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Wiedeking & Co. : Ein Lob dem Größenwahn

„Prachtvoll tritt das Monomanische in Erscheinung”, wussten Ökonomen schon vor mehr als 100 Jahren Bild: ddp

Angeben, prahlen, aufschneiden: Früh brüllt, wer einmal berühmt werden will. Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking wusste, was von ihm verlangt wird. Sonderlich sympathisch ist das nicht, aber wahre Größe. Alles andere ist Mittelmaß.

          Große Taten verlangen ungeheuerliche Gedanken. Mit Demut hat es noch selten einer zum Weltstar gebracht. „Prachtvoll tritt das Monomanische in Erscheinung“, schreibt der Ökonom Werner Sombart um 1900. Oder wie es der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, Großkotz vom Dienst, heutzutage einmal ausgedrückt hat: „Wer nicht schon als Kind vom Oscar träumt, wird ihn nie bekommen.“ Als er den Oscar schließlich in Los Angeles in die Höhe reckte, war das Volk daheim stolz auf ihn, für einen kurzen Moment zumindest, ganz geheuer war sein auftrumpfendes Ego nie.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ist es nicht gerade ein Ausweis von Weltläufigkeit, das ungezogene Genie zu dulden?“, so hallt es derzeit durchs Land, wenn es darum geht, die Zickigkeiten des Münchner Stardirigenten Christian Thielemann zu verteidigen. Bei Künstlern muss der tolerante Bürger die Begleiterscheinungen des Größenwahns ertragen. Wehe aber, ein Wirtschaftsmann greift nach den Sternen und das Ganze misslingt: Wendelin Wiedeking, der Blechbieger aus Zuffenhausen, ist gescheitert mit dem Versuch, den zehnmal größeren VW-Konzern zu überrennen. Den größten und schönsten Autohersteller der Welt werde er schaffen, hatte der Westfale getönt. Jetzt hat ihn die Familie Piëch mit ein paar Säcken voll Geld vom Hof gejagt.

          Die Hybris war's. Ikarus lässt grüßen

          Längst ist der Grund für Wiedekings Scheitern ausgemacht: Die Hybris war’s. Ikarus lässt grüßen. Der Mann hat die Bodenhaftung verloren, war nicht bescheiden genug. Demut wird von ihm gefordert, zum Gutmenschen und Samariter soll er jetzt werden und büßen für alles Managerversagen auf der Welt. Welch traurige Pointe!

          Auch ein Großkotz vom Dienst: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (hier mit dem Oscar)

          Denn eines ist klar: Wäre Wiedeking all die Jahre der biedere Verwalter eines mittelständischen Autoherstellers gewesen, die Welt sähe langweiliger aus. Nie hätte der profitabelste Autohersteller die Menschen mit seinen schicken Autos fasziniert, und die Eigentümerfamilien hätten keine Milliarden gewonnen. Mit Leisetreterei hat noch niemand die Welt erobert. „Es sind Männer (keine Weiber!)“, um noch einmal Altmeister Sombart zu zitieren, „ausgerüstet vor allem mit einer außergewöhnlichen Vitalität, aus der ein übernormaler Betätigungsdrang, eine leidenschaftliche Freude an der Arbeit, eine unbändige Lust zur Macht hervorquellen.“

          Goliath triumphiert. Wie deprimierend!

          Wiedeking hat sich immer als Unternehmer verstanden. Das war es, was die Porsches von ihrem obersten Angestellten wollten. Doch selbst diejenigen, die Wiedeking zu Beginn des VW-Coups gefeiert haben für seinen Wagemut, nehmen ihm nun übel, dass er sich erhoben und die Weltordnung aus den Fugen gebracht hat: Der Schwanz (Porsche) darf eben doch nicht mit dem Hund wedeln. Und der freche Kleine muss in die Schranken gewiesen werden, damit die Verhältnisse wiederhergestellt sind. Goliath triumphiert. Wie deprimierend!

          Und welch ein Missverständnis. Denn das Verführerische an der Marktwirtschaft ist gerade der „Traum und Wille, ein privates Reich zu gründen“ (Joseph Schumpeter). Diesen Traum darf jeder träumen. Und wenn er es geschickt anstellt, wird der Kleine den Großen zu Fall bringen, und aus dem Nobody von gestern wird ein Held von morgen. Könnten die Mächtigen, Satten und Reichen nie vom Thron gestürzt werden, bestünde der Verdacht des Monopolkapitalismus zu Recht. Der Weg zur Macht geht nur auf Pump (auch so ein Wort, das zu Unrecht in Verruf ist). Wie sonst soll der Ärmere den Reichen attackieren? Reich will er ja erst werden. „Auf seinen Schulden reitet der Unternehmer zum Erfolg“ (Schumpeter).

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