper und Smith

          Gewinnstreben? „Natürlich muß eine Rendite da sein, sonst kann ich den Nutzen nicht weiter bieten.“ Da sind wir beim Lieblingsthema: Lieber als vom schnöden Mammon redet Werner Kieser von den guten Dingen, die er der Menschheit angedeihen läßt. „Die Zahlungen der Kunden sind das Äquivalent zum Nutzen, den ich biete“, sagt er und hantiert gleich mit dem Wirtschaftsphilosophen Karl Popper und mit Adam Smith, dem Vater der modernen Volkswirtschaftslehre.

          Wahrscheinlich bringt es Kiesers Herkunft mit sich, daß der Fitnessmann so unverdrossen der bodenständigen Definition des Unternehmers anhängt. Aufgewachsen ist er im bäuerlich geprägten Kanton Aargau, dort ging er auf die Realschule und kam mit dieser Schulbildung weiter als die große Mehrheit der Nachbarsjungen. Sport spielte auf dem Land damals - als Vorbereitung für den Militärdienst - eine große Rolle.

          Fitness-Guru

          Irgendwann entdeckte der Schreinerssohn das Boxen. Und wäre vielleicht Profiboxer geworden, hätte ihn nicht eine Rippenfellquetschung ausgeknockt. Ein Boxkollege empfahl Hanteltraining, um die Rehabilitationszeit zu verkürzen. Ein Effekt, der sich tatsächlich einstellte, zum Erstaunen von Arzt und Trainer. Kieser hatte das Gefühl, etwas Wichtiges gesehen zu haben, das der Rest der Menschheit noch nicht wahrgenommen hatte. Und seine Mission begann: „Ich fing an, den Leuten klarzumachen, welche Vorteile ein starker Körper bringt. Und das tue ich auch heute noch.“

          Missionare geraten leicht in den Ruch des Sektiererischen. Werner Kieser hängt diese Duftmarke seit Jahren an, und auch Sportexperte Schmidtbleicher nimmt das Wort Guru in den Mund. Dagegen anzugehen ist Kiesers Sache nicht. Im Gegenteil, er liebt zu polarisieren und gängige Weisheiten als Mythen abzutun: Schwitzen ist gesund? Ach wo, finsteres Mittelalter. Aufwärmen vor dem Training? Bitte nicht, mit der Körpertemperatur sind die Leistungsverhältnisse im Muskel bereits optimal. Und der Wellness-Trend? Wer müde ist, gehört ins Bett. Ausruhen im Alter? Wir schonen die Alten zu Tode. Sagt der 65jährige, der zwar ein Hörgerät tragen muß, aber nach eigener Einschätzung die Kraft eines Jungen hat.

          Training für den Weltraum

          Dem Geschäft tun die Provokationen keinen Abbruch, im Gegenteil. Als nächstes hat Kieser Osteuropa auf seiner Agenda - die Verträge sind bereits unterschrieben. Dann kommt Australien - die Gespräche laufen. Und 2006 könnte sich die Arabische Halbinsel zum internationalen Fitnessreich gesellen.

          Außerdem hofft Kieser auf ein gemeinsames Projekt mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Oberpfaffenhofen. Ja, auch die Astronauten sollen trainieren, am besten mit einem von ihm entwickelten Übungsgerät auf Ölbasis. Denn in der Schwerelosigkeit droht ihnen auf langen Flügen - vielleicht dereinst zum Mars - Knochenschwund. Werner Kiesers Ziel lautet: Die Menschheit kräftigen. Ein Auftrag fürs Weltall wäre da mehr, als er sich je vorgenommen hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Verpuffte Reform : Wie groß wird der neue Bundestag?

          Der Bundestag hat eigentlich 598 Sitze, doch derzeit sitzen dort 709 Abgeordnete – und nach der Wahl könnten es noch viel mehr sein. Wir erklären Schritt für Schritt, wie das kommt und was bisher dagegen unternommen wurde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.