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Nach Voll-Privatisierung 1997 : Pläne für Staatseinsteig bei Lufthansa reifen

Geparkt: Lufthansa-Flugzeuge auf der Frankfurter Nordwest-Landebahn Bild: dpa

Der Luftfahrtkonzern benötigt Hilfe in Milliardenhöhe. Die Bundesregierung strebt eine schnelle Lösung an. Und das ist noch nicht alles.

          4 Min.

          Auf Staatsbeteiligungen an Fluggesellschaften ist man im Lufthansa-Konzern eigentlich nicht gut zu sprechen. Waren es doch Staatsbetriebe anderer Länder – mal vom Persischen Golf, mal aus Fernost – die dem deutschen Konzern auf internationalen Strecken zusetzten, mitunter mit günstigen Tickets aus Staatshand. Doch in der Corona-Krise, die die gesamte Luftfahrt in ihrer heutigen Beschaffenheit auf den Prüfstand stellt, ändert sich vieles. Mittlerweile befindet sich Lufthansa selbst in Gesprächen mit der Bundesregierung, die wohl in einen Wiedereinstieg des Staats bei Europas größtem Luftfahrtkonzern münden, der 1997 vollständig privatisiert wurde.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Offiziell hält man sich bedeckt, man prüfe im Kontakt mit dem Bund und der staatlichen KfW-Bank „alle Optionen“, verkündet der Konzern seit Tagen stoisch. Doch hinter den Kulissen sind die Gespräche weit gediehen. Man wolle zügig zu einer Entscheidung kommen, verlautet aus Berliner Regierungskreisen.

          In der Branche heißt es, dass es um einen höheren einstelligen Milliardenbetrag an Zuwendungen vom Staat geht. Dabei spielen Liquiditätshilfen eine Rolle, aber auch direkte Kapitalzufuhr durch eine stille Teilhaberschaft, Mischfinanzierungen oder Aktienkäufe des Bundes.

          An der Börse ist Lufthansa aktuell knapp 3,9 Milliarden Euro wert. Würde der Staat allein durch den Kauf neuer Aktien helfen, bliebe allen derzeitigen Aktionären zusammen nur ein Bruchteil am Konzern. „Eine Verstaatlichung hat die Bundesregierung ja schon öffentlich verneint“, beeilte sich Konzernchef Carsten Spohr daher jüngst im „Spiegel“ dieses Szenario auszuschließen.

          Was Gutscheine mit der Lufthansa-Hilfe zu tun haben

          Um wie viel Geld es letztlich geht, ist nach Informationen der F.A.Z. noch nicht festgezurrt. Auf dem Tisch liegen mehrere Szenarien – ein entscheidender Einflussfaktor ist die Frage, ob der Bund bei der EU-Kommission durchgesetzt bekommt, dass Tickets für ausgefallene Flüge nicht mehr erstattet werden müssen und stattdessen Gutscheine ausgegeben werden dürfen.

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          Einen Tag nachdem die Regierung in Berlin ihre Gutscheininitiative angekündigt hat, beharrt die EU-Kommission aber zumindest offiziell auf ihrem bisherigen Standpunkt, dass Zwangsgutscheine nicht rechtens sind. Dass die Niederlande mit einem Alleingang in der Gutscheinfrage drohten, soll hinter den Kulissen in Brüssel fast zum Eklat geführt haben. In den deutschen Hilfsgesprächen gibt es die ungeschriebene Formel: Je mehr der Bund bei der EU in der Gutscheinfrage erreicht, desto günstiger wird daheim die Lufthansa-Stützung. Es geht dabei dem Vernehmen nach um eine Differenz in Milliardenhöhe.

          Auch Condor ist ein Thema in Berlin

          In der deutschen Luftfahrt ist es nicht nur Lufthansa, die Hilfe vom Staat benötigt. Die Analysten von Scope stufen die Überlebensfähigkeit des Konzerns mit am höchsten ein, weil Lufthansa im Vergleich zu den meisten Wettbewerbern mehr Flugzeuge gekauft statt gemietet hat. Zudem beziffert der Konzern seine flüssigen Mittel auf 5,1 Milliarden Euro, doch der Wert schrumpft, je länger die Coronakrise dauert. An einigen Flughäfen wird derweil das Geld knapp. Die Betriebe, die sich mehrheitlich in Staatsbesitz befinden, sind von den aktuellen Überbrückungsprogrammen der KfW-Bank ausgeschlossen.

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