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Seeräuber-Geschichten : Der seltsame Reiz der Piraterie

Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein: Gefangennahme des Piraten Edward Teach, genannt Blackbeard, gemalt von Jean Leon Gerome Ferris (1863–1930) Bild: Interfoto

Piraten sind gewaltbereite Kriminelle. Auf ihren Schiffen haben sie rechtsfreie Räume errichtet und wandelten illegal erworbenen Besitz in Vermögen um. Warum bloß schwärmen Historiker und Ökonomen so oft von ihnen?

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          Edward D’Oley, der Gouverneur des britischen Jamaikas, verkündete im Jahr 1661, dass der gerade geschlossene Frieden zwischen England und Spanien auf die Karibik keine Anwendung finde. Piraten und Freibeuter konnten folglich gefahrlos in Port Royal eine Basis errichten, von wo sie spanische Schiffe attackierten, ohne mit den Behörden in Konflikt zu kommen. Auch die Nachfolger von D’Oley tolerierten das Piratengewerbe: Tavernen, Bordelle, Piraten-Zubehörläden – sie alle bezogen von der Piraterie ihr Auskommen.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mehr und mehr verwischte danach der Unterschied zwischen kolonialem Esta­blishment und Freibeutertum, zwischen staatlicher Autorität und illegalem Geschäft. Henry Morgan (1635 bis 1688), einer der berühmtesten Piraten der Weltgeschichte und „Schrecken der Karibik“ genannt, vermochte seinen illegal erbeuteten Reichtum zu „legalisieren“, indem er in großem Stil in Zuckerrohrplantagen investierte. Am Ende wurde er sogar Vizegouverneur der Kolonie und zur Belohnung vom englischen König Charles II. zum Ritter geschlagen.

          Kommt uns das bekannt vor? Den Freibeutern von heute mag das Flair von Captain Morgan abgehen. Aber auch sie – die wir Oligarchen, Klepto- oder Plutokraten nennen – veredeln ihr auf zweifelhafte Weise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erworbenes Eigentum in von der britischen Krone geschützten „sicheren Häfen“ (Londongrad). Die Kopie eines Personalausweises genügte in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts, um in London Immobilien in großem Stil zu erwerben. Dass hinterher im Grundbuch nicht der Name aus dem Personalausweis eingetragen war, sondern eine Firma mit Sitz ausgerechnet in der Karibik, scherte niemanden. Aus Freibeutern waren „honorable men“, ehrbare Leute, geworden.

          Die regionalen Schwerpunkte ändern sich nicht

          Ist Piraterie womöglich eine zeitlose Existenzform, jenseits von Totenkopf, Augenklappe, Holzbein oder Johnny Depps „Fluch der Karibik“? Ist Piraterie gar ein Musterbeispiel illegaler Märkte, wo die Schwelle zwischen Legalität und Illegalität verwischt oder gar nicht greift?

          Beide Fragen wird man bejahen dürfen. Auch das klassische Geschäftsmodell der Piraten funktioniert übrigens noch, allen Fortschritten des Völkerrechts zum Trotz: In den vergangenen beiden Jahrzehnten registrierte die „International Maritime Organization“ (IMO) mehrere Tausend Piratenüberfälle auf Handelsschiffe. Besonders erfolgreiche Piratenjahre waren nach der IMO-Statistik die Jahre 2000 und 2011 mit jeweils mehr als 500 schweren Überfällen auf hoher See. Die regionalen Schwerpunkte sind dieselben wie zu klassischer Zeit der Piraterie: die Karibik, die afrikanische Küste und die fernöstlichen Hauptfahrwasser im Indischen Ozean.

          Insbesondere die Straße von Malakka bleibt höchst gefährlich. Dort werden derzeit so viele Schiffe überfallen wie seit Jahren nicht mehr. Allein im ersten Quartal 2022 hat sich die Zahl der Angriffe im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Singapur empfiehlt Kapitänen, die zwischen Europa und Nordasien unterwegs sind, ihre Schiffe mit Stacheldraht und Wasserkanonen auszustatten, Türen und Luken mit Stahlträgern zu sichern und die Mannschaft mit Helmen auszurüsten. Dass die Piraterie derart zugenommen hat, liegt an den gesunkenen Opportunitätskosten: Schwindende Beschäftigungsmöglichkeiten im Fischfang und Beschränkungen durch Corona lassen die Bewohner der indonesischen Küste nach alternativen Geschäftsmodellen suchen.

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