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Poker-Boom : James Bond zockt mit Spielkarten aus Ostdeutschland

  • -Aktualisiert am

Gestapelt, nicht geschüttelt: Warns und seine Kartenspiele Bild:

ASS Altenburger profitiert vom neuen Poker-Boom. „Es gibt derzeit keinen besseren Werbeträger für Spielkarten als 007“, freut sich Geschäftsführer Warns. Er sieht die Entwicklung aber nicht nur positiv.

          Vom neuen James-Bond-Film „Casino Royale“erhoffen sich nicht nur die Hersteller edler Uhren, Autos oder Mixgetränke frischen Absatz, sondern auch eine weniger spektakuläre Branche: die Spielkartenindustrie. In der Gangstergeschichte rund um ein verrufenes Spielkasino, die an diesem Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, zocken Bond und die Bösen hingebungsvoll um Geld, Liebe, Macht und Tod. Und das mit Spielkarten aus Ostdeutschland.

          „Wir sitzen bei Bond am Spieltisch und wollen mitgewinnen“, sagt Peter Warns, der Geschäftsführer der Spielkartenfabrik ASS Altenburger in Thüringen. „Es gibt derzeit keinen besseren Werbeträger für Spielkarten als 007.“ Über die Werbe-Lizenz für den Mann mit der Tötungslizenz verfügen die Altenburger und ihr Mutterkonzern, die belgische Cartamundi-Gruppe, schon lange.

          Zum Filmstart gibt es jetzt erstmals ein eigenes Bond-Pokerset mit Karten und Spielchips und spezielle Casino-Royale-Spielkarten mit den aufregendsten Filmszenen. „Poker ist schon seit einiger Zeit im Kommen, der Bond-Boom fördert das noch“, sagt der Fabrikchef. Seit die Partien der weltbesten Zocker auch im deutschen Fernsehen gezeigt werden, verkaufe ASS Altenburger mehr Pokerblätter als je zuvor. „Der Umsatz hat sich in einem Jahr verzehnfacht, allerdings von einem sehr niedrigen Niveau aus“, sagt Warns.

          Hohes Ansehen

          Er sieht die Entwicklung nicht nur positiv. Durch die große Fernseh- und Kinoverbreitung setze sich immer mehr die internationale, englischsprachige Gestaltung der Spielkarten durch. Das gilt zum Beispiel für die Buchstaben in den Ecken der Bildkarten, wo „Q“ (Queen) statt „D“ (Dame) steht oder „J“ (Jack) statt „B“ (Bauer, Bube). Diese Designs stellen Produzenten aus aller Welt her und drängen damit auf den deutschen Markt, der bisher an heimische Blätter gewohnt war. „Unser Trumpf ist immer unser eigenes, geschütztes Kartenbild gewesen. Das wollten die Leute haben, und sie bekamen es nur von uns“, sagt Warns. „Wir müssen aufpassen, daß wir uns in der Freude über den Poker-Boom nicht das eigene Wasser abgraben.“

          Noch länger kämpft Warns gegen eine andere Bedrohung: die Produktpiraterie. Gerade weil die patentierten „Original Altenburger Spielkarten“ im Markt ein so hohes Ansehen genießen, werden sie oft illegal kopiert und nach Deutschland geschmuggelt. Vor wenigen Wochen zerhäckselten die Altenburger öffentlich 60.000 Rommé-Kartenspiele aus China, die während der Frankfurter Buchmesse sichergestellt worden waren. Die sieben Tonnen schwere Fracht brachte es auf einen potentiellen Wiederverkaufswert von 100 000 Euro. In den vergangenen drei Jahren haben die Ermittler zehn größere Fälle von Piraterie im Wert von einer Million Euro vereiteln können. „Aber die Dunkelziffer ist natürlich riesig“, klagt der Geschäftsführer.

          „Ein schöner Wachstumsmarkt“

          Jeder Euro Schaden setzt ASS Altenburger zu. ASS ist zwar Marktführer in Deutschland, aber doch nur ein kleiner Mittelständler: 22,7 Millionen Euro wurden 2005 erwirtschaftet. 24 Millionen Euro sollen es in diesem Jahr werden, wenn 45 Millionen Kartenspiele verkauft werden. „Das wird unser Rekordjahr, was wir auch unseren Fußball-Karten in der Weltmeisterschaft zu verdanken haben“, sagt Warns. Obgleich die Gesellschaft nur 151 Mitarbeiter beschäftigt, ist sie einer der wichtigsten Arbeitgeber in der strukturschwachen „Skatstadt“ Altenburg.

          Hier fand das Spiel zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu seiner heutigen Form, hier tagt heute noch das deutsche Skat-Gericht. Auf die Investitionen der Kartenhersteller ist man stolz. Erst im vergangenen Jahr steckte Cartamundi, der belgische Mutterkonzern und Weltmarktführer, 5 Millionen Euro in seine neue Druckhalle in Altenburg, in diesem Jahr fließen eine Million in eine moderne Kartenverarbeitungsmaschine. Damit bedienen die Altenburger drei Geschäftsfelder: normale Spielkarten samt Lizenzkarten für Disney, Barbie oder Bond; Karten für Gesellschaftsspiele sowie Werbekarten - von Haribo bis Kümmerling. „Ein schöner Wachstumsmarkt“, sagt Warns.

          Wiedervereinigung in der Spielkartenwelt

          Der positive Ausblick ist der bisherige Höhepunkt in einer langen wechselvollen Unternehmensgeschichte. Nach der ersten urkundlichen Erwähnung eines Kartenmachers in der Stadt anno 1509 kam es 1765 in Stralsund und 1832 in Altenburg zur Gründung des Unternehmens „Altenburg Stralsunder Spielkarten“ (ASS). Bis zum Zweiten Weltkrieg galt ASS als eine der wichtigsten Kartenfabriken in Europa. 1946 flüchtete die Eigentümerfamilie nach Westdeutschland und zog in Stuttgart ein neues Unternehmen namens ASS hoch, einen erfolgreichen Spiele- und Puzzleverlag. In Altenburg wurde unterdessen die einzige Spielkartenfabrik der DDR direkt der SED unterstellt, weil das Regime Druckereibetriebe besonders überwachen wollte.

          Zur Wendezeit arbeiteten hier etwa 140 Personen - also weniger als heute -, ihre Zahl halbierte sich aber bald nach der Privatisierung durch den westdeutschen Spielkartenhersteller F.X. Schmid, einen Konkurrenten von ASS. 1996 übernahm der Ravensburger-Konzern F.X. Schmid und verlagerte die Kartenproduktion für seine Gesellschaftsspiele nach Altenburg. Nachdem, unabhängig davon, das Unternehmen Schmidt Spiele die ASS AG gekauft hatte, entbrannte mit Ravensburger ein Rechtsstreit um die Bezeichnung „Altenburger Spielkartenfabrik.“ ASS gewann den Rechtsstreit. Fortan durften sich die Thüringer nur noch „Spielkartenfabrik Altenburg“ nennen.

          Erst im neuen Jahrtausend fanden ASS und Altenburger wieder zusammen. Nachdem Cartamundi aus eigener Kraft auf dem deutschen Kartenmarkt nicht landen konnte, übernahm es 2001 zunächst ASS und 2002 Altenburger. „Damit wurde die Wiedervereinigung auch in der Spielkartenwelt vollzogen“, sagt Warns. Wie im großen hatte auch die Vereinigung im kleinen ihren Preis: Während Cartamundi die Altenburger Fertigung ausbaute, gab es den Standort Stuttgart auf.

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