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Plastikmüll : Kann chemisches Recycling die Lücke schließen?

Eine Arbeiterin sortiert Plastikflaschen in einer Recyclinganlage in Denpasar auf Bali. Bild: Reuters

Noch immer gelingt kein perfekter Kreislauf in der Abfallwirtschaft. Eine neue Studie schlägt vor, auf chemisches Recycling zu setzen. Das soll der Umwelt helfen und Rendite bringen.

          Trotz vieler Innovationen stößt das mechanische Recycling immer noch an seine Grenzen. Sind Kunststoffen etwa Weichmacher beigemengt, vermindert das ihre Einsatzmöglichkeiten in neuen Produkten. Verbundmaterialien lassen sich besonders schwer verwerten, zudem nimmt die Reinheit des Materials mit jedem Zyklus ab. Das macht diese Art von Abfall so gut wie wertlos, er wird verbrannt oder auf Deponien gelagert – und gelangt von dort in die Umwelt. Das ist besonders in Südostasien und China ein Problem: Der Fluss Yangtze allein transportiert 50 Prozent des globalen Plastikmülls in das Ostchinesische Meer.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Eine Lösung könnte das chemische Recycling sein, wie eine am Montag veröffentlichte Studie der Boston Consulting Group (BCG) nahelegt. Komplexe Kunststoffe werden dabei durch Erhitzung in Rohmaterialien wie Öl oder Gas umgewandelt. Die Autoren der Studie argumentieren, dass chemisches Recycling unter bestimmten Bedingungen eine Lücke in der Abfall-Kreislaufwirtschaft schließen könnte. „Auch in Zukunft wird sehr viel Plastik produziert werden, und das aus gutem Grund. Medizintechnische Anwendungen aber auch Windenergie und Elektromobilität etwa sind ohne Hochleistungskunststoffe nicht vorstellbar“, sagte Studienautor und BCG-Senior-Advisor Udo Jung der F.A.Z. Ob und wann diese jemals mechanisch recycelt werden können, ist ungewiss.

          Das sieht auch Christina Dornack, Professorin für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der TU Dresden so: „Wir werden es nicht schaffen, alle Kunststoffprodukte, insbesondere Lebensmittelverpackungen aus Monokunststoffen herzustellen. Es sind noch grundlegende Fragen zu klären hinsichtlich Schadstoffverbleib und Verwertung der Reste des chemischen Recyclings. Auch energiebilanziell ist es fraglich“, sagte sie der F.A.Z. Aber im hochkomplexen Kunststoffmarkt sollte man alle technischen Möglichkeiten der Kreislaufschließung, also auch das chemische Recycling, prüfen.

          Besonders in Südostasien und China, wo es eine hohe Konzentration an Deponien, wenige Recyclinganlagen und viel Müll gibt, sei das Verfahren interessant, heißt es in der Studie. Steht genügend Müll zu Verfügung, kostet er wenig und gibt es eine Nachfrage nach dem Endprodukt, birgt chemisches Recycling großes Geschäftspotential, glauben die Autoren.

          In ihrer Untersuchung acht verschiedener Weltregionen und drei unterschiedlich entwickelter Abfallmärkte fanden sie heraus, dass beispielsweise in einigen amerikanischen Bundesstaaten, wo der Müll reichlich und billig ist, Margen von bis zu 30 Prozent möglich sind. In dem französischen Département Seine-Maritime hingegen, das die Autoren wegen ihrer hohen Dichte an ansässigen Chemieunternehmen ausgewählt haben, fällt wenig Abfall an. Hier müsste der Müll aus umliegenden Regionen herangekarrt werden, was auf die Marge drückt und neue ökologische Probleme aufwirft. Doch in allen untersuchten Märkten würde es sich laut den Autoren wirtschaftlich lohnen, chemische Recyclinganlagen zu betreiben, und auch die Umwelt könne profitieren. So sei es möglich, bis zu zwei Drittel des Mülls der indonesischen Stadt Jakarta dadurch zu verarbeiten.

          „Es geht weniger darum, dass chemisches Recycling besonders umweltschonend ist, sondern die beiden noch viel schlechteren Stufen – Verbrennung und Deponierung – zu vermeiden“, sagte Jung. In der Pyramide des Müllmanagements sehen die Studienautoren die Vermeidung und Reduzierung von Abfall an erster Stelle und den Austritt in die Umwelt als absolutes „Worst-Case-Szenario“. Jung glaubt, dass chemisches Recycling in den kommenden fünf Jahren an Bedeutung gewinnen wird und es sich insbesondere für Chemie- und Recyclingunternehmen lohnen wird, Ressourcen zu bündeln und in entsprechende Anlagen zu investieren. In Deutschland geht der Chemieriese BASF mit dem Projekt „ChemCycling“ voran, auch Coca-Cola untersucht Anwendungsmöglichkeiten.

          „Immer wieder gab und gibt es interessante Entwicklungen, die aber in den letzten 20 Jahren nicht über den Pilotmaßstab hinausgekommen sind“, sagt Dornack. Das mag auch daran liegen, dass chemisches Recycling in der EU nicht der Recyclingquote angerechnet werden darf. „Das müsste noch einmal geprüft werden“, sagt Dornack und betont gleichzeitig: „Die beste Lösung wäre jedoch, ein besseres Produktdesign zu fördern, Ansätze zur Vermeidung von Kunststoffabfällen voranzutreiben und die Recyclingkapazitäten auszubauen.“ Und auch ein Verbot von nicht recycelbaren Kunststoffen sei ein Ansatz.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war von der Stadt Seine-Maritime die Rede. Tatsächlich handelt es sich aber um ein Département. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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