https://www.faz.net/-gqe-136ye

Verschmelzung : VW-Porsche-Konzern soll 2011 stehen

  • Aktualisiert am

Gemeinsamer Weg Bild: dpa

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ist zurückgetreten. Damit ist der Weg frei für den künftig gemeinsamen Auftritt von Volkswagen und Porsche. Der „integrierte Autokonzern“ soll bis Mitte 2011 stehen. Das sagte Niedersachsens Ministerpräsident nach der Sitzung des VW-Aufsichtsrates. 2018 soll der neue Autogigant den Toyota an der Weltspitze ablösen.

          Der Monate währende Kampf um die Macht bei Porsche und VW ist entschieden: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ist zurückgetreten, ebenso Finanzvorstand Holger Härter. Damit kann nun ein neuer Autogigant unter dem Dach der Volkswagen AG gebildet werden. Die notwendigen Grundlagenbeschlüsse dafür haben die Eigentümerfamilien von Porsche sowie die Aufsichtsräte von Porsche und VW in einem Sitzungsmarathon seit Mittwoch gefasst. Nachfolger Wiedekings bei Porsche ist der bisherige Produktionsvorstand Michael Macht.

          Trotzdem sind noch viele Fragen ungeklärt. Die Verhandlungen mit dem Emirat Qatar, das als Investor in dem integrierten Konzern eine maßgebliche Rolle spielen soll, dürften sich noch Monate hinziehen. Die Struktur des neuen Konzerns wird so aussehen, wie VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch das im Mai schon skizziert hat: Unter dem Dach von Volkswagen wird es zehn Marken geben, die Porsche AG wird eine davon sein. Die Porsche Holding SE wird in einem zweiten Schritt auf Volkswagen verschmolzen. Die Familien Porsche und Piëch, die bisher alle Stammaktien der Holding und mittelbar 50,7 Prozent an VW halten, werden dann direkt an VW beteiligt sein. Niedersachsen wird weiterhin 20 Prozent halten, das Emirat Qatar etwas weniger.

          In diesem Konzern ist für die bisherige Porsche-Führung kein Platz mehr. Seit der Eskalation des Machtkampfs in den vergangenen Wochen war ein Verbleib der Porsche-Spitze auch in der Übergangszeit immer unwahrscheinlicher geworden. Wendelin Wiedeking erhält 50 Millionen Euro Abfindung, Finanzvorstand Holger Härter bekommt 12,5 Millionen Euro. Wiedeking hat dem Vernehmen nach zunächst versucht, ein Vielfaches der Summe auszuhandeln. Da sein Vertrag als Porsche-Chef noch bis 2012 laufen würde und er allein im vergangenen Jahr fast 80 Millionen Euro verdient hat, wäre das wohl rechtlich auch möglich gewesen. „Wiedeking und Härter verzichten damit auf dienstvertragliche Ansprüche in erheblichem Umfang“, hieß es in der Pressemitteilung. Porsche könne nun auf Augenhöhe mit VW verhandeln, sagte Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche vor der Belegschaft. „Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen“, sagte er auf einer Betriebsversammlung.

          Ende einer Ära: der Porsche-Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück mit Wiedeking, Nachfolger Macht und dem zurückgetretenen FInanzvorstand Härter (v.r.)

          Vorstandsvorsitz der Porsche Holding SE noch unklar

          Nachfolger für Wiedeking und Härter wurden zwar benannt, aber nur auf die Positionen bei der Dr. Ing. h. c. F. Porsche AG, dem eigentlichen Autobauer. Michael Machts Stellvertreter soll Personalvorstand Thomas Edig werden. Macht und Edig sollen zwar auch in den Vorstand der Porsche Holding SE einrücken, wer dort aber den Vorstandsvorsitz und die Verantwortung für die Finanzen übernimmt, ist noch nicht geklärt. Mutmaßlich dürften in den nächsten Tagen Kandidaten aus dem VW-Lager für diese Posten nominiert werden. Auf sie kommen wichtige Aufgaben zu: Schließlich soll bei der Holding das Kapital um fünf Milliarden Euro erhöht werden, damit der Schuldenberg von mehr als zehn Milliarden Euro abgetragen werden kann. Das könnte wiederum kompliziert werden. Dem Vernehmen nach ist geplant, dass die Porsche-Familie, um ihrem Ziel des integrierten Konzerns näher zu kommen, ihre Salzburger Holding, ein VW-Handelshaus im Wert von rund vier Milliarden Euro, in die Stuttgarter Holding einbringt.

          Außerdem sind die Verhandlungen mit Qatar über einen Einstieg bei der Porsche Holding SE zu führen. Nach den Vorstellungen von VW soll der Einstieg Qatars bei dem integrierten Konzern in mehreren Schritten erfolgen: Zunächst übernimmt das Emirat von der Porsche Holding SE 17 Prozent der VW-Optionen. Diese hatte Porsche gekauft, und eine Zeitlang auch Spekulationsgewinne damit erzielt. Seit aber klar ist, dass die Optionen mangels Geld nicht in Aktien umgewandelt werden können, sind sie für Porsche eher eine Belastung als ein Vermögensposten. Viel Geld fließt daher wohl nicht für die Optionen. Eine gewisse finanzielle Entlastung verschafft Qatar Porsche aber durch einen Kredit in Höhe von 750 Millionen Euro. Damit könne Porsche den im März von VW erhaltenen Kredit über 700 Millionen Euro zurückzahlen, der im September fällig ist. Für diese kurzfristige Hilfe hat Qatar im Gegenzug eine zusätzliche Gegenleistung eingefordert: Die Araber haben demnach das Recht, im Jahr 2011 einen Anteil von 10 Prozent an der Porsche-Holding zu übernehmen, die dann - soweit der VW-Plan - bei der Verschmelzung beider Konzerne in zwei Prozent der Anteile an VW umgewandelt würden. Damit käme Qatar letztlich auf einen VW-Anteil von 19 Prozent. In einer Selbstverpflichtung will Qatar dem Land Niedersachsen garantieren, niemals über dessen Anteil hinauszugehen.

          Wulff: „Gutes Signal für Industriestandort Deutschland“

          Der niedersächsische Ministerpräsident Wulff (CDU) sprach von einem guten Signal für den Industriestandort Deutschland. Qatar sei „ein stabiler Ankeraktionär, der ein langfristiges und nachhaltiges Interesse an dem integrierten Automobilkonzern VW/Porsche hat“. Zugleich forderte er, dass die zwanzigprozentige Sperrminorität Niedersachsens an dem neuen Konzern erhalten bleibe. Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger (CDU) würdigte die Leistung Wiedekings. Er habe den Stuttgarter Sportwagenbauer zu einem herausragenden Automobilunternehmen gemacht, sagte er. Zudem sagte Oettinger, die Zusammenführung der beiden Unternehmen ermögliche eine gute Zukunftsperspektive. Sowohl Porsche als auch Volkswagen könnten in dem Gemeinschaftsunternehmen ihre Stärken ausbauen. Damit würden die Arbeitsplätze in Baden-Württemberg gesichert. „Es handelt sich hier um keine Übernahme, sondern um eine Fusion Porsche Holding und Volkswagen AG“, sagte Oettinger. Wichtig für das Land Baden-Württemberg sei dabei, dass in dieser neuen Dachgesellschaft die Familien Porsche und Piëch eine starke Stellung haben.

          Weitere Themen

          Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg Video-Seite öffnen

          Saudi-Arabien : Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg

          Nach den Drohnenangriffen auf zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien wird mit einem Anstieg der Ölpreise gerechnet. Die Angriffe verschärfen die angespannte Lage in der Golfregion und führten zum Einbruch der Ölproduktion in Saudi-Arabien.

          Topmeldungen

          Klage vor Supreme Court : John Majors Verachtung für Boris Johnson

          Der frühere Premierminister John Major ging zu seiner Amtszeit nicht mit Samthandschuhen vor. Doch Boris Johnsons Mittel gehen ihm zu weit. Deswegen hat er sich der Klage gegen die Beurlaubung des Parlaments angeschlossen.
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          F.A.Z.-Sprinter : Plötzlich kleinlaut

          Trump, Netanjahu und Johnson kennt man großspurig. Doch plötzlich zögert Trump, kämpft Netanjahu um sein politisches Überleben und muss sich Johnson vor dem Supreme Court rechtfertigen. Alles Wichtige steht im F.A.Z.-Sprinter.
          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.