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Popakademie : „Nur über Youtube wird keiner Popstar“

  • Aktualisiert am

Hubert Wandjo Bild: ddp

Die Musikindustrie steckt in der Talsohle. Obwohl die Zahl der illegalen Downloads sinkt, bleiben sie das größte Problem. Bernd Freytag sprach mit Hubert Wandjo von der Popakademie in Mannheim über den Umbruch der Branche und die Frage, wie man im Internetzeitalter Popstar wird.

          4 Min.

          Herr Wandjo, lohnt es sich noch, Popstar zu werden?

          Für die, die es packen, lohnt es sich immer noch. Aber es werden immer mehr junge Künstler von ihren professionellen Ambitionen Abschied nehmen müssen. Die Musikindustrie hat schwere Jahre hinter sich und die Investition in junge Talente sichtbar zurückgefahren.

          Wie wird man denn im Internetzeitalter überhaupt Popstar?

          Popstars werden auch heute noch im Wesentlichen von klassischen Medien in Symbiose mit der Musikindustrie gemacht. Das Fernsehen kann emotionalisieren und die Aufmerksamkeit der Menschen konzentrieren, das kann das Internet nicht. Nur über Youtube oder Myspace ist noch keiner Popstar geworden.

          Woran liegt das?

          Erfolge über eine rein digitale Vermarktung sind bis auf wenige Ausnahmen ein Mythos geblieben. Natürlich hat jeder dort die Möglichkeiten, sich milliardenfach zu präsentieren. Aber wie wird er in dieser Masse gefunden? Das kann zwar mit Guerrilla-Marketingmaßnahmen funktionierten, bedarf aber Budgets und dem entsprechenden Knowhow – und das ist nach wie vor das Spiel der etablierten Musikfirmen und Medien.

          Wenn Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest in Oslo gewinnt, wird sie dann Millionärin?

          Sie hat sicher gute Chancen, eine zu werden, das hängt von ihren Verträgen ab. Sie ist bereits hierzulande sehr erfolgreich, und im Falle eines Sieges in Oslo könnten sich ihre Verkäufe vervielfachen.

          In einigen Bewerbershows bleibt der Eindruck hängen, die Sänger werden verheizt.

          Wirtschaftlich sicher nicht. Fast alle Künstler werden heute durch Branchenanwälte vertreten und marktüblich an den Umsätzen beteiligt.

          Was sind marktübliche Umsätze?

          Es gibt viele verschiedene, teils komplexe Vertragsmodelle. Ein Newcomer könnte branchenüblich bei einer Beteiligung von etwa einem Euro plus/minus ungefähr 30 Prozent im Falle einer Langspiel-CD liegen. Dies ist abhängig von der jeweiligen Komplexität der Vertragskonstellationen.

          Welche Voraussetzungen braucht man denn, um Popstar zu werden?

          Talent, Persönlichkeit, Charisma, Stil und die Fähigkeit zu emotionalisieren. Gutes Handwerk ist von Vorteil, aber nicht zwingend Voraussetzung. Bei solchen Casting-Wettbewerben ist Musik nur die Basis. Ziel sind hohe Einschaltquoten und Werbeeinnahmen. Die Sänger sind Hauptdarsteller in einer Soap. Das ist auf keinen Fall der Künstlertyp, wie wir ihn an der Popakademie Baden-Württemberg haben.

          Sondern?

          Wir wollen unsere Studierenden so ausbilden, dass sie mit und von ihrer eigenen Musik, ihrer Kreativität und ihrem Talent im Musikgeschäft langfristig leben können.

          Geht es der Branche denn schon besser?

          Der Abwärtstrend hat sich zwar verlangsamt, aber von Aufschwung kann noch nicht die Rede sein. Das Geschäft mit aufgezeichneter Musik ist in den vergangen zehn Jahren um die Hälfte auf etwa 1,5 Milliarden Euro geschrumpft.

          Wird der Rückgang nicht durch die wachsende Zahl von Downloads kompensiert?

          Nein. Noch immer machen physische Tonträger 90 Prozent des Umsatzes aus. Die Zahl der Downloads steigt zwar, aber die CD bleibt das wichtigste Geschäft.

          Welche Rolle spielen Raubkopien?

          Immerhin geht der Trend zu illegalen Downloads zurück. Von 2006 bis 2009 fiel die Zahl von über 600 Millionen auf 300 Millionen. Das Unrechtsbewusstsein ist gewachsen, und die zunehmende Ahndung zeigt Wirkung. Aber es bleibt natürlich ein Problem.

          Aber was ist mit den legalen Musikportalen im Internet. Das Downloadgeschäft dort boomt doch?

          Der Stückzuwachs ist in Deutschland noch gut, aber in Amerika stagniert er bereits. Lassen Sie sich von den Stückzahlen nicht täuschen. Bei etlichen Downloadshops dürften Zweifel angebracht sein, ob sie beim aktuellen Preisniveau profitabel arbeiten können.

          Warum betreiben dann Apple und Nokia diesen Aufwand?

          Das sind in erster Linie Marketingmaßnahmen für originäre sehr profitable Produkte wie MP3-Player und Smartphones, die wahrscheinlich zum größeren Teil illegal beschaffte Musik abspielen beziehungsweise transportieren. Am Ende eines solchen Prozesses leidet die Qualität der Inhalte. Das Gros der Downloads wird nach wie vor nicht über die Portale gemacht. Viele Leute leben gut in diesem System, bis auf Ausnahmen nur die Künstler nicht, insbesondere der Nachwuchs.

          Wenn sich kein gescheites Angebot mehr findet, werden die Hardwarehersteller und Netzbetreiber gezwungen sein, ihre Inhalteanbieter zu kaufen.

          Das geschieht hier und da, wenn es um gebündelte Angebote mit Hardware oder Netzzugängen geht. Das betrifft nur etabliertes Repertoire. Neue Künstler entdecken und entwickeln ist ein hochriskantes Geschäft, in das sich noch keiner der neuen Akteure in großem Stil verirrt hat.

          Trotzdem verdienen doch viele Musiker noch immer eine Menge Geld. Oder muss man für Dieter Bohlen schon sammeln gehen?

          Für ihn sicher nicht. Der Wandel trifft vor allem die vielen ambitionierten Newcomer. Die Musikindustrie war mit ihren Gewinnen stets der Treiber für den Nachwuchs. Sie investiert heute deutlich weniger in die Entwicklung und Vermarktung neuer Künstler.

          Was sind denn die Alternativen?

          Der Königsweg wird noch gesucht. Aber wir sollten auf jeden Fall das Urheberrecht konsequenter anwenden und uns weiter an neuen Geschäftsmodellen in Bezug auf Inhalt, Preis, Kommunikation und Vertrieb probieren. Auch eine stärkere politische Nachwuchsförderung ähnlich der Filmindustrie wäre denkbar. Und auch eine allgemeine Kulturflatrate sollte man als letztes Mittel nicht ausschließen.

          Popmusik ist nicht wesentlich für die Demokratie. Dann müssen alle für etwas bezahlen, was sie vielleicht nicht wollen.

          Das ist in der Tat eines der Argumente der Kritiker einer Kulturflatrate, das nicht von der Hand zu weisen ist.

          Wie steht es mit Livemusik. Dieser Markt legt doch seit Jahren zu?

          Der Umsatz im Livegeschäft liegt in Deutschland heute ungefähr 1 Milliarde Euro über dem Tonträgerumsatz, aber seit zwei Jahren gehen auch dort die Umsätze zurück. Der Anstieg war im Wesentlichen auf explodierende Ticketpreise zurückzuführen, ganz nach amerikanischem Vorbild. Aber heute zahlen die Leute diese Preise nicht mehr. Außerdem spielt klassische Musik im Livegeschäft die dominierende Rolle. Und die wird bekanntlich vom öffentlichen Kulturbetrieb subventioniert.

          Hochschulpop

          Die Popakademie Baden-Württemberg mit Sitz in Mannheim wurde 2003 gegründet. Gesellschafter sind das Land, die Stadt Mannheim, der Südwestrundfunk, Universal Music und eine regionale Unternehmensgruppe. Die Hochschuleinrichtung bildet rund 60 Studierende im Jahr in den Fächern Musikbusiness und Popmusikdesign aus. Künstlerischer Direktor ist Udo Dahmen. Der ehemalige stellvertretende Deutschland-Chef von Sony Music, Hubert Wandjo, führt die Geschäfte. Einen Teil der Mittel muss sich die Schule durch Sponsoren-, Projekt- und Fördermittel sowie Gebühren erwirtschaften. Gefördert wird die Schule von der BASF und dem Popsänger Xavier Naidoo. Bekannteste Abgänger der Akademie sind Konstantin Gropper mit seinem Projekt „Get Well Soon“, die Glamrock-Band „My Baby Wants To Eat Your Pussy“ und Johanna Zeul. (tag.)

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