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Fehlende Stellen : Deutschland braucht mehr Polizisten

Ablehnung von Feuerwehr-Polizei

13.200 Polizisten von Bund und Ländern waren im vergangenen Juli bei der Konferenz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Hamburg im Einsatz. Sie fehlten anderswo. Weil es ruhig blieb, stellte sich die Frage, ob nicht 7000 genug gewesen und die anderen besser Streife gefahren wären. Ähnliche Diskussionen gibt es vor und nach Demonstrationen, Fußballspielen, Massenpartys, Faschingsumzügen und auch Veranstaltungen wie dem Public Viewing.

Positives Image: Der Polizeiberuf ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Positives Image: Der Polizeiberuf ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. : Bild: dpa

Eine Feuerwehr-Polizei, also eine Polizei auf Abruf, will in den Bundesländern offiziell keiner. Die Realität sieht häufig aber genauso aus. Vor allem, wenn die Lage angespannt ist, die Polizisten von Einsatz zu Einsatz rasen. Akademie-Leiter Model aus Hamburg ist seit 1987 Polizist. Er sagt: „Vor dem Hintergrund der Erwartungshaltung der Bürger ist die Personaldecke angespannter als früher, weil wir immer mehr leisten müssen.“

Die Bürger streiten mehr und rufen häufiger als früher die Polizei. Die Dokumentationspflicht ist umfänglicher geworden, alles muss justizgerecht aufgeschrieben werden. Die Einbruchskriminalität ist gestiegen, die Rauschgiftkriminalität hat sich ausgeweitet, vor allem in den Zentren der Städte. Wird mehr kontrolliert, fällt mehr Arbeit an. Auch das Verkehrsaufkommen ist enorm gestiegen, die Anzahl der Notrufe entsprechend in die Höhe geschossen - darunter aber auch viele Kleinigkeiten, die die Beteiligten eigentlich unter sich regeln könnten. Da aber machen dann Versicherungen nicht mit. Welche Herausforderung die zunehmende Cyberkriminalität oder der Strom an Flüchtlingen für die Polizei bedeutet, spricht Akademie-Leiter Model nur am Rande an. Man kann es sich vorstellen.

Einstellungsoffensive in Hamburg

Die Akademie der Polizei in Hamburg ist mit ihrer Einstellungsoffensive beileibe nicht allein. Auch in anderen Bundesländern wird heftig um Nachwuchs geworben, in Nordrhein-Westfalen oder Bayern zum Beispiel. Im Innenministerium in Nordrhein-Westfalen gibt man sich zuversichtlich, dass es mit dem Stellenabbau der nuller Jahre endgültig vorbei ist. Schon seit 2010 werden jährlich wieder mehr Polizisten eingestellt. Insgesamt 9500 waren es bis zum Jahresende 2016 - nach Angaben des Innenministeriums immerhin mehr, als pensioniert wurden. Ein Fortschritt. Von diesem Jahr an sollen jährlich 2000 junge Leute ausgebildet und eingestellt werden. Wer sich in dem Bundesland bewirbt, braucht entweder das Abitur oder die Fachhochschulreife für das dreijährige Fachhochschulstudium. Den mittleren Dienst gibt es dort nicht mehr. Die Suche nach geeigneten Bewerbern macht das nicht leichter.

Auch Bayern rüstet auf: Von 2017 bis 2020 sollen jedes Jahr noch einmal 500 neue Stellen geschaffen werden - angesichts der Flüchtlingssituation und der Terrorgefahr. Die Gesamtausgaben der Bayerischen Polizei werden 2017 auf 3,4 Milliarden Euro steigen, gegenüber 2012 ist das ein Zuwachs von knapp 25 Prozent. „2000 zusätzliche Polizeistellen für spürbar mehr Präsenz und Sicherheit“, jubeln sie im Innenministerium. Beim Bürger, sprich: Wähler, soll das ziehen.

Es gibt allerdings auch Kritiker dieser Zahlenschieberei. Wissenschaftler von der Universität Bochum und der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin halten die genannten 15 000 neuen und für notwendig befundenen Stellen für übertrieben. Es wäre schon viel gewonnen, sagen sie, wenn die Polizei die Möglichkeit bekäme, ihre Vollzugsbeamten effizienter einzusetzen - nämlich zu den Zeiten, in denen auch wirklich viel los sei im öffentlichen Raum.

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