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Piraterie : Stacheldraht und „Panic-Room“

Kampf den Piraten: Einsatz im Golf von Aden Bild: dpa

Piraten machen den deutschen Reedern schwer zu schaffen. Doch sie setzen sich zur Wehr: Stacheldraht und ein „Panic-Room“, in den die Mannschaft bei einer Kaperung flüchten kann, sollen die Piraten abschrecken.

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          Angriff ist die beste Verteidigung. Nach dieser Devise bieten etliche private Sicherheitsfirmen an, Schiffe vor Piratenangriffen zu schützen. Dabei gibt es wahrlich abenteuerliche Vorschläge, um den „Fluch von Aden“ zu bannen. So könnte man die seefahrerische Problemzone am Horn von Afrika in Anlehnung an den Kinoschlager „Fluch der Karibik“ bezeichnen. Nur dass die somalischen Piraten-Clans weitaus brutaler und humorloser ans Werk gehen als Captain Jack Sparrow alias Johnny Depp.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Nicht minder brutal versprechen manche Söldnertruppen zu agieren, die den Reedern ihre Dienste anbieten. „Die haben eine Kampfausrüstung dabei, mit der sie ein halbes kleines afrikanisches Land ausräuchern könnten“, sagt ein Schiffseigner, der sich mit den Offerten auseinandergesetzt hat. Hinter der Aufrüstung an Bord steckt ein klares Versprechen: Wenn das Piratenboot herandonnert, donnern zur Abwehr die Kanonen. Wer soll es schon bemerken, wenn auf hoher See ein kleines Schnellboot mit sechs Mann Besatzung in die Luft gejagt und versenkt wird? Auch Max Johns vom Verband deutscher Reeder kennt die Angebote der privaten Schutztruppen. „Wir raten dringend davon ab, sie anzunehmen. Wenn kampfbereite Sicherheitskräfte an Bord sind, wächst die Gefahr für die Besatzung.“ Und für den Abschuss von Piraten gebe es keine Rechtsgrundlage: „Aus Selbstschutz darf nicht Mord werden.“

          Im Fall einer Kaperung in Sicherheit bringen

          Nach Johns Kenntnis hat bislang kein einziger deutscher Reeder bewaffnete Sicherheitskräfte angeheuert. Dabei sind gerade deutsche Schiffsunternehmer am stärksten von Piratenangriffen betroffen: Im vergangenen Jahr wurden die meisten Übergriffe (Versuche und erfolgreiche Attacken) gegen Schiffe deutscher Reeder geführt (41), gefolgt von Singapur (31), Griechenland (23), Japan (16) und Norwegen. Insgesamt gab es 293 Überfälle, davon 111 im Golf von Aden. In diesem Jahr sind bereits vier Schiffe deutscher Reeder in die Hand somalischer Piraten gefallen.

          Seit April in der Hand somalischer Piraten: die „Hansa Stavanger”

          Wie also sollte man auf die Piratenangriffe reagieren? Der Verband rät zu passiven Schutzmaßnahmen. Dazu gehört, Stacheldraht oder den deutlich schärferen Nato-Draht um die Bordband oder die Reeling zu wickeln. „Das klingt banal, ist aber äußerst wirkungsvoll“, sagt Johns. Denn durch die unangenehme Stachelbarriere werde der Angriff verzögert. So erhöht sich die Chance, dass Hilfe kommt, bevor die Besatzung in die Hände der Seeräuber fällt. In diesem Sinne ist auch der Einbau eines sogenannten „Panic-Room“ sinnvoll, in dem sich die Crew im Fall einer Kaperung in Sicherheit bringen kann.

          Leidgeprüfte Besatzung

          Nach einer Branchenumfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PWC zählen Stacheldraht und „Panic-Room“ tatsächlich schon zu den Abwehrinstrumenten deutscher Reeder. Einzelne Schiffseigner seien aber auch schon so weit gegangen, zur Abschreckung ein Kanonenboot zu installieren oder russische Soldaten an Bord zu nehmen, sagte PWC-Partner Claus Brandt während der Vorstellung der Umfrageergebnisse in Hamburg. Insgesamt sei bereits jede fünfte deutsche Reederei in irgendeiner Form von Piraterie betroffen gewesen. Dies bekommen die Reeder auch in der Ertragsrechnung zu spüren: Zum einen kosten die Sicherheitsmaßnahmen eine Menge Geld. Zum anderen steigen wegen der wachsenden Risiken die Versicherungsprämien. Wenn die Fahrt am Horn von Afrika vorbeiführt, kann sich der Prämienzuschlag auf bis zu 100.000 Dollar belaufen, heißt es in der Branche. Hinzu kommt zuweilen noch die Prämie für die Lösegeldversicherung.

          Bisher ist kein deutsches Schiff, das von Piraten gekapert wurde, ohne Lösegeldzahlung freigekommen. Die drei deutschen Reedereien Beluga, Lehmann und Buss, die sich im vergangenen Jahr zur Rettung ihrer Schiffe und Besatzungen gezwungen sahen, dürften jeweils Geldkoffer mit knapp 2 Millionen Dollar gen Süden geschickt haben. Auf ein Lösegeld in dieser Größenordnung müssen sich auch die Eigner der „Hansa Stavanger“ gefasst machen. Der Hamburger Frachter ist schon seit Anfang April in der Hand somalischer Piraten. Ein ursprünglich geplanter Befreiungsversuch durch die deutsche Spezialeinheit GSG9 kam nicht zustande. Für die leidgeprüfte Besatzung geht der „Fluch von Aden“ also weiter.

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