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Piraterie : Wenn die Granate in die Bordwand donnert

  • Aktualisiert am

Verlockendes Kaperobjekt: Die Seabourn Spirit Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Weil Piraten die ungeschützten Gewässer heimsuchen, gilt die somalische Küste als eine der gefährlichsten Seefahrerregionen der Erde. Die Kapitäne helfen sich mit Schallkanonen, die Freibeuter besorgen sich Ohrenschützer.

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          Als die „MS Deutschland“ Mitte November das Horn von Afrika weitläufig passierte, mußten sich die Passagiere keine Sorgen machen. Denn eine Fregatte der deutschen Marine eskortierte das „ZDF-Traumschiff“. Die „Seabourn Spirit“ hatte indes keinen Geleitschutz, als sie zwei Wochen zuvor auf der Fahrt von Alexandria nach Mombasa am Horn von Afrika vorbeifuhr - und angegriffen wurde.

          Somalische Piraten nahmen das amerikanische Kreuzfahrtschiff unter Beschuß. Von zwei Schnellbooten aus feuerten sie mit Granaten und Gewehrkugeln auf den Dampfer. Der Kapitän reagierte wie im Film: Er versuchte, eines der Boote zu rammen und nahm dann mit voller Kraft Kurs aufs offene Meer. Außerdem nutzte er eine Geheimwaffe, die bislang vor allem vom amerikanischen Militär eingesetzt worden ist: das Long Range Acoustic Device, kurz LRAD. Der 30.000 Dollar teure Apparat, der aussieht wie eine TV-Satellitenschüssel, löst höllisch laute Lärmwellen aus, die bei Angreifern wahnsinnige Schmerzen und - je nach Nähe und Dauer der Beschallung - sogar Hörverlust verursachen können. Angeblich hat diese Lärmmaschine die Seeräuber in die Flucht geschlagen.

          „Einfach Kopfhörer besorgen“

          Werden deutsche Reedereien diese Knallbombe nun auch für ihre Schiffe bestellen? „Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Detlef Meenk, Sicherheitsexperte beim Verband Deutscher Reeder. „Jetzt ist ja überall bekannt, daß es dieses Gerät gibt. Also werden sich viele Piraten einfach Kopfhörer besorgen. Außerdem greifen Piraten oft mit mehreren Booten von verschiedenen Seiten an. Ein einziges LRAD an Bord würde also möglicherweise gar nicht reichen.“

          Nach Ansicht Meenks sprechen auch grundsätzliche Erwägungen gegen den Einsatz des Lärmgeräts. Angreifer werteten dies als eine echte Waffe. „Das kann die Gewaltbereitschaft deutlich erhöhen und die Situation eskalieren lassen.“ Generell verfolgten Reedereien ja eine Deeskalationsstrategie. Dabei greifen im Fall eines - meist nächtlichen - Angriffs folgende Schutzmechanismen: das ganze Schiff mit Flutlichtern hell erleuchten, Signalhorn unter Volldampf, alle Schotten dicht machen, Geschwindigkeit erhöhen.

          Immer aggressiver auf Beutefang

          Die 3700 Kilometer lange Küste Somalias, wo es weder eine Marine noch eine Küstenwache gibt, gilt inzwischen als eine der gefährlichsten Seefahrerregionen dieser Erde. Ehemalige Fischer, die von somalischen Kriegsherren befehligt werden, gehen immer aggressiver auf Beutefang. Das International Maritime Bureau (IMB) in London rät, diese Küste mindestens in einem Abstand von 200 Seemeilen zu passieren. Trotzdem kommt es noch zu Überfällen, denn vermutlich agieren die Seeräuber mit ihren wendigen Schnellbooten von einem großen Basisschiff aus, das weit draußen im Meer liegt. „Eine amerikanische Spezialeinheit ist bereits auf der Suche nach diesem Mutterschiff“, sagt Meenk.

          Bislang lag der Schwerpunkt der internationalen Piraterie in Südostasien. Aber der Tsunami hatte auch die Infrastruktur vieler Seeräuber zerstört. Doch inzwischen berappeln sich die Banditen: „Die Zahl der Überfälle in dieser Region zieht wieder an“, sagt Meenk. Daher erwartet er in diesem Jahr etwa genauso viele bewaffnete Überfälle wie 2004, als es weltweit 325 Vorfälle gab. Zu den Opfern zählen 20 bis 30 (Vorjahr: 29) deutsche Schiffe, wobei es in diesem Jahr weder Tote noch Verletzte gegeben habe. „Am häufigsten handelt es sich um Diebstähle, während die Schiffe vor Anker liegen.“

          Dabei bekommen nur wenige Besatzungsmitglieder die Täter überhaupt zu Gesicht: „Die Zahl der Fälle, wo es zu einem persönlichen Kontakt mit einem Piraten kommt, lassen sich in der internationalen Handelsschiffahrt an zwei Händen abzählen.“ Auch Hans-Heinrich Nöll, Hauptgeschäftsführer des Reederverbandes, will den Schaden der Piraterie nicht überbewertet wissen: Bezogen auf die Zahl der Durchfahrten in der berüchtigten Straße von Malakka, seien zuletzt nur 0,008 Prozent der Schiffe von Überfällen betroffen gewesen.

          Gefahr in Südostasien

          Im Jahr 2004 wurden weltweit 325 bewaffnete Überfälle auf Schiffe gemeldet, im Jahr zuvor waren es sogar 445 gewesen. Die meisten davon fanden in Indonesien (93), der Straße von Malakka (37) und Nigeria (28) statt. Tangiert war auch die internationale Handelsschiffahrt. Die schwerwiegenden Überfälle, bei den Menschen getötet und Schiffe entführt wurden, betrafen allerdings überwiegend die Regionalschiffahrt im südostasiatischen Raum. Deutsche Schiffe blieben zuletzt von schwerwiegenden Übergriffen verschont. Im Sommer hat die internationale Versicherungswirtschaft die Straße von Malakka (Südostasien) zu einem Kriegsrisikogebiet erklärt. Deshalb müssen die Reedereien, die ihre Schiffe durch diese Meerenge fahren lassen, fortan Extra-Prämien für ihre Seekaskoversicherung zahlen. Die Verhandlungen mit den Versicherern laufen bereits. Japanische Versicherer haben bereits zum 1. September dieses Jahres ihre Prämien für japanische Schiffe erhöht.

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