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Politiker in der Wirtschaft : Die Wanderer zwischen den Welten

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Nach fünf Monaten bei der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Fortress wieder aufgetaucht: Florian Gerster Bild: dpa

Florian Gerster hat es geschafft: Der frühere Chef der Bundesagentur für Arbeit hat einen neuen Job. Dabei vollzieht sich der Wechsel von der Politik in die Wirtschaft wahrlich nicht immer reibungslos.

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          Seit knapp einer Woche hat einer der prominentesten Arbeitsuchenden in Deutschland wieder eine Stelle: Florian Gerster steht bei der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Fortress unter Vertrag. Die Suche dauerte fünf Monate. Gerster hat damit einen radikalen Wechsel vollzogen. Mit seinem eigentlichen Steckenpferd, der Arbeits- und Sozialpolitik, hat die neue Aufgabe zunächst kaum etwas gemein. Gerster soll für die Private-Equity-Gesellschaft die Verhandlungen über den Kauf von 25.000 Wohnungen führen.

          Weshalb das Unternehmen dabei den früheren Chef der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit (BA) einsetzt, wird verständlich, wenn man auf den Verkäufer der Wohnungen schaut: Diese gehörten bisher einer Tochtergesellschaft der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), also einer Einrichtung des öffentlichen Rechts wie die BA. Wie zu hören ist, sollen die Headhunter von Heidrick & Struggles den Posten vermittelt haben.

          Kein Einzelfall

          Ein solcher Wechsel von der Politik in die Wirtschaft ist kein Einzelfall. Im Gegensatz zu Ländern wie den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Großbritannien vollzieht er sich aber hierzulande selten aus ganz freien Stücken. Vielmehr fangen Unternehmen Politiker auf, die zwar an öffentlichem Ansehen verloren haben, aber das politische Geschäft immer noch gut kennen. "Diese Menschen verstehen die dortigen Entscheidungsprozesse viel besser als jeder Unternehmensvertreter. Für Geschäfte, bei denen der öffentliche Sektor eine Rolle spielt, ist das enorm wichtig", erklärt Florian Schilling, Partner bei Heidrick & Struggles. Für den Frankfurter Headhunter Heiner Thorborg dagegen geht es um Lobbyismus. "Damit kauft man sich vermeintlich gute Beziehungen in den öffentlichen Bereich dazu", sagt er. Anders sei nicht zu erklären, daß man Mitarbeiter einstelle, die von Wirtschaft kaum Ahnung hätten. Gerster etwa arbeitete zwar einige Zeit als Personalberater, das liegt aber schon viele Jahre zurück. Der Erfolg dieser Strategie sei aber nicht garantiert, warnt Thorborg. "Die Kontakte verbrennen schnell." Wer heute ein guter Freund oder Parteimitstreiter gewesen sei, werde morgen schnell vergessen.

          Die frühere rheinland-pfälzische Umweltministerin Klaudia Martini wurde  Vorstand Unternehmenskommunikation der Adam Opel AG - ihr Vertrag nicht verlängert
          Die frühere rheinland-pfälzische Umweltministerin Klaudia Martini wurde Vorstand Unternehmenskommunikation der Adam Opel AG - ihr Vertrag nicht verlängert : Bild: Adam Opel AG

          Nicht zufällig an der Schnittstelle

          Die meisten Seitenwechsler finden sich nicht zufällig an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft. Beispiel Horst Teltschik: Der einstige außenpolitische Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl verantwortete nach seinem Abschied aus der Politik im BMW-Vorstand das Ressort Wirtschaft und Politik, das pikanterweise extra für ihn geschaffen und seit seinem Weggang nicht wieder besetzt wurde. Im vergangenen Jahr holte ihn der Flugzeugbauer Boeing an die Spitze von Boeing Deutschland. Dort soll er wiederum seine Kontakte zu Politik, Wirtschaft und Wissenschaft nutzen, um Partnerschaften und Akquisitionen anzubahnen.

          Auch Andreas von Schoeler, Vorstand von CSC Ploenzke - derzeit im Zusammenhang mit dem Bundeswehr-Projekt Herkules in den Schlagzeilen -, hat eine Vergangenheit in der Politik. Er war Oberbürgermeister von Frankfurt, jetzt zeichnet er bei CSC Ploenzke für den Bereich "Public und Private Services" in Zentraleuropa verantwortlich. Die Unternehmensberatung Roland Berger setzte nicht zufällig für ihren umstrittenen Beratungsauftrag bei der BA Jobst Fiedler ein, zuvor Oberstadtdirektor in Hannover. Und Matthias Machnig, ehemaliger Staatssekretär und SPD-Bundesgeschäftsführer, wechselte kurz als Partner zu der Werbeagentur BBDO Consulting, und zwar für den Bereich "Public/Communication". Jetzt ist er bei Booz Allen Hamilton wiederum für die Beratung des Öffentlichen Sektors zuständig.

          Galionsfiguren zu Repräsentationszwecken?

          In der Wirtschaft haben es die Quereinsteiger freilich nicht immer leicht. Das mußte Teltschik bei BMW oder auch die frühere rheinland-pfälzische Umweltministerin Klaudia Martini bei Opel erfahren, deren Vertrag vor kurzem nicht verlängert wurde. Bei ihren Kollegen gelten sie häufig als gutbezahlte Lobbyisten oder als Galionsfiguren zu Repräsentationszwecken. Außerdem erweist sich vor allem in Krisenzeiten, daß sie mit den Usancen der Wirtschaft doch nicht vertraut sind. So kam es beispielsweise zum Eklat zwischen Roland Berger und der Bundesagentur, nachdem sich Berater Fiedler öffentlich über BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise mokiert hatte.

          Abgesehen von einzelnen Erfolgsgeschichten wie der von Lothar Späth bei Jenoptik, wird es um die Expolitiker in der Wirtschaft in der Regel schnell ruhig. So war zwar der Wechsel von Gunda Röstel zur Gelsenwasser AG dem Unternehmen eine eigene Pressemitteilung wert, seitdem hört man aber kaum noch etwas von ihr. Auch daß der ehemalige Präsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, Klaus-Dieter Scheuerle, unter anderem "Senior Advisor" bei der Credit Swiss First Boston sein soll, ist nur einer kleinen Öffentlichkeit bekannt.

          Selten umgekehrt

          Der umgekehrte Weg von der Wirtschaft in die Politik wird in Deutschland dagegen noch seltener beschritten. Dies liegt nicht nur an den niedrigeren Gehältern im öffentlichen Dienst. "In der Wahrnehmung von Führungskräften aus der Wirtschaft kann man in der deutschen Politik nur Erfolg haben, wenn man die Ochsentour in der Partei auf sich genommen hat", sagt Schilling von Heidrick & Struggles. Wer den Stallgeruch der Partei nicht habe, scheitere. Dies hat auch seine Nachteile. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten gehören Parlamentarier mit wirtschaftlichem Sachverstand zu einer seltenen Spezies. Und Erfahrungen aus der Praxis haben nur wenige gesammelt.

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