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Eliten gespalten über CDU-Vorsitz

Von HEIKE GÖBEL, Frankfurt

14. Januar 2021 · Politik und Wirtschaft haben unterschiedliche Favoriten – aber eine Wunschkoalition, zeigt das neue Elite-Panel.

Im Wettbewerb um den CDU-Vorsitze verfügt weiterhin keiner der drei Kandidaten über einen wirklich breiten Rückhalt der Führungskräfte des Landes. In den Chefetagen der Unternehmen hält der frühere CDU-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz aber einen klaren Vorsprung vor dem Außenpolitiker Norbert Röttgen und dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (Grafik). Laschet wünschen sich jedoch die politischen Eliten an der Parteispitze, während Merz bei ihnen hinter Röttgen nur auf dem dritten Platz landet. Das zeigt das aktuelle Elite-Panel, für das die Meinungsforscher von Allensbach 517 Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung im Auftrag der F.A.Z. und des Wirtschaftsmagazins „Capital“ befragt haben.

Gesundheitsminister Jens Spahn kandidiert, anders als Ende 2018, diesmal bisher nicht für den Vorsitz, sondern als Tandem-Partner von Laschet für einen Vize-Posten. Da Spahn weiterhin eigene Ambitionen unterstellt werden und sein Eingreifen in den Wettbewerb theoretisch bis zuletzt möglich wäre, wurden die Führungskräfte auch nach Spahn gefragt. Das Resultat ist für Spahn, der in der Corona-Krise eine prominente Rolle hat und sich hoher Beliebtheitswerte in der Bevölkerung erfreut, eher enttäuschend. In den Chefetagen der Unternehmen sähe ihn zwar jeder fünfte Befragte gern an der CDU-Spitze, aber unter den politischen Entscheidern ist sein Rückhalt marginal.



„Die Wirtschaft sieht Merz als einen der Ihren, die Politik präferiert mit Abstand Laschet“, sagt Allensbach-Chefin Renate Köcher. Der Jurist Merz hat nach seinem Rückzug aus der Politik 2009 in der Wirtschaft Karriere gemacht. Er war Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen Tochtergesellschaft von Blackrock, dem weltgrößten amerikanischen Vermögensverwalter, bevor er sich 2018 wie Spahn um die Merkel-Nachfolge bewarb – und der Dritten im Bunde, Annegret Kramp-Karrenbauer, knapp unterlag.

Die Ergebnisse des Elite-Panels liefern keine Anhaltspunkte, für wen sich die 1001 CDU-Delegierten an diesem Samstag auf dem digitalen Parteitag entscheiden werden. Allerdings spiegeln sich in den Antworten der Führungskräfte auch die unterschiedlichen Lager in der CDU und ihrer Basis. Das weist dem neuen Parteichef eine überragende Aufgabe zu: Will er die CDU als derzeit einzige deutsche Volkspartei (in Umfragen liegt sie um 35 Prozent) erfolgreich im Herbst in die Bundestagswahl führen – ob auch als Kanzlerkandidat oder nur als Vorsitzender –, muss er die Lagergrenzen sehr schnell überwinden.

Misslingt ihm das, könnte sich eine Sorge bestätigen, die die Führungskräfte eint: Sie befürchten, dass der Wettbewerb um den Vorsitz von Nachteil für die Christdemokraten ist. Zwei Drittel der befragten Eliten erwarten, dass die Partei geschwächt aus der fast einjährigen Kandidatensuche hervorgeht. Demoskopin Köcher hält die Sorge für berechtigt und verweist auf die SPD. Deren in einem langen Auswahlverfahren mit knappen Ergebnissen per Mitgliederentscheid gekürte Ko-Parteivorsitzende haben die Sozialdemokraten nicht vorangebracht. Auch die frühe Kür von Bundesfinanzminister Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten der SPD hat sich in den Umfragen bisher kaum ausgezahlt – obwohl Scholz in der Corona-Krise Milliardenhilfen verteilt.

 


Anders als die SPD haben sich die Grünen noch nicht festgelegt, wen sie in den Kampf um die Nachfolge von Angela Merkel schicken. Immerhin kennen CDU und CSU mit Scholz aber einen der Kanzlerkandidaten, gegen den ihre noch zu nominierende Kanzlerhoffnung antreten muss. Die Schwesterparteien wollen ihren Kandidaten (Frauen erscheinen derzeit chancenlos) erst in einigem Abstand zur Wahl des CDU-Chefs küren. Heiß gehandelt wird auch der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Die Union dürfte sich daher dafür interessieren, welche aktuellen Kanzlerpräferenzen die Eliten haben, wenn sie zwischen Scholz und einem der in Rede stehenden Unions-Männer wählen müssten.

Das bemerkenswerte Ergebnis: Gegen Scholz würde die Wirtschaft allen voran Söder vorziehen, aber auch ein Kanzler Merz, Laschet und Röttgen wäre den Managern und Unternehmern lieber als Scholz. Hingegen würden die politischen Eliten nur Ministerpräsident Laschet den Vorzug vor einem Kanzler Scholz geben. Laschet wäre demnach die gemeinsame Schnittmenge der beiden Lager – und damit der Kanzlerkandidat, der zumindest die gespaltenen Eliten am ehesten hinter sich versammeln könnte.



Viel einheitlicher als die Meinung über die Kandidaten von CDU und CSU ist die Erwartung der Führungsspitzen an den Wahlausgang im Herbst. Sie rechnen mit einer schwarz-grünen Koalition, mehr noch: Sie wünschen sich diese nun auch. Zum ersten Mal führt die Farbkombination Schwarz-Grün die Wunschliste an. Nur noch 25 Prozent der Befragten bevorzugen eine Koalition von Union und FDP. Ein schwarz-grün-gelbes Jamaika-Bündnis rangiert auf Platz drei.

 


Vor vier Jahren hatten 65 Prozent der Eliten einer Koalition der Union mit der FDP den Vorzug gegeben. Für Köcher ist der dramatische Schwenk in der Gunst der Eliten die Quittung für das Nicht-regieren-Wollen der FDP nach der Wahl 2017. Damals hatte FDP-Chef Christian Lindner nach längeren Verhandlungen über ein Jamaika-Bündnis erklärt, die Liberalen wollten lieber gar nicht regieren als schlecht in einer Koalition, die ihren Ideen keinen Raum biete. Darauf verwies am Mittwoch CDU-Kandidat Röttgen, als er sich öffentlich gegen eine schwarz-gelbe Koalition stellte.



Für das repräsentative F.A.Z.-Capital-Elite-Panel hat Allensbach 112 Politiker befragt, darunter 20 Minister oder Ministerpräsidenten. Aus der Wirtschaft 357 Personen, darunter 100 Vorstände von Unternehmen mit mehr als 20000 Beschäftigten. 48 Befragte kommen aus der Verwaltung, mehrheitlich sind es Leiter einer Bundes- oder Landesbehörde. Wie die Eliten die Corona-Politik beurteilen und was sie vom neuen amerikanischen Präsidenten erwarten, veröffentlicht die F.A.Z. am nächsten Donnerstag.


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 14.01.2021 07:36 Uhr