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Piëchs Mission : Die Verporschung der Welt

Porsche: Eine Motorhaube spiegelt die Welt Bild: AP

Der Kampf zwischen Wendelin Wiedeking und Ferdinand Piëch ist entschieden. Aber was soll er bedeuten? Das Psychogramm von einem, der auszog, die Autowelt nach dem Bild des verweigerten Familiennamens zu formen.

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          Eigentlich sind sie verwandt. Auf frühen Fotos erkennt man die Ähnlichkeit noch deutlich, sie haben die gleichen Augen, und erst in den fünfziger Jahren gingen die Wege immer weiter auseinander: Der Volkswagen Käfer war das biedere Arbeitstier, der von ihm abgeleitete, mit seinem Heckmotor weitgehend baugleiche Porsche wurde zur Ikone der jungen, hedonistischen Bundesrepublik. Bei dem einen ging es vor allem ums Sparen, bei dem anderen um Spaß. Diese Arbeitsteilung in protestantisch perfekte Langeweile (Volkswagen) und technisch-ästhetischen Glamour (Porsche) zeichnete sich schon 1972 ab, als sich alle Familienmitglieder aus der Geschäftsführung bei Porsche zurückziehen mussten – was einen besonders hart traf: Ferdinand Piëch.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Er ist der Enkel von Ferdinand Porsche, dessen Tochter Louise den Wiener Anwalt Anton Piëch heiratete, und während Ferdinand Piëchs Vetter sich am Telefon mit einem klangvollen „Guten Tag, Porsche“ melden darf, muss der Enkel „Piëch“ sagen, was, mit seinen Citroën-Punkten, ja auch ein eleganter Name ist, aber, wie böse Menschen neulich bemerkten, andererseits auch wie aus einem Reifen entweichende Luft klinge und so als Autoname nicht taugt.

          Der Schreck von München

          Piëch ging also zu Audi, wurde erst dort und später bei Volkswagen Chef, zu seinen Leistungen gehören einerseits die Entwicklung von extrem benzinsparenden Autos (darunter das „Einliterauto“), die, hätte man im Marketing und beim Design mehr unternommen, heute führend im Öko-Auto-Bereich sein könnten – andererseits hat Piëch einen PS-Krieg ohnegleichen angezettelt, was man psychologisch erklären kann: Piëch, der genetische Porsche, ein König Ohneland, der Porsche nicht allein regieren durfte, machte alles, was ihm in die Finger kam, zum Porscheersatz. Er kaufte als VW-Boss den Sportwagenhersteller Bugatti, er brachte die Porsche-Killer „Quattro“ und „R8“ auf den Weg, neue Lamborghinis. All diese Autos schrien: Schau her! Ich kann Porsche!

          Unter Piëch wurde auch Audi verporscht, die Autos machten Bodybuilding und stellten BMW, den Altmeister des sportlichen Auftritts, vor derart unlösbare Probleme, dass man in München vor Schreck die Flucht ins futuristische Blechorigami von Chris Bangle antrat. Piëchs Verwandlung der biederen Audi AG zum Designerlabel ist vielleicht der zweitspektakulärste Auto-Imagewandel nach dem des Käfers, der es schaffte, von Hitlers böse knatterndem „KdF-Wagen“ zu einem weltweit geliebten Blechtierchen auf Rädern zu werden, mit dem niemand etwas Böses assoziierte.

          Sandalen statt Direkteinspritzung

          Und jetzt ist Wendelin Wiedeking entmachtet, der legendäre Porsche-Chef, der den Wert des Unternehmens von 300 Millionen auf rund 25 Milliarden Euro steigerte und dann beim Griff nach der Macht über Volkswagen scheiterte – ein Sieg, der Piëchs machtpolitisches Werk perfekt macht: Porsche ist wieder bei VW, Piëch Herrscher über beide. Jetzt könnte er verstärkt seinem zweiten Ich nachgehen, dem Erfinden von Öko-Motoren – und einer Frage, die interessanter ist als der nervige Machtkampf zwischen Wolfsburg und Zuffenhausen: der, wie man ökologisches Hightech so verpackt, dass es auch gern gekauft wird. Der Misserfolg ökologischer Produkte liegt auch am eingebauten Depressionsfaktor: Energiesparende Architektur heißt „Passivhaus“, Öko-Autos sehen aus wie motorisierte Fahrradanhänger, die Formen sagen Verzicht! Reue! Zurück! So etwas kauft man trotz intensiver Umwelterziehung nicht. Autos wie die amerikanischen „Tesla“-Wagen, die so schnell wie ein Porsche sind und mit Strom aus Solarzellen betrieben werden sollen, zeigen, dass Öko und Hightech, Sparen und Spaß keine Gegensätze sein müssen – was ihre vielleicht folgenreichste Innovation ist.

          Wendelin Wiedeking entwickelte dagegen zuletzt eine seltsame Sehnsucht nach Verlangsamung: Oft sah man ihn auf alten Porsche-Traktoren herumtuckern, vor einigen Jahren kaufte er privat ein Drittel der Schuhmanufaktur Heinrich Dinkelacker. Die Schuhe werden ihm bleiben. Sandalen statt Direkteinspritzung, von der linken Spur des Lebens auf den Wanderweg: wenn das mal kein Sommermärchen aus den Zeiten des Klimawandels ist.

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