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Fehlende Stellen : Deutschland braucht mehr Polizisten

„Die Herausforderung ist vor allem die Qualität“

Das manifestiert sich auch in Zahlen. 2014 hatte die Akademie insgesamt rund 800 Auszubildende und Studenten für den mittleren und gehobenen Dienst. Inzwischen sind es 1000. In den nächsten beiden Jahren werden es 1200 Auszubildende und Studierende sein. Rechnet man diejenigen in den Pflichtpraktika bei den Polizeikommissariaten noch dazu, sind es in der Spitze sogar 1540. Die Stadt Hamburg investiert kräftig, denn sie braucht den Nachwuchs dringend. „Die Herausforderung ist vor allem die Qualität“, sagt Model. Das allerdings bedeutet, dass man über den Daumen sieben Bewerber braucht, um einen zu finden, der das Anforderungsprofil erfüllt und den nötigen Idealismus für die Aufgabe mitbringt.

Nachwuchs muss her: Es fehlt an 15.000 Polizisten.
Nachwuchs muss her: Es fehlt an 15.000 Polizisten. : Bild: dpa

In Bayern sieht man das genauso. Noch sind die Jahrgänge stark und die Bemühungen der Polizei erfolgreich, heißt es im Süden. „Aber wir spüren den Wettbewerb der Wirtschaft deutlich.“ Für viele junge Menschen ist die Polizei - anders als früher - nur eine von mehreren Bewerbungsalternativen. Etliche springen sogar nach bestandenem Bewerbungsverfahren wieder ab, weil sie sich doch für eine Ausbildung in einem Unternehmen oder für ein anderes Studium entscheiden.

Die kursierenden Berechnungen, wie viele zusätzliche Vollzugsbeamte Deutschland wirklich braucht, sind alles andere als eindeutig und hochumstritten. Das liegt schon daran, dass man nicht so genau weiß, wie viele Einsatzkräfte für was benötigt werden. Dazu kommt: Jedes Bundesland führt seine eigenen Statistiken, überschlägige Berechnungen wagt nur die Gewerkschaft der Polizei GdP. Deren Bundesvorsitzender Oliver Malchow bemisst den Personalmangel anhand der anfallenden Überstunden. 2016 leisteten die rund 260.000 Polizisten in Deutschland 22 Millionen Überstunden, davon fielen allein zwei Millionen bei der Bundespolizei an. In Stellen umgerechnet, bedeute das 9000 fehlende Kräfte, sagt der GdP-Chef. Wenn man noch deren Urlaub und Fortbildungen einbeziehe, komme man sogar auf 13.000 notwendige neue Stellen. Aber damit wäre seiner Meinung nach noch nichts gewonnen, es wären ja bloß die Überstunden aus der Welt. Oliver Malchow rechnet deshalb weiter: „Insgesamt braucht Deutschland 20 000 neue Polizeibeamte für Bund, Länder und das BKA, um auf Dauer der wachsenden Anforderungen Herr zu werden.“

Polizei nur bei Großereignissen sichtbar

Offensichtlich ist es die mangelnde Präsenz der Polizei, die die Bürger in den vergangenen Monaten mit den Anschlägen von München und zuletzt Berlin verunsichert hat. Sichtbar ist die Polizei nämlich nur bei Großereignissen, ansonsten kaum. Prävention wurde in den vergangenen Jahren vergleichsweise klein geschrieben. Wenn die Polizei kommt, dann mit Blaulicht - und auch das nicht immer sofort. Man muss schon warten können. Wer einmal einen Unfall hatte oder Zeuge eines größer angelegten Diebstahls wurde, kann ein Lied davon singen. Wichtig war lange Zeit vor allem, dass die Polizisten Täter fassten. Weniger, dass sie Taten verhinderte.

Die mangelnde Präsenz ist nach Malchows Meinung eine Folge des über viele Jahre praktizierten Personalabbaus in einer Reihe von Bundesländern, vor allem in den 1990er und 2000er Jahren. Tausende pensionierte Beamte wurden nicht ersetzt, die Polizei konzentrierte sich überwiegend auf Einsätze - und nicht darauf, Ansprechpartner für die Bürger im öffentlichen Raum zu sein. Misst man die Effizienz der Polizei allein an gefassten Tätern und bearbeiteten Fällen, dann kann die Prävention nicht punkten.

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