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Finanzbranche : Klimawandel in der Londoner City

Am Mittwoch in London: Mario Draghi lobt Papiere, die vor ein paar Jahren noch als giftig galten. Bild: Reuters

Jahrelang waren die Banker die Buhmänner. Jetzt betonen Politiker und Notenbanker, wie wichtig die Finanzbranche für Europa sei. Haben sich auf einmal alle wieder lieb?

          Der Titel klingt salbungsvoll: „Die Schaffung wirklicher Märkte zum Wohl des Volkes“ lautete die Überschrift der hochkarätig besetzten Konferenz im Herzen des Londoner Bankenviertels, zu der am Mittwoch die britische Notenbank eingeladen hatte. Die Liste der Teilnehmer war lang und illuster: Mit Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), und Mark Carney, dem Gouverneur der Bank von England, waren die beiden mächtigsten Geldhüter Europas dabei. Großbritanniens Finanzminister George Osborne war ebenso mit von der Partie wie die Verwaltungsratschef der Großbanken UBS und Royal Bank of Scotland (RBS), Axel Weber und Howard Davies.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Das Treffen der Finanzgrößen im Prachtbau der Guildhall, dem historischen Rathaus der City of London, hat Symbolcharakter: Sieben Jahre nach der Weltfinanzkrise und einer ganzen Serie milliardenschwerer Finanzskandale stehen in Europas größtem Finanzzentrum die Zeichen plötzlich wieder auf Annäherung. So kooperativ und freundlich klang die Rhetorik schon lange nicht mehr zwischen den Geldjongleuren in der City und den Notenbankern und Politikern, die ihr Treiben überwachen sollen.

          Im Jahr 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, hatte der damalige Chef der britischen Bankenaufsicht, Adair Turner, die Banker beschuldigt, sie gingen „gesellschaftlich nutzlosen“ Zockergeschäften nach. Am Mittwoch klang der Finanzminister Osborne dagegen wie ein wohlmeinender Bewährungshelfer im Strafvollzug „Wir müssen der Öffentlichkeit beweisen, dass sich die Dinge geändert haben“, sagte er. „Die Banker beginnen Teil der Lösung, statt Teil des Problems zu sein“, lobte der Notenbanker Carney.

          Die von der Bank von England mit großem Aufwand ins Rampenlicht gerückte Konferenz ist ein Indikator für den Klimawandel in der europäischen Bankenaufsicht: Seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 waren Politiker und Aufseher in Europa und Amerika damit befasst, den Finanzsektor mit einer Flut neuer Aufsichtsregeln sicherer zu machen. Jetzt wachsen dagegen die Befürchtungen, dass manche der vielen frisch aufgestellten Leitplanken und Verbotsschilder womöglich gesamtwirtschaftlich kontraproduktiv sein könnten.

          „Verbriefungen als solche sind nützlich“

          EZB-Präsident Draghi wählte die Bündelung und den Weiterverkauf von Kreditforderungen am Kapitalmarkt als Beispiel: Die sogenannten Kreditverbriefungen waren 2008 in den Vereinigten Staaten der Brandbeschleuniger für die spätere globale Krise. In der schockierten Öffentlichkeit waren die komplexen und oft hochgradig intransparenten Finanzprodukte bald nur noch als „Giftpapiere“ bekannt. Doch am Mittwoch hob Draghi hervor: „Verbriefungen als solche sind ein nützliches Finanzinstrument.“ Die Geschäfte müssten reguliert werden, dürften aber nicht pauschal verdammt werden. „Die Spreu mit dem Weizen zu vermischen“, wäre falsch, sagte er.

          Der Finanzminister Osborne sprach aus, was in den vergangenen Jahren für einen britischen Politiker undenkbar gewesen wäre: „Wir wollen, dass die Banken Risiken eingehen“, sagte er. London solle „die Heimat der größten Banken der Welt bleiben“. Aber beim nächsten größeren Betriebsunfall müsse eben sichergestellt werden, dass nicht mehr der Steuerzahler hafte. Ein „Dilemma“ sei das, räumte Osborne ein, aber eines, das überwunden werden könne.

          Finanzlobbyisten haben wieder Oberwasser

          Großbritannien hat in den vergangenen Jahren die Aufsichts- und Eigenkapitalregeln für die Branche deutlich stärker verschärft, als dies zum Beispiel in Deutschland und den anderen Ländern der Europäischen Währungsunion der Fall war.

          Doch seit den Parlamentswahlen im Frühjahr kann die Finanzbranche auf der Insel aufatmen. Osbornes Konservative Partei regiert mittlerweile wieder allein, ohne die weiter links stehenden Liberaldemokraten als Juniorpartner. Der Kurs in Sachen Bankenregulierung hat sich seither merklich geändert: Im Sommer nahm der für seine harte Linie bekannte Chef der Finanzaufsicht FCA, Martin Wheatley, vorzeitig seinen Hut, nachdem Osborne signalisiert hatte, dass sein Vertrag nicht verlängert werde.

          Im Oktober kam die Regierung den Banken bei zwei wichtigen Reformvorhaben entgegen: Sowohl das geplante Trennbankengesetz als auch die persönliche strafrechtliche Verantwortlichkeit von Spitzenbankern wurden aufgeweicht. Branchenlobbyisten haben wieder Oberwasser: Die Politiker müssten bei ihren Reformen „die Unterstützung der Praktiker“ aus dem Finanzgeschäft suchen, empfahl am Mittwoch selbstbewusst Alan Yarrow, der Chef der City of London Corporation.

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