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Hanks Welt : Der „Verbots-Staat“ als permanenter Ausnahmezustand

Großzügig, wie Lauterbach ist, gewährt er „Ausnahmen“ der Maskenpflicht für „frisch Geimpfte“. Bild: dpa

Wenn der Staat wie ein Arzt vorgeht, bleibt die Freiheit auf der Strecke. Die Politik verweist auf die Krise. Doch was ist, wenn die Krise zum Dauerzustand wird?

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          Es sollte ein anregender, harmonischer Abend werden. Jenny und Friedrich, Eheleute mittleren Alters aus Westdeutschland, die seit einem Jahrzehnt mit den beiden Söhnen im Osten leben, haben Rolf und Beate, Arbeitskollegen aus Brandenburg, zum Essen eingeladen. Außerdem hat sich Tine, eine frühe Liebe Friedrichs (Ferien an der Amalfi-Küste), zum Essen eingeladen.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das kann ja heiter werden: Vom ersten Moment an bringen Rolf und Beate Jenny aus der Fassung und Friedrich in Verlegenheit. Über dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung brechen sich noch immer unverstandene west-östliche Seelenlagen Bahn. Wechselseitig ist man voneinander enttäuscht. Es wird am Ende nicht nur heiter, sondern auch gruselig.

          Leichte Beute für die AfD?

          Der Abend zu fünft ist der Plot der gerade erschienenen Novelle „Gewittergäste“ des Schriftstellers Dirk von Petersdorff. Der kommt selbst aus Westdeutschland, lebt seit Langem in Jena, ist bislang eher mit Gedichten aufgefallen, schreibt neuerdings aber auch Prosa. Weil Petersdorff im Neben- oder Hauptberuf Literaturwissenschaftler ist, kann man das Büchlein auch als Übungsstück in Literaturtheorie fürs Proseminar lesen: Alles spielt sich an einem Tag und an einem Ort ab wie in einem Drama. Und natürlich gibt es jene „unerhörte Begebenheit“, die seit Goethe für eine Novelle, die etwas auf sich hält, zwingend vorgeschrieben ist und den Wendepunkt der Handlung markiert. Diese unerhörte Begebenheit wird hier selbstverständlich nicht verraten.

          Die Knappheitsvorschrift der Novelle hat inhaltlich den Vorteil, die gegenseitige Vorwurfsdynamik auf ihren Kern zu schälen. Das im Osten lebende Westlerpaar, dessen Wellensittich „Udo“ (wie Udo Lindenberg) Laute kräht, die in den Ohren der Ostler wie „Habeck, Habeck“ klingen, gibt sich alle Mühe, den Ostdeutschen am Abendbrottisch die Vorteile der Freiheit in Erinnerung zu rufen, die sie so selbstverständlich einstreichen. Sie sollten doch froh sein, den diktatorischen Stasi-Staat los zu sein. Den wollen Rolf und Beate auch gar nicht zurück, im Gegenteil: Sie nehmen die Freiheits-Behauptung der Westler beim Wort und sind enttäuscht. „Wir sind sehr empfindlich gegen Bevormundung.“ Dass man ihnen – nur zum Beispiel – ihr Dieselauto als Dreckschleuder madig macht, finden sie nicht gut. Sie brauchen es schließlich auf dem Land, um zur Arbeit zu kommen. Dass diese Verbote von Männern aus Berlin kommen, die mit Elektrorollern und Umhängetaschen zur Arbeit fahren, ärgert sie besonders.

          Kolumnist Rainer Hank
          Kolumnist Rainer Hank : Bild: F.A.S.

          Und dann werden die Ostler grundsätzlich: Manchmal fänden sie den aktuellen „Verbots-Staat“ schlimmer als die DDR: „Da konntest Du abtauchen oder unauffällig leben, aber dieser Staat hier: viel feiner, er fasst Dich ganz und gar, die Gedanken, meine ich.“ Es fällt das böse Wort der „Demokratur“; na ja, Rolf ist inzwischen nicht mehr ganz nüchtern.

          „Verbots-Staat“? Ost-Ressentiment und leichte Beute für AfD-Politiker, klar. Doch damit würde man es sich zu einfach machen, finde ich. Während ich Dirk von Petersdorffs Novelle lese, gibt es in der deutschen Politik eine Debatte über das neue Infektionsschutzgesetz. Der Wechsel von der Fiktion in die Realität gelingt mühelos.

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